Mit ihrer Release-Show sind die Genetikk-Jungs im Live-Game einige Level weiter gesprungen. Deshalb wissen wir jetzt, was CH-Rapper von diesen Dagos noch lernen können.

Letztes Wochenende wurden wir nach Berlin eingeladen, um Zeuge einer fulminanten Release-Show zu werden. Als Vertreter der CH-Rap-Szene sollten wir mit eigenen Augen zu sehen bekommen, was es heisst, das Erscheinen einer neuen Platte würdig zu feiern. In Zusammenarbeit mit Red Bull versuchten Genetikk neue Massstäbe, was Live-Musik betrifft, im deutschen Rap-Game zu setzten. Um es mit den Worten Karuzos, dem MC der Crew, zu beschreiben: «Wir machen den International Favela-Shit!» Wie Favela-Shit? Zur Erklärung: Für die einmalige Show liess man sich extra eine Favela für die Bühne schreinern, so echt, als hätte man sie direkt aus Rio de Janeiro nach Berlin in Huxleys neue Welt geklont. Ganz nach dem Motto: «Das was auf der Platte geliefert wird, sollte auch auf der Bühne gelebt werden.» Denn auf ihrem neuesten Werk «Fukk Genetikk», erläutern sie in ihren Texten gekonnt die Gegensätze unser Gesellschaft. Das aufwändige Bühnenbild unterstreicht diese Message. Genetikk wollen, wie sie meinen mit derartigen Kulissen grosse Schritte gehen, um so dem Status als krasseste Live-Band Deutschlands näherzukommen.

Die ganze Show könnt ihr hier gemütlich nochmals streamen.

Hören, sehen und fühlen
Welche Priorität geniessen Auftritte aber im CH-Rap-Game? Stehen auch bald Favelas oder Wolkenkratzer auf der Bühne? Um eine bleibende Show zu gestalten sind vor allem zwei Dinge gefragt: Viel Kreativität, oder – wie so oft im Leben – das Money. Natürlich schafft man auch ohne finanzielle Mittel Gefühle von der Bühne aus zu transportieren, doch wenn sich das Portemonnaie nicht zu schade ist, kann man auch ganz locker eine ganze Stadt auf die Bühne bauen und so die Konzerthalle in eine neue Welt verwandeln. Doch das eigentliche Ziel einer Liveshow ist, dass man das Feeling, welches auf der Audiospur getragen wird, auf die Stage bringt. Das Publikum soll die Atmosphäre einatmen können, in den Vibes baden und sich als einen Teil dieser Welt, die vom Architekten auf der Bühne gebaut wird, fühlen. Doch viele CH-Rapper kommen über das belanglose Standard-Programm noch nicht hinweg. Das hat einen einfachen Grund: Um Zeit, Energie und Geld zu investieren, muss man schon im Vorhinein eine gewisse Erwartung an die kommenden Shows stellen können. Erst wenn man weiss, dass man an seinen Shows auf eine grössere Crowd trifft, ist man gewilligt, dem Zuhörer für sein Kommen auch eine kostbare Erinnerung mit auf den nachhause Weg zu geben. Und die Acts, deren Namen auf einem Flyer eine volle Hütte garantieren, kann man ja an zwei Händen abzählen. Leider überzeugen noch wenige Rapper mit ausgeschmiedeten Live-Konzepter, und wenn dann, sind es die üblichen Verdächtigen. Es schaffen viele Künstler nicht ihrer Live-Show Einzigartigkeit zu verleihen. Anders als auf Band, ist der Konsument in der Crowd eben nicht nur Zuhörer, sonder sieht, fühlt und hört gleichzeitig mit. So soll es die Aufgabe eines Show-Acts sein, die Gäste auf allen drei ebengenannten Ebenen zu befriedigen. Oftmals minimieren Musiker ihren Fokus aber stets auf eine Ebene. Ein Beipiel: Pop-Sternchen zielen nicht selten auf das Auge ab, ziehen das Publikum mit nackter Haut in ihren Bann und lassen die Musik mit riesigen Bühnenbilder und einstudierten Tanzchoreografien gekonnt in den Hintergrund rücken. Genetikk dagegen konnte letzten Freitag den Zuschauer als Zuhörer und Messageempfänger gewinnen. Sie haben also alle drei Ebenen miteinander verbunden. Und genau das hat noch kein Schweizer Rapper geschafft. Was wir also wieder zurück in die Schweiz nehmen, ist die Erkenntnis, dass unsere Rapper auf der Bühne zwar oftmals für das Ohr und Auge Spektakel liefern, doch die Show als komplettes Gesamtwerk nicht ausgereift genug ist und so daraus auch keine bleibende Botschaft resultieren kann.

Bild: Severin Gamper

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