In jeder Ausgabe nehmen wir ein aktuelles Album genaustens unter die Lupe. Voraussetzung: Die Platte bietet Interpretationsspielraum. Welche Message versucht der Künstler zu transportieren? Wie setzt sich das Soundbild des Werkes zusammen? Wie harmonieren Lyrik und Beat? In einem Track by Track gehen wir diesen Fragen auf den Grund. In der Juni-Ausgabe haben wir das Comeback-Album von Breitbild unter die Lupe genommen:

Out on Luv

«Iis für de Bourbon, Füür in dr Bruscht, i giba minem Engel und em Tüfel a Kuss.»

«Out on Luv» ist mehr als ein klassisches Intro. Der Track führt einen gleich ins Soundbild vom neuen Breitbild-Album ein: Es wird vermehrt mit organischen Instrumenten gearbeitet, der Sound kommt nicht mehr aus der Blechbüchse. Die Klänge sind soulig und rhythmisch, Anleihen aus dem Indie-Sound sind unverkennbar. Ziemlich cool! Breitbild waren für eine längere Zeit weg vom Fenster. So ist es nur konsequent, dass wir auf «Out on Luv» eine Selbstverortung von Andri, Vali, Thom und Hyphen in der HipHop-Landschaft Schweiz hören. Sie sind mittlerweile über 30, haben hierzulande schon fast alles erreicht und Alben gedroppt, die fast unmöglich zu toppen sind. Welche Träume haben die Jungs noch? Welche Ängste plagen sie? Und warum machen sie überhaupt noch Rap? Wenn du’s wissen willst: Hör dir den Track an.

30 isch ds neue 50

«Kömmed in mina Garte, nehmed eure Hund mit. Nehmed eure itreit Partner mit zum ene 90er-HipHop-Party-Hit-Nostalgie-Nomitag bim Thom dehei. Ehm, nei.»

Die Videoauskopplung «30 isch ds neue 50» ist in etwa der stereotype Track von Ü30-Rappern. Der Text ist selbstironisch, ein bisschen frech und gesellschaftskritisch und mag vielen Mitdreissigern so manches Schmunzeln aufs Gesicht zaubern. Als Vertreter der jüngeren Generation kann man jedoch mit dieser Art von Attitüde und Songwriting nicht besonders viel anfangen. Dasselbe gilt für den Beat, der an seinen schwächsten Stellen an Zirkusmusik erinnert, aber auch tolle Drums und Bassriffs hat. Für «30 isch ds neue 50» gilt: Kann man cool finden, muss man aber nicht.

Einsam

«Baby du fählsch mr nüm, denn i han dini Attribut gsammlet wiene Jäger und ghüetet wiene Pfleger und abgleit wiene Archiver ir Chronik vo de Abentür, zum sie in kalte Winternächt z studiere vor em Obigfüür.»

Was für ein Kontrast zum zuvor Gehörten! «Einsam» wird von einem wunderschönen Beat getragen: Das soulige Bläserarrangement passt perfekt zu den Gitarrenstrings. Auf der Songwriting-Ebene wenden sich Breitbild ihrer grossen Stärke zu: dem poetischen Erzählen. Auf «Einsam» erzählen die Jungs in einer ruhigen und verträumten Art vom Alltag in der grossen Kleinstadt (oder kleinen Grossstadt?) Chur und vermitteln dabei ein authentisches Lebensgefühl. Der Hörer bekommt Einblick in den interessanten State of Mind der Generation 30-plus und wird für die unaufgeregte Deepness von Kleinkunst sensibilisiert. Teacher-Shit.

Brett

«Wettbewerbsgwinner vo Planigsvergabe für Schlösser us Luft, Fassade us Gas, Garagenifahrte us farbigem Glas. Du bisch e Schriner, Finger im A*sch, Zimmermaa-Jesus i himmle mi ah.»

Der Track «Brett» ist ein grossflächig angelegtes Wortspiel mit den Komponenten eines Rap-Beats. Breitbild sind talentierte und wortgewaltige Rapper und können hier aus dem Vollen schöpfen. So gelingt es ihnen auch, aus der Grundidee einen unterhaltsamen Track zu machen und zu verhindern, dass das Meta-Game auf Dauer etwas ermüdend ist. Nicht ganz unschuldig dabei ist natürlich auch der heimliche Star des Songs – der Beat – der seinem Namen alle Ehre macht und definitiv ein «Brett» ist.

Aberglauba

«Gsehsch wie die do die do krüzt, lueg e Krüz in dere Hand hend nur e handvoll Lüt uf üsem Globus. Das isch kei Hokus-Pokus, do ich han sones Gspüri und kenn mi es biz mit Horoskop us.»

Auf einem beeindruckenden Beat, der eine atmosphärische und treibende Stimmung vermittelt, rappen Breitbild über die Liebe. Mit Metaphern aus der Geschichte der Magie, wie beispielsweise dem Kaninchen und dem Zylinder, wird das Objekt der Begierde umkreist. Der Track hat einen sehr interessanten und originellen Zugang zum Thema und gibt den Jungs wiederholt die Gelegenheit, ihre lyrische Gewandtheit zu manifestieren. Ein mystisches Stück CH-Rap!

Halleluja

«I bau dr a Welt usem Müll vom Openair Frauefeld, nur de Glaube zellt, i glauben a di. Yeah, Nobelpriis Philosophie.»

Auf «Halleluja» dreht sich wieder alles um die Liebe. Auf dem ersten Teil des Songs wird vom Zeitgeist gerappt: Feminismus, Gender-Studies, sexuelle Befreiung und Esoterik deuten auf einen Bruch im Zeitgeschehen, auf ein Neudenken von Themen wie Liebe und Erotik hin. Breitbild finden jedoch heraus, dass alle diese Diskussionen keine Rolle mehr spielen, wenn man den passenden Partner findet. Die Verehrung des Partners nimmt geradezu religiöse Züge an und schaukelt sich hoch bis zur grossartigen Hook. Diese vermittelt Gospel-Attitüde in Kombination mit Bläser-Elementen. Ganz grosses Kino.

Tanz

«Du hesch zwei linki Füess und alli dini Moves sind a kli spastisch, das isch fantastisch, will perfekt in unsri Rundi passisch.»

Sido und K.I.Z. bekommen Konkurrenz aus dem Bergkanton. Die Schweiz, das Land der Bewegungslegastheniker, hat jetzt einen eigenen Song übers Tanzen. Andri und seine Freunde verlassen ihren Lieblingsplatz an der Bar und lassen auf dem Dancefloor die Sau raus. Dabei machen sie eine richtig gute Figur. Lou, formerly known as Lou Geniuz, eine der groovigsten Stimmen des Landes, liefert eine genussvoll gesungene Hook. Das Feeling des Songs erinnert an die guten alten Funk-Tage. Wer braucht da noch Bruno Mars?

Kliistadtköniga

«Assugrin im Cafi, all black everything. Azug und Krawattefarb all black everything. Grüeziwohl, wie gohts, jede Tag Bill-Murray-Film.»

Ein wichtiges Motiv von «Breitbild» ist der Alltag. Stories über das Leben im Durchschnitt, über Helden des gar nicht so grauen Alltags, durchziehen die Texte von Vali & Co. Die Schweiz, ein wohlsituiertes Land mit vielen Vorschriften und festen Strukturen, liefert nicht immer den Stoff für die grossen Heldengeschichten, aber das hindert Breitbild nicht daran, uns witzige und unterhaltsame Stories aus ihrem Leben zu erzählen. So wird «Kliistadtköniga» ein bisschen zu einer Eigeninterpretation von Swissness, zu einer eigenen Nationalhymne. Vielleicht könnte man die Jungs von der Nati mal zur Abwechslung diesen Song vor den Länderspielen singen lassen, mehr Power als «Trittst im Morgenrot daher» hat er allemal.

Flagga

«Zmitzt in dinem Zimmer hesch du dr sibirisch Winter, dis erfrorne Lache uf dine Lippe blibt für immer. Liebi isch a Pitbull imne Zwinger, sie söll blibe wo sie isch, was no kunnt isch dr Kater nochem Suff. Mir bruched kei dramatischere Schluss – mir bruched d Fahna in dr Luft.»

«Flagga» ist definitiv der Track, bei dem an den Breitbild-Konzerten die Feuerzeuge gezückt werden. Seit «Narrafreiheit» und dem Track «Was i will isch was i wett» sind Hyphen und seine Bandkollegen Meister des bittersüssen, melancholischen Erzählens. Manchmal ist der Alltag nicht so bunt wie in «Kliistadtköniga», sondern sehr grau. Trotz dem Schwarzmalen wird klar: Man muss die Fahne hochhalten. Ob auf dieser Fahne nun ein weisses Kreuz auf rotem Grund, das Peacezeichen oder der albanische Doppelkopfadler ist spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass man für etwas einsteht.

Montalin

«Berge gseh und Meeresrusche ghöre und us Föhrene e Fähre baue, lueg – d Quelle sind broche und mir tribe in dr Fluet.»

Die Frage nach der Heimat beschäftigt viele Künstler. Breitbild widmen auf «Montalin», dem gleichnamigen Hausberg von, Chur eine Liebeserklärung. Sie beschreiben, wie sie den Berg hinauf wandern und dabei eindrückliche Kulissen bewundern. Die Texte sind mit vielen schönen Naturbildern gespickt. Es sind liebevoll geschriebene Parts, die das Heimatgefühl von Hyphen und seinen Crewmitgliedern beschreiben. Die Bewunderung für die starke, unverrückbare Gestalt des Berges mischt sich mit der Attraktivität und Mystik seiner Aura.

Würfel

«Luegen uf din Würfelwurf, luegen wie dr Würfel uf ere gälbe Filzunterlag landet und dr Auge zeigt. Auge luegen Augen ah, du bisch Aug in Aug mit ihm. D Regle kennsch und du weisch erst die gänd dim Traum a Sinn.»

Auf dem letzten Track «Würfel» erwartet den Hörer ein schwer zu verdauendes Stück Storytelling. Der Würfel ist eine Metapher für die vielen Möglichkeiten, die man als Mensch hat, für die vielen Momente, in denen man Entscheidungen fällen muss, die den weiteren Lebenslauf unwiderruflich verändern können. Der Protagonist des Songs wird in ein perverses Spiel verwickelt und muss am Schluss mit einem Anderen um sein Leben würfeln. Eine Situation wie beim Russisch Roulette. Mit nachdenklichen Worten endet ein tolles Album, das zeigt, dass Breitbild sowohl gute Lyriker als auch begabte Geschichtenerzähler sind. Sie haben sich grosse Mühe gegeben: Die Instrumentals sind komplex und mit viel Liebe zum Detail arrangiert, die musikalischen Anleihen sind nicht querbeet, sondern mit viel Fingerspitzengefühl gepickt worden. «Breitbild» ist ein Album, dass dem Legendenstatus der Band gerecht und sicherlich für viele zum Klassiker wird.

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