In jeder Ausgabe nehmen wir ein aktuelles Album genaustens unter die Lupe. Voraussetzung: Die Platte bietet Interpretationsspielraum. Welche Message versucht der Künstler zu transportieren? Wie setzt sich das Soundbild des Werkes zusammen? Wie harmonieren Lyrik und Beat? In einem Track by Track gehen wir diesen Fragen auf den Grund. In der letzten Ausgabe haben wir das neueste Album «Turbo Mate & Kalaschnikow» von GeilerAsDu unter die Lupe genommen:

Boys Don’t Cry

«Es sind 1,2,3,4,5,6 täg gliich, am siebte wirds Zit dass es Tagebuech schribsch vo de Träum was chönt si und no wär – aber boys don’t cry, drum blibed die Ziile läär.»

Terror-Anschlag. Cut. Donald Trump. Cut. Der Syrienkrieg. Cut. Im Video zu „Boys Don’t Cry“ läuft das Schreckensjahr 2016 im Loop und Geilerasdu spitten sich dazu die Wut von der Seele. Das Intro etabliert sogleich den wütenden, kulturpessimistischen Vibe, der sich durch das ganze Album zieht. Im Vordergrund stehen die zitierfähigen Songtexte von Mike & Luzi. Abgerundet wird der Song durch einen angenehm simplen Beat, der den beiden MC’s viel Raum lässt und dessen heimlicher Stars die exakt-unexakt gesetzten Drums sind.

Coke Zero

«Ich ghör dich nid, ich bi in mini Unrueh vertüft. Renne mit limitierte Turnschueh dur s Füür. Sie säged es chunnt immer anderst als mer dänkt, aso dänki schlächt vo dir, denn chunnts guet mit üüs.»

Der Beat von „Coke Zero“ pendelt zwischen Trash-Ästhetik und echter Traurigkeit. GAD mischen einen Cocktail aus beissendem Spott, Wut und Hilflosigkeit, die poetischen Bilder nehmen den Hörer mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Die Perspektive wechselt zwischen innerhalb und ausserhalb der Gesellschaft: Geilerasdu sezieren gesellschaftliche Widersprüche gekonnt, sind aber auch aufrichtig wütend über die Missstände.

5 Minute feat. Little Miss Sunshine

«Läb schnell, stirb jung und verzells dine Chind. Hüt wirsch für immer 21gi, Charte und Designer-Droge ufem Gschänktisch, mir singed Happy Birthday.»

Lui G hat einen sphärischen Klangteppich geknüpft, auf dem Mike und Luzi viel Space haben, um über die Schnelllebigkeit unserer Zeit zu philosophieren. Es gelingt ihnen dabei, ihrer Ratlosigkeit Ausdruck zu verleihen. Der Zeit kann keiner entfliehen.

Insomnia feat. Mimiks

«Es heisst laufe oder bücke, es paar wänd mich beände, doch min Glaube wird mich schütze, wil ich glaube dra, lueg ich glaube dra, Hater ziehnd e Frässi so wie d‘ Schwiiz amne graue Tag.»

«Insomnia» ist ein Song über Selbstreflektion und gleichzeitig auch ein selbstbewusster Representer. Für die Rap-Träume wurde die berufliche Karriere vernachlässigt, für die viele Arbeit springt wenig Geld heraus, aber trotzdem sind GAD und Mimiks stolz darauf, was sie erreicht haben. In den Strophen wird der eigene Werdegang reflektiert, in der Hook dagegen stolz die Faust geballt: „Mir sind 365 mal 24/7 on fire.“

Chueche

«Bi jetz everybody’s darling sitem Cypher, aber eigentlich im Härze nume geiler. Geilerasdu und du und du und du sowieso.»

In einer Welt voller Idioten und Heuchler gehen GAD straight ihren eigenen Weg. Da sie eine der innovativsten Crews des Landes sind, begleitet sie dabei ständig das Bewusstsein, ihrer Zeit voraus zu sein und erst später die verdiente Anerkennung für die eigene Kunst zu bekommen. Das ist aber alles cool, solange es Kuchen gibt. Ein atemloser, dynamischer Track.

Rotebode (Interlude)

«Min Brüeder fühlt min Rap, drum chasch hate wie du wetsch. Är git mer Feedback uf „Maxilla“: erste Song, dritte Part, är hed müesse brüele, aso was redsch du vo Hits und Charts?»

«Rotebode» ist ein Track über das, was ungesagt bleibt. In vielen Situationen fehlen einem die Worte und manchmal möchte man jemandem einen Song widmen, hat aber Angst vor dem Scheitern. Luzi probiert es trotzdem und packt die Dinge, die er unbedingt loswerden möchte, in ein Interlude. Ein Song über all die ungeschriebenen Songs – ziemlich clever.

8 Kilometer

«Sie wott nüt vo dir, sie wott nüt vo mir, sie wott nur kei Problem.»

Politische Themen sind immer schwierig und noch schwieriger sind aktuelle Brennpunkte wie die Flüchtlingskrise. Geilerasdu scheuen diese Schwierigkeit nicht und schreiben den besten Song, der in der Schweiz je zu diesem Thema verfasst wurde. Die gewählte Erzählperspektive – es wird aus der Sicht von Flüchtlingen ihr harter Alltag beschrieben – ermöglicht es, das Thema mit der benötigten Dringlichkeit und Emotionalität zu behandeln, ohne in Allgemeinplätze abzudriften. Nach einer exakt getimeten Break bricht die Hook ein wie ein reinigendes Gewitter. „8 Kilometer“ ist eingängig, ohne banal zu klingen, und regt zum Denken an, ohne mit der Moralkeule zu schwingen. Bei diesem Song wurde alles – aber wirklich alles – richtig gemacht. Refugees welcome!

Godzilla 

«Und es rägnet schwäre Staub ufd Wält, nachem Chrieg gsehts au nit schlimmer us als nachem Frauefäld. Irgendwenn isch d Finsternis vrbi – bis denn bisch no nidisch uf dis eigene Instagram-Profil.»

Was für ein Brett von einem Beat! Lui G baut aus Dancehall-Samples, wummernden Synthies und fetzigen Drums eine Newschool-Perle. GAD erzählen darauf von ihrem Dasein als einsame und wütende Aussenseiter in der Gesellschaft. Abgeschreckt durch die Scheinwelten und Oberflächlichkeiten unserer Gegenwart stehen sie auf dem Dach und warten auf Godzilla, damit er Luzern in Schutt und Asche legt. Ein bildstarker Song.

Sebzähni

«Mir wärded älter und riifer und primitiver. Akzeptiered all die schlächte Gwohnheite schlichend.»

GAD nehmen uns mit in ihre Jugend – in eine Zeit, in der sie keinen Plan, aber umso mehr Träume und Ideale hatten. Auf „Sebzäh“ reflektieren sie diese Zeit – und auch, was sich seither verändert hat. Ihr Fazit: Die Zeit ist zwar unwiderruflich vergangen, aber einen Teil des 17-jährigen Ichs konnten sie sich trotzdem konservieren. Ein schöner Song über das Erwachsenwerden.

Rückwärts feat. NAITS

«Mir laufed rückwarts usenand. Wer dreiht sich zerst?»

„Rückwarts“ ist ein Trennungs-Song. Es dreht sich alles um die Konsternation, von der man gepackt wird, wenn man realisiert hat, dass die Beziehung keine Zukunft mehr hat. Gleichzeitig ist jeder allein mit seinem Schmerz. Auch wenn für Mike die Welt untergeht, dreht die Weltkugel weiter. Der schöne, nachdenkliche Song wird durch die Hook von NAITS, die die Stimmung perfekt aufgreift, abgerundet.

Feel This Too feat. Hanreti

Bereits anfangs Jahr nahmen GAD gemeinsam mit Hanreti in Berlin den Song „One“ auf. So ist es nur konsequent, dass sich die (Luzerner) Indieband mit einem Feature auf „Turbomate & Kalaschnikow“ revanchiert. Geilerasdu war eine der ersten Crews in der Schweiz, die die Zusammenarbeit mit der Indie-Szene suchte – und sie sind die Besten darin, weil sie den Mindset der Subkultur teilen, diese Art der Musik lieben und sich nicht nur lieblos an den Melodien bedienen, um sich häppchenweise passende Samples herauszupicken.

Mia Khalifa (Interlude)

«Lueg es goht nit um Rächt, es goht nume um Macht. Sie händ Angst vo de Angst vo de Angst vo de Angst vo de Angst vo de Angst!»

Die Interludes auf dem Album sind kein Beigemüse, sondern setzen wichtige Ausrufezeichen. Auf „Mia Khalifa“ wird das Porträt unserer Zeit in den grellsten und dunkelsten Farben gezeichnet: Pegida und Frontex treffen auf Internetpornos. Allein schon die Idee, einem Pornostar einen Song zu widmen, ist ein Tabubruch. Was für eine wütende, analytisch scharfsinnige Kampfansage!

Reset

«Wenn d Wält wotsch ändere, muesch mit dir sälber afoh – plötzlich bisch nurno mit dir sälber beschäftigt.»

Auf „Reset“ wird die Gesellschaftsanalyse auf einem sperrigen Newschool-Beat weitergeführt. Konfrontiert mit dem Hass, der herrscht, erwächst der Wunsch, alles auf Reset zu setzen, die Zeit zurückzuspulen und neu zu beginnen. Da das nicht geht, gilt es, Haltung zu bewahren und gegen den Hass zu kämpfen.

Mittelpunkt

«Wär het dir gseit, du söllsch dich sälber so wichtig näh?»

Auf «Mittelpunkt» identifizieren GeilerAsDu den Narzismus als Hauptproblem unserer Gesellschaft. Vor lauter Selbstvergessenheit wird man blind für die Probleme anderer. Egal was man tut, es geht primär darum, sich selbst gut darzustellen.

Damit ziehen sie ein untröstliches Fazit und setzen einen Schlusspunkt hinter ein starkes Stück Musik. „Turbomate & Kalaschnikow“ hat das Zeug zum Instant Classic, das Album ist exakt am Puls der Zeit und setzt innovative Schlaglichter in Sachen Songwriting und Beatmaking.

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