Vergangene Woche ging ein Aufschrei durch die ganze Rap-Szene. Das Schweizer Plattenlabel Nation Music meldete Insolvenz an. Betroffen davon sind viele Releases von Schweizer Rapper wie Gimma, Baze, Sektion Kuchikäschtli, Fratelli B, Luut und Tüütli und vielen weiteren, welche nun vom Netz genommen wurden. Im Dschungel der Reaktionen auf dieses einschneidende Geschehnis hat sich Yanik Stebler, Chef vom Musik-Label NoHook und DJ, auf Social-Media bereit erklärt, Schweizer Künstler zu helfen die offline gegangen Werke wieder ans Tageslicht zu holen. Wir sprachen mit Yanik über den Pleitegang von Nation Music und die Folgen für betroffene Künstler und die Schweizer Rap-Szene.
Nation Music hat Konkurs angemeldet, danach ging eine Welle von Bestürztheit durchs Rap-Land. Weshalb?

Nation Music war zweifelsohne ab 2005 bis vor kurzem das einflussreichste Schweizer Rap-Label. Viele der grossen Namen, aber auch weniger bekannte Acts waren damals bei Nation unter Vertrag oder haben ihre Releases dort vertrieben. Ein grosses Stück Schweizer Rap-Geschichte befand sich also im Labelkatalog von Nation Music. Leider ging es dem Label in den letzten Jahren nicht mehr so gut und die Kommunikation der Labelverantwortlichen gegenüber ihren Künstlern und Partnern war nahezu eingeschlafen. Abrechnungen folgten keine mehr und obwohl es viele ahnten, kam der Konkurs dann trotzdem überraschend. Durch die fehlende Kommunikation hatten die Künstler keine Zeit einen neuen Vertriebsweg zu suchen und so standen viele vor der Tatsache, dass ihre Releases nun plötzlich aus den Stores verschwinden. Schade.

Es wurde berichtet, dass die Gefahr besteht, dass prägende CH-Rap Releases durch diesen Konkurs offline gehen. Wie kommt das?

Einige Releases sind über 10 Jahre alt und manche Künstler sind auch nicht mehr aktiv. Es kann gut sein, dass sich einige Interpreten nun nicht mehr um den Re-Upload kümmern oder das einige Releases tatsächlich wieder schwer herzustellen sind, da Daten in 10 Jahren halt auch verloren gehen. Klar, wenn man sein Album auf CD hat, der Grafiker ein Back-Up besitzt und man bei der SUISA die Metadaten holt, kriegt man das wieder zusammen. Aber es muss es halt jemand machen. Es wäre schade wenn einige Releases nun für immer verschwinden. Man, das ist ein Stück unserer Identität!

Was unternimmst du dagegen?

Ich handle hier in erster Linie als Schweizer Rap Fan! Ich will die Releases wirklich retten, weil dies wichtig für unsere Szene ist. Natürlich biete ich mit meinem Label auch direkte Hilfe an. Wer mit uns zusammenarbeiten möchte, dem bieten wir sehr gerne einen einfachen Vertriebsdeal an und wir schauen, dass die Releases fix wieder Online gehen. Ich finde es aber in erster Linie wichtig, den kompletten Katalog wieder herzustellen, sei das über uns, über ein anderes Label oder über iGroove. Damit kein Release verloren geht, sammle ich alle Veröffentlichungen in einer „Lost Nation Releases“-Liste und melde mich dann bei den betroffenen und zeige ihnen alle Möglichkeiten auf, die sie nun haben. Für die Releases welche die Daten nicht mehr so einfach zu finden sind, arbeite ich direkt mit iTunes an einer Lösung. Die Idee wäre es, die Releases in der iTunes-Datenbank wieder herzustellen und sie dann dem neuen Vertrieb oder Label oder Einzel-Account zuzuordnen. Diese Möglichkeit wurde nun von den deutschen Kollegen an das US iTunes Büro zur Prüfung weitergeleitet.

Wie würde das bei einem konkreten Fall aussehen?

Eigentlich ganz simpel: Wenn der Künstler alle Daten noch hat (WAV-Dateien, Cover in guter Auflösung und die Metadaten), kann er diese an den „neuen“ Vertrieb leiten und diese liefern einfach erneut aus und alles ist schnell wieder online. Für einige vielleicht sogar die Chance ihr Release endlich auch auf Spotify anzubieten oder Schreibfehler oder Ähnliches auszumerzen. Sind die Daten nicht mehr vorhanden, wird’s schwieriger. Aber auch hier biete ich sehr gerne Unterstützung an. Mit Hilfe von physischen Datenträgern, der SUISA, der Schweizerischen Nationalphonothek, den damaligen Grafikern oder Fans werden wir bestimmt alle Daten wieder beschaffen können

Mit wem arbeitest du hierfür zusammen?

In erster Linie wurde ich durch DJ Ilarius auf die Situation aufmerksam gemacht, durch seine Posts ist das Thema auch erst wirklich an die Oberfläche gekommen. Wir tauschen uns seither regelmässig aus und wir durften gerade heute seine Releases neu ausliefern. Ausserdem unterstützt mich mein Team vor Ort sowie unser digitale Vertrieb in Hamburg.

Was können betroffene CH-Rap-Künstler ansonsten unternehmen, damit ihre Werke weiter erhältlich sind?

Das Wichtigste ist, das sie etwas machen! Sich nach neuen Vertriebswegen umsehen oder wenigstens den Eintrag in meine „Lost Nation Releases“-Liste machen. Ich melde mich dann und wir besprechen die Möglichkeiten. Wie gesagt, als Fan liegt es mir am Herzen für jeden einzelnen Song eine Lösung zu finden. Sei es über uns, über das potenzielle neue Label des Künstlers oder über Soundcloud. Der Nation-Katalog darf nicht sterben.

Nation Music hatte ein enormes Repertoire an Schweizer Urban-Musik. Was hat dieser Konkurs deiner Meinung nach für eine Bedeutung für den Schweizer Musik Markt?

Auf den Markt an sich hat das wohl keinen grossen Einfluss – also wirtschaftlich gesehen. Emotional und kulturell hat das aber sehr wohl Einfluss auf die Szene. Frust und Trauer, aber auch die Freude vergessener Releases neues Leben einzuhauchen. Ich hatte auf jeden Fall in den letzten Tagen einige schöne Nostalgie-Momente. Ich wünsche mir, dass so etwas auf Grund von fehlender Kommunikation nicht nochmals passiert. Musikstücke sind Kunstwerke, zu denen man Sorge tragen muss. Ausserdem können wir lernen, dass eine lebendige Szene mit mehreren Mitstreitern, die sich gegenseitig unterstützen, gesund ist für die Kunst. Wenn eine Szene quasi komplett von einer Firma abhängig ist, ist das offensichtlich nicht gut.

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