Rap-Genius, wer kennt`s nicht? Leider sucht man auf dieser Plattform Analyse zu Schweizer Rap Songs vergeblich. In der neuen Ausgabe (Release 16. Juni) starten wir die Rubrik «LYRICS-Genius», in welcher wir der Lyrik von einzelnen CH-Rap- Songs auf den Grund gehen. Ein erster Vorgeschmack: Dawill – Zement Jungle.
[Intro]

I gloub, dem hie seit mä richtig Dampf ablah.
Auso, nenn mi ruhig Lokomotive, oder eich numme loco.

[Verse]

Mini schöni Stadt, spieglet sech i mine Ouge,
au die Liechter vodä Latärne, schlücke d’schrite vore Horde
vrlornigi Mittuschicht-Kids, vom Schiksau zemmegworfe.
Wachse imne Zement-Dschungu uf, mir si Blueme usere Gosse.

Verchoufe loufend die Chance, mau zemme Grosses ufzboue.
Verboues, da mir üs dividiere, i Grüppli ohni visione,
sigs Religione, oder Mode, d’Sterchi vor Pigmentierig
dür: gani hüt lieber id Haue, oder iz Rondel ga pose.

Mir si aui Bewohner vom gliche Planet, aber tüe so aus were mir frömd da.
So kulturrich, doch so kulturarm, üses Heimatgfüuh scho verlorä.
Zu viu Woustand um üs arm z’nenne, und zu wenig für rich.
Mir si d’Arbeiterklass u konsumiere üs i Suizid.

Gfange ire Routine, mir schaffe fürne Maschine,
fürne Hungerlohn wome abgit für Stüre, Rächnigä, Zinsä.
Was blibt, gibt me für Schiissdräck us.
Chemiestreife verdunkle mini Stadt u d’Perspektive.

Körper vou Microwäuäfrass und Proteinshakes,
genmanipulierti Frücht u literwiss Zucker ide Niere.
Der Chopf gwäschä vo TVs, Zitige, und Magazine
und Radiosongs, di aui mitem gliche Takt spile u Melodie.

Sex, Droge u Gwaut isch aues was sech hie so guet verchouft.
Lö üs la denke des isch üsi Realität wommir drin müesse funktioniere.
Am Wucheendi ga fiire, aus Flucht vo dere Krise,
dert pumpt me sech d Birre vou mit künstlechi Endorfphine.

Verlornigi Zit ufhole, so läbt me hie in Portione
dür sinnebetöibendä mittle, suffe, rupfe und kiffe.
Amerikanisiert mir vouge so viu Trends im Netz.
Nur no virtuelli Fründe, u so viu Komplexe wiene Chlistadt.

I luege d Wäut ah us der Pupie voder Gseuschaft,
e Puppe richi Gseuschaft, e Gseuschaft ohni Gseuschaft.
I erschaffe was du xesch, xesch wachse iderire Seu, mir schaffe gmeinsam
die people wie hie d‘ Wäutmacht.

I had macht i mire Hang, d Wäut unger mire Chraft.
Chraft für die ganzi Wäut, mir wei ke Herrschaft.
Es empuppt sech us mim Herz, Chraft für die ganzi Wäut,
mir isch nid scheissegau, was die ganzi fucking Wäut macht.

Maches für die wo aues drasetze, o wes nid klap.
Maches solang, bis die Junge kapiere, ds aues hie geit, wenn du dran schafsch.
Muetterfigg aues, wes sis dir nid gebe, de chlausches.
Es isch es fresse oder sterbe, i bi broke doch mit dä Schärbä
schnidi id Medulla oblongata vo dene Schwätzer.
I Rügge stechendi, schwanzlutschendi, iversüchtigi Spasste.
Dir sit einsam ni Klasse, i bi einsam ir Klass.
Bi wienes Erstwäutland, i bi einsami Klasse. I platze.


Zement-Dschungu

Verified Annotation Dawill: Früher lebten wir in Wäldern, umgeben von Bäumen. Heute befinden wir uns in zementierten Jungles. Früher war der Feind physisch, heute ist er mental.

dividiere, i Grüppli ohni visione

Dawill plädiert in vielen seiner Songs für eine Gesellschaft ohne Barrieren und Schranken, in der sich die Menschen nicht mehr durch Hautfarbe, Geschlecht oder Beruf definieren und voneinander unterschieden. Zusammenleben und Toleranz sind der Schlüssel zu einer besseren Zukunft.

id Haue, oder iz Rondel ga pose

Die Turnhalle und das Rondel sind zwei Nachtclubs in Bern.

konsumiere üs i Suizid

Konsum macht per se nicht glücklich. Überfluss verhindert, dass man die einfachen Dinge zu schätzen lernt. Ständig Entscheidungen fällen zu müssen, kann die innere Ausgeglichenheit belasten.

Gfange ire Routine, mir schaffe fürne Maschine,

Die moderne Arbeitswelt wird immer wieder mit einer Maschine verglichen. Seit der Industrialisierung, so viele Philosophen und Denker, sei der Mensch nur ein Rädchen im Zahnrad, eine Nummer im System. Dadurch entsteht in vielen Berufsfeldern und im Alltag eine Routine, die von den Arbeitnehmern als öde und langweilig empfunden wird.

Körper vou Microwäuäfrass und Proteinshakes, genmanipulierti Frücht u literwiss Zucker ide Niere.

Verified Annotation Dawill: Es herrscht ein ständiger Krieg gegen unsere Sinne – sei es durch genmanipuliertes Essen, Luftverschmutzung, Krankheiten und ungesundes Fastfood. Unsere Sinne werden von Geburt an geschwächt. 

und Radiosongs, di aui mitem gliche Takt spile u Melodie.

Die Songs, die den Mainstream prägen und im Radio auf «heavy rotation» laufen, basieren oft auf sehr simplen, eingängigen Melodien und nutzen immer dieselben Rhythmen. Der Fokus liegt nicht auf der künstlerischen Entfaltung. Wichtiger ist es, hörerfreundliche Musik zu machen.

Sex, Droge u Gwaut isch aues was sech hie so guet verchouft. Lö üs la denke des isch üsi Realität wommir drin müesse funktioniere.

Verified Annotation Dawill: Unser Bewusstsein wird von einer Welt verfälscht, die nur in unseren Köpfen existiert. Auch unser Alltag ist so strukturiert, dass unsere Sinne von morgens bis abends beeinträchtigt werden – zum Beispiel durch Werbung und Serien. So wird unser Bewusstsein manipuliert. Es gibt jedoch eine viel grössere Realität, die uns verborgen bleibt, weil wir nicht an sie glauben und nicht wissen, wie man den Zugang zu ihr findet. Es gibt nicht nur eine äussere Unendlichkeit, das Universum, sondern auch eine innere – das Innerversum.

dert pumpt me sech d Birre vou mit künstlechi Endorfphine.

Weil Dawill ein spiritueller Mensch ist, der auf innere Ausgeglichenheit achtet, lehnt er den Konsum von synthetischen Drogen ab. Seine Droge ist die Liebe.

Amerikanisiert mir vouge so viu Trends im Netz.

Die meisten Trends, die unser Leben und unsere Einstellungen beeinflussen, kommen aus der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Dazu zählen, unter anderem, Serien, Holly­wood-Filme und Mode-Trends.

Gseuschaft ohni Gseuschaft

Das Prinzip einer «Gesellschaft» wäre, dass die Menschen zusammenleben, sich Gesellschaft leisten. In modernen Gesellschaften gibt es aber den Trend, dass sich viele in ihre vier Wände oder hinter ihren Gartenzaun zurückziehen und sich nicht mehr am gemeinschaftlichen Leben beteiligen.

Chraft für die ganzi Wäut, mir wei ke Herrschaft.

Dawill träumt von einer klassen- und herrschaftslosen Welt und möchte mit gutem Beispiel vorangehen. Durch seine Musik versucht er, seine Visionen und Ideen zu verbreiten.

Maches solang, bis die Junge kapiere, ds aues hie geit, wenn du dran schafsch.

Verified Annotation Dawill: Man muss den Regeln des Universums gehorchen und nicht jenen, die der Mensch geschaffen hat. Dazu gehört beispielsweise, dass alles, was man gibt, auch wieder zurückkommt – Karma gilt im Guten wie im Schlechten. Ausserdem kann man alles, was man visualisieren kann, auch manifestieren, in die Wirklichkeit umsetzen – solange man genug Fleiss, Arbeit und «dedication» reinsteckt. Ich habe das bereits viele Male im Leben bestätigt bekommen.

Medulla oblongata

Die Medulla oblongata ist der am hintersten gelegene Teil des Gehirns, der es mit dem Rückenmark verbindet. Von dort aus werden die Atmung und lebenswichtige Reflexe wie Husten, Niesen oder Würgen koordiniert.

Text: Luca Thoma
Bild: Oliver Moser

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