In jeder Ausgabe nehmen wir ein aktuelles Album genaustens unter die Lupe. Voraussetzung: Die Platte bietet Interpretationsspielraum. Welche Message versucht der Künstler zu transportieren? Wie setzt sich das Soundbild des Werkes zusammen? Wie harmonieren Lyrik und Beat? In einem Track by Track gehen wir diesen Fragen auf den Grund. In der neuen Ausgabe, die ab Freitag im Handel erhältlich sein wird, haben wir den Physical Shock Sampler unter die Lupe genommen:

Django (Xen & Liba)

«Suech i de Lääri, verzwiiflet – öb i de Wäg da na finde. Wohi das Ganze mich füert, ich bemüeh mich, mach fürschi, ich füehr sie, au wenni müed bi.»

«Django» ist kein klassisches Intro, aber die Drums im 120er-Bereich führen bereits ins düstere, newschoolige Soundbild ein. Auf Li’s Produktion, in der wummernde Synthie-Elemente die schnellen Drums zerdehnen, eröffnet der Rookie Liba den Sampler und überlässt Xen nach der Hook das Feld. Es geht um die Befreiung aus den selbstgemachten Fesseln. Liba und Xen teachen die Jugend. Das ist kredibil, weil man Xen’s Biographie kennt und weiss, dass er selbst bereits einiges durchgemacht hat.

Mit Dä Homies (Xen & EAZ)
«Shut the f*ck up, de Chlii redet. Ich ha ghört, dass de Pac lacht, wenn ich rede. Es isch Schluss Brudi, schachmatt, ich spitt jede us de Bahn bis sie wüssed es isch verbi, Baby.»

Xen und EAZ erzählen aus ihrem Leben, philosophieren über echte und falsche Freunde und erschaffen wie nebenbei eine 1A-Cadillac-Hymne. Das schöne Piano-Instrumental mit den dominanten 808-Slides ist angenehm zurückhaltend, die Hook lebt von EAZ’s versiertem Gesang. Der Wetziker hat definitiv eine der besten Stimmen der Schweiz.

Immer Scho Da Gsi (Xen)
«Damals händ mich vieli nume usglacht – lueg mol jetz, du P*sser, was de Junge drus macht. S beschte Team wie das Weed wo i’d Lunge fahrt.»

Auf seinem ersten Solotrack lässt Xen die Muskeln spielen und zeigt, was für ein Wortakrobat er ist. Die Reimketten, die er aufstellt, sind wirklich beindruckend. Im Intro passen sich Li’s Drums zuerst seinem Flow an, um ihm danach extrem viel Space zu geben. So kommt Xen’s Technik perfekt zur Geltung. Auf «Immer Scho Da Gsi» lässt er die Wut raus und fährt volle Breitseite gegen Hater und Lästerer. Er fordert Respekt für sein Schaffen. Dieses Selbstvertrauen spiegelt sich in Physical Shocks Status im Game. Mittlerweile sind sie eine echte Grösse geworden und ihr Ruf eilt ihnen voraus.

Robin Hood (Liba & EAZ)
«Du bisch uf de Flucht vor däm Spitter us de Hood, will die Ryhmes, sie zerteiled, so wie Klinge i de Bruscht. Lueg ich fiile a de Kunscht, jedi Ziile wonich schmiede haut dich chline Hosesch*sser eifach um.»

Auf «Robin Hood» erwartet den Hörer ein anderes Soundbild als auf «Immer Scho Da Gsi»: Die BPM ist deutlich langsamer und die Drums stützen die Melodie – der Beat peitscht nach vorne und passt so perfekt zu Libas atemloser Art, über den Takt zu flexen. Der heimliche Star des Songs ist der Beat, das Highlight die sphärischen Echos in der Bridge und der Hook, die ein dumpfes Gefühl von Isoliertheit erwecken – ein Gefühl wie unter der Glocke. Im Outro stellen verschiedene Variationen den verschrobensten und verkopftesten Beat der Platte noch einmal in den Vordergrund.

Mozart (Xen, EAZ & Liba)
«I ain’t got time, ich muess witer, Baby. I ain’t got time, ich muess schribe, Baby.»

«Mozart» ist die Squad-Hymne par excellence. Die drei PS-Member ziehen alle Register und zeigen, warum sie zu den Ausnahmerappern der Schweiz gehören. Xen beherrscht diesen Newschool-Stakkato-Style wie kein Anderer im Game. Seine Delivery ist unglaublich on point, sein Part auf «Mozart» wird nicht zur Nachahmung empfohlen. Li trumpft mit komplexen Hi-Hats auf: Das Drum-Arrangement pusht die Rapper nach vorne. Dieser Track ist auch 2017 schon fast so «classic» wie Mozarts Neunte.

Sit Tag 1 (Xen & EAZ)
«Wenn du kei Leischtig zeigsch, cha das schnäll gah. Gsehsch de Erfolg nur no vo witem mitem Fernglas. Han di welle warne, Homie, glaub mr, ich has gern gmacht.»

Xen, der erfolgreichste Rapper bei Physical Shock, lässt seine Karriere Revue passieren. Es wird klar, dass es ein harter Kampf bis zur Spitze war, denn viele glaubten nicht an ihn. Diese Erfahrungen sorgen heute aber auch dafür, dass Xen nicht abhebt. Die einprägsame Bridge und Hook von EAZ runden den Song ab. Der Beat ist signifikant für Li’s unverkennbaren Produktionsstil: Er komponiert keine pompösen, orchestralen Melodien, feilt aber umso mehr an den Drums und arbeitet mit simplen Piano-Elementen. Das gibt den Instrumentals diesen Tupac-Touch, der Xen zu Höchstleistungen antreibt.

Don’t Give a F**k (Xen, EAZ & Liba)
«Sänk din Blick, wenn ich chumm und mini Rhymes i de Hood wiene Gatling spitt.»

Ein trippiges Stück Musik. Über ein simples, trappiges Beat-Schema klimpert das leicht schrille Piano. So entsteht ein Song mit Film-noir-Atmosphäre und einem grossartig gesungenen Refrain, der für ordentlich Vibe sorgt.

Bonnie & Clyde (EAZ)
«Vergiss de Räscht, was zellt sind ich und du – und de Rescht isch egal, shawty, ich wott dich und niemerts suscht.»

Richtig gute Lovesongs mit gibt es selten – „Bonnie & Clyde“ ist eine eindrucksvolle Ausnahme. EAZ beweist mit diesem Song, dass er einer der komplettesten Künstler hierzulande ist. Wer hätte gedacht, dass man auf Schweizerdeutsch so viel Flavour haben kann! Mit klassischer RnB-Attitude erzählt er seine Lovestory, die auch explizite Bettgeschichten enthält. Ein mutiger und wichtiger Track. Anders als die bisherigen Produktionen vermittelt der Beat eine fröhlichere, poppige Atmosphäre. Man hört ein Xylophon, man erahnt Funk-Elemente – und zupft da jemand im Hintergrund am Cifteli? Li kann definitiv auch Goodmood-Musik machen.

Alé (EAZ & Xen)
«Es git nüt wo mir gfallt a dir, aber öpis zieht mich ah, Babe, alé, alé, alé, alé. Öpis zieht mich ah, Babe, alé, alé, alé, alé.»

«Alé» ist der einzige zweisprachige Song auf dem Sampler und einer der spannendsten und gelungensten Soundentwürfe des Jahres. EAZ‘ Gesang nimmt uns auf Dancehall-Drums mit in den Club, ein exotisches Paradies. Im Refrain geht die Sonne auf : Der albanische Teil lässt den Hörer sprachlos und überwältigt zurück – 30 Sekunden Magie! «Alé» ist ein wunderbarer, entschleunigter Song, der sich den Raum nimmt, den er benötigt. Atmosphäre pur!

Clap Mitem Ass (Xen & EAZ)
«Und dini Hoe seit: hmmmm, damn, min Lover – und wie sich für mich ihren hmmm Ass schwingt, Brother.»

Nach dem entspannten «Alé» folgt ohne Vorwarnung der Übergang zum Club-Banger. EAZ wird zu Nate Dogg, Xen wird zu Ice Cube und gemeinsam nehmen sie die Grossraumdisco auseinander. Der Westcoast-Vibe, den man auf «Ich gäge mich» kennen- und liebenlernte, kehrt im modernen Soundgewand zurück. Xen und EAZ sind in ihrem Element und schlagen Brücken zwischen der Erwartungshaltung der Fans und ihrer eigenen Experimentierfreudigkeit. Li haut ordentlich auf die Pauke und lässt die Snares für einmal ganz weg – stattdessen wird geclappt. Club-Abriss. Kater garantiert.

Mini Packs (Liba)
«Früener oder spöter mached d Handschälle klick. Eines Tages gasch du mit de Amtsträger mit.Du ghörsch, wänn sie chömed, nur no paar Stägetritt, wo dich tränned, bis du weisch wie das Knaschtläbe isch.»

Ein nachdenkliches, düsteres Stück Strassenrap. Oberflächlich betrachtet sind die Themen keine neuen: High Traffic mit toxischer Ware, soziale Missstände, Polizeigeschichten. Was den Track aus der Masse herausstechen lässt, ist der nihilistische Grundton, der sich durch die Stories zieht, die der Libanese auf einem minimalistischen Beat ausbreitet. Der eindringliche Refrain vermittelt Libas pessimistische Weltsicht. Sein Kampfschrei verhallt ungehört in einer dumpfen, grauen Welt.

Virus X (Xen)
«Ich han immer Liebi für die Gang gha. Weiss, wie’s isch, wennd einsam bisch und keine hilft, ja ich has ab und zue mal schwär gha.»

Ist das ein Glockenbeat? Natürlich nicht; Li bastelt einen Beat mit klassischem Houston-Flavour und Xen spittet den Hörer schwindlig. «Virus X» strotzt nur so vor Hunger & Selbstvertrauen. Im positivsten Sinn ein Virus für die Gehörgänge.

Träum (Xen, EAZ & Liba)
«Homie, ich han Träum, Träum, Trä-ä-äum.»

Zum Schluss treten die Physical-Shock-Jungs noch einmal aufs Gas. Man fühlt sich durch den bouncenden Beat in die guten alten «How we do»-Zeiten zurückversetzt. 2000er-Style! Wie cool ist das denn bitte? Der Sampler endet nicht mit einem Schlusspunkt oder einem Resümé – vielmehr sind die neuen Visionen von Physical Shock das Thema. Hoffentlich werden auch unsere Träume bald wahr und wir dürfen uns auf ein neues Release aus dieser Rap-Kaderschmiede freuen.

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