Chartpositionen als schönes aber unehrliches Indiz?

2016. CH-Rap läuft. Titelseiten von auflagestarken Tageszeitungen, grosse Bühnen von noch grösseren Openairs zu gutbesuchten Zeiten und Radio- sowie TV-Studios wurden in diesem Jahr von Schweizer Rappern gestürmt. Ja, auch Chartstürmer aus dem Schweizrap-Lager gehörten im 2016 fast schon zum «weekly business» – doch was sagt eine Chartposition überhaupt aus?

In Deutschland hat sich mittlerweile eine Offenleg-Kultur verbreitet. Deutsche Rapper stellen ihre Verkaufszahlen regelmässig online. Manche gehen sogar so weit, dass sie ihren Kontostand fotografieren und ihn den Social-Media-Hyänen zum Frass vorwerfen. Vorwerfen kann man den Schweizer Rappern das Privathalten von Verkaufs- oder Umsatzzahlen aber nicht. Einerseits hat es eine lange Tradition, innerhalb unserer Landesgrenzen weder mit Geld noch mit Erfolg anzugeben, andererseits sind die Verkaufszahlen hierzulande im internationalen Vergleich einfach auch mickrig klein. Logisch protzt es sich als Schweizer Musiker also lieber mit der Chartposition als mit der Zahl der effektiv Verkauften Einheiten.

Aufschwung

Unter dem Titel «Zwei Schweizer Rapper in den Top-Ten!» berichteten wir am 27. Januar 2016 online von den Chart-Platzierungen von Knackeboul und Mimiks und leiteten diesen Artikel so ein:

«Die Charts. Dürfen die uns überhaupt interessieren? Eigentlich sollten wir doch einen F*** auf die Hitparade geben. Denn gute Musik bleibt gute Musik, egal wie oft sie gekauft wird.

Und trotzdem sind die Charts relevant, trotzdem wird darüber gesprochen und verglichen, trotzdem können wir es nicht lassen, jeden Mittwoch in der «20 Minuten»  die Hitparaden-Seite aufzuschlagen. Ja, über die Charts wird berichtet. Die Hitparade interessiert sogar Herr und Frau Nachbar, die Abends motzen kommen, weil diese «Räp-Musig» viel zu laut und viel zu unanständig sei. Also dürfen wir heute ohne Vorbehalt und ohne schlechtes Gewissen mal die Bürokollegen in einen CH-Rap-Smalltalk einbeziehen. Schliesslich sind wir zwei Mal in den Top-Ten vertreten: Knackeboul steigt auf der Neun ein und Mimiks lässt sogar Adele hinter sich und chartet auf den zweiten Platz. CH-Rap lebt! Und die Charts sind ein Indiz dafür…»

Ja, die Charts können als Indiz für den Auf- oder Abschwung eines Musikgenres hinhalten. Und in den letzten Jahren wurde unsere Szene gesegnet mit Top-Ten-Platzierungen. Alleine im letzten Jahr (stand Oktober 2016) holten sich Manillio und Breitbild die Eins, Mimiks und die Jungs von Möchtegang die Zwei, ziemlich überraschend charteten GLB diesen August auf dem fünften Platz, Freezy angelte sich im September den achten, Knackeboul anfangs Jahr den neunten und CBN im Mai den zehnten Platz. Das tut dem Schweizrap gut, hat doch eine starke Hitparadenposition eine positive Auswirkung auf die Relevanz eines Künstlers, sorgt dafür, dass er von den grossen Medien wahrgenommen wird und gibt diesen einen Anlass, über ihn zu berichten. Je mehr CH-Rapper in den Medien präsent sind, desto grösser ist die Reichweite des Schweizer HipHop-Games allgemein. Und dieser Aufschwung ist momentan zu spüren. 

Noch keine Mainstreamkultur

Pablo sagt in seiner Sendung «Bounce» auf Virus im Gespräch mit LXcellent

«Die Qualität von CH-Rap ist mad am wachsen und dadurch steigt auch landesweit das Interesse an unserer Musik. Wir dürfen uns aber nicht einreden, dass Schweizer Rap eine Mainstreamkultur geworden ist.» Dieses Statement trifft den Nagel auf den Kopf. Schweizer HipHop-Musik, um dieses Zitat auf die Chart-Thematik zu beziehen, erlebt einen Aufschwung. Doch dieser Aufschwung spiegelt sich nicht in den effektiven Verkaufszahlen wieder. Um unserer Mutmassung ein wenig Nachdruck zu verleihen, haben wir anhand der Wochen, in denen Künstler, die Gold oder Platin gegangen sind, in den Charts vertreten waren, in Alchemisten–Manier eine Formel kreiert, um ungefähr auszurechnen, wie viele Verkäufe welchen Chartplatz ermöglichen. Hier unser Resultat, grafisch festgehalten.

 

 

Die Zahlen der obenstehenden Grafik können ernüchternd wirken. 100 verkaufte Alben für einen Charteinstieg sind nicht viel. Vor allem angesichts dessen, dass heute jeder alleine mit Social-Media locker über 1000 Personen erreichen kann. Rapper vom Kaliber Manillio, Mimiks oder Xen werden über mehrere Wochen wohl ihre 4000 – 7000 Alben absetzen können, was sich sicher auch finanziell auszahlt. Angesichts des enorm hohen Levels, welche diese drei musikalisch aufweisen, ist das aber immer noch zu wenig. Klar, Youtube hat den Markt geändert – und trotzdem glauben wir daran, dass Verkaufszahlen, wie sie noch vor 2005 gang und gäbe waren, möglich sind.

2016. Ja, CH-Rap läuft. Aber da ist noch ganz viel Luft nach oben. Lasst uns dieses Game noch grösser machen, lasst uns unsere Künstler weiter pushen. Kauft Schweizer Rap, egal ob per SMS, ob per bezahltem Download oder physisch im Musikgeschäft. Aber vor allem: Lasst Freunde auf den CH-Rap-Zug springen. Dank der enormen Qualität und der Vielseitigkeit, die Schweizer HipHop mittlerweile aufweist, und dem damit verbundenen, spürbaren Aufschwung, ist es so einfach wie noch nie, neue Unterstützer zu gewinnen. Dies wird sich langfristig auch auf die Verkaufszahlen auswirken, sodass wir eines Tages im guten Gewissen, dass Schweizer Rap-Künstler so viele Alben verkaufen, wie sie es auch verdienen, verrückte Formeln sein lassen können. Und wer weiss, vielleicht stellt dann auch mal ein Schweizer Rapper ein Foto seines Kontostandes ins Netz.

Text: Emanuel Ernst
Bilder: Oliver Bär

Kommentare