Mit Kaiser & Dimitri am Gurten zurück zu den Wurzeln des Schweizer HipHop!

Kaiser & Dimitri haben vor 15 Jahren ihr erstes Album «Bärn Räp Verträter» veröffentlicht und damit die Anfänge des Schweizer HipHop geprägt. Mit «Schlicht und Ergrifend» erschien 2014 das zweite Album der Berner. Die Beats klingen fett, jazzig, straight und irgendwie reaktionär. Nicht verstaubt, sondern im Gegenteil, sehr erfrischend. Der Rap bietet legendären Hobbitz-Flow, sehr charakteristisch und dabei immer augenzwinkernd. Kaiser & Dimitri scheinen wirklich aufs Erwachsenwerden zu pfeifen und zeigen, wie man stilecht so stehen bleiben kann, ohne dabei alt auszusehen. Niemand kennt den Wandel und die Ursprünge des Schweizer HipHop besser als die beiden. LYRICS traf sie exklusiv am Gurtenfestival.

Niemand kennt den Schweizer HipHop und dessen Entwicklung besser als ihr. Wie beurteilt ihr rückblickend den Wandel? Was hat sich geändert? Was ist gleich geblieben?
Kaiser: Alles ist viel grösser geworden. Früher kannte jeder jeden, heute nicht mehr. Unsere ersten Beats hatten wir auf Sampler live eingespielt.
Dimitri: Da musste noch festgehalten werden, wer wann was drückt.
Kaiser: Genau. Ich spielte die Beats und Dimitri die Samples ein. Machte man nach drei Minuten einen Fehler, musste man halt von vorne beginnen. Und unsere Konzerte spielten wir ab Kassette.
Dimitri: Wenn man damals aber die Aufmerksamkeit hatte, dann blieb diese auch viel stabiler bestehen. Heute kann jeder etwas machen. Die Künstler kommen und gehen.
Kaiser: Ist halt alles schnelllebiger geworden.
Dimitri: Die Qualität ist heute besser, technisch, wie auch künstlerisch.
Kaiser: Ja, die Qualität ist massiv besser geworden.

Ihr sagt, es sei heute schnelllebiger geworden und auch einfacher, Musik zu machen. Ist es schwieriger geworden Aufmerksamkeit zu erhalten? Habt ihr mit dem neuen Album nicht genau das von Neuem erlebt?
Dimitri: Ja das stimmt, wir haben wirklich am Rand angefangen, einfach unser Ding gemacht und Songs geschrieben. Mit der Zeit orientierten wir uns dann ein bisschen, um zu erfahren, was man heute so macht, wenn die Songs einmal geschrieben sind. Natürlich, das Technische hatten wir noch im Griff.
Kaiser: Ich hatte 15 Jahre lang keinen einzigen Beat mehr gemacht. Also nahm ich das gleiche Programm, mit dem ich vor 15 Jahren aufgehört hatte. Ich mache alles mit dem Logic.
Dimitri: Fruityloops-style (lacht).
Kaiser: Ich erinnere mich gut. Die letzte Version musste ich für CHF 1’800.- kaufen und jetzt zahlt man irgendwie CHF 200 für ein Programm, das 100 Mal besser ist, als das von damals.
Kaiser: Absolut. Wir hatten dennoch das Glück, nicht bei Null anfangen zu müssen. Trotzdem mussten wir uns wieder finden. So ging es irgendwie automatisch in die gleiche Richtung wie damals.

Und der Stil hat ja auch Anklang gefunden, oder?
Kaiser: Es gibt halt sehr viele Nostalgiker, welche den 90er-Jahre-HipHop feiern. Weisst du, zu Double Time Rap und zu Trap auf der Bühne herumzuspringen, das wären einfach nicht wir. Es wäre verstellt, irgendwie künstlich.

Es gibt aber auch Junge, die den 90er-Jahre-HipHop feiern, ein Erfolgsfaktor vielleicht?
Kaiser: Ja, wahrscheinlich schon. Weisst du, würden wir dasselbe machen wie alle anderen – ich meine wir sind 20 Jahre älter – da haben wir gar nichts zu melden.
Dimitri: Das wäre ja auch peinlich oder nicht?
Kaiser: Das wäre sehr peinlich ja. Das ist wie wenn du mit 50 Jahren noch auf den Laufsteg gehst und dir tonnenweise Makeup ins Gesicht schmierst (alle lachen). Wenn du in diesem Alter noch Rap machst, dann musst du es mit einer gewissen Lockerheit angehen.
Dimitri: Das ist auch praktisch im Vergleich zu früher. Heute machen wir was wir wollen. Wir hatten damals das Gefühl die besten zu sein. Es war eine andere Energie.
Kaiser: Ja, heute haben wir in der Tat nicht mehr das Gefühl die Besten zu sein. Wir fühlen unseren Sound einfach am meisten.

Gehört diese Haltung nicht auch bisschen zu HipHop?
Kaiser: Ja aber früher musstest du wirklich immer der Beste sein und zwar in jeder Hinsicht. Heute genügt es, wenn du dein Ding fühlst. Ich glaube auch, dass uns genau das den Druck nimmt. Schau, der Ansporn ist eine reine Leidenschaft. Wir können durchaus auch einfach für uns in unserem Keller sounden, ohne dass es irgendjemand hört.
Dimitri: Wenn ich ehrlich sein darf, haben wir an den Kellersessions den grössten Spass.
Kaiser: Das ist wirklich so, wir sind beide auch überhaupt nicht bühnengeil, wirklich überhaupt nicht.
Dimitri: Es ist auch so, dass wir uns in diesen 15 Jahren nicht so oft und so intensiv gesehen haben, wie wenn wir gemeinsam Musik machen. Die Musik hat unsere Freundschaft sehr intensiviert und uns näher gebracht. So traf man sich auch einmal und hatte keine Lust, zu produzieren, also haben wir gemeinsam gechillt.
Kaiser: Wir kennen uns ja auch schon ewig. Wir sind zusammen aufgewachsen.

Ist es nicht genau diese Harmonie, die euren Sound ausmacht?
Kaiser: Das ist genau das, was ich immer wieder sage. Ich würde nie in meinem Leben alleine auf eine Bühne und auch mit keinem anderen als mit Dimitri. Er doppelt mich genau, hat den gleichen groove wie ich, wie ein altes Ehepaar eben.

Ihr habt kürzlich mutig entschieden euren Namen von Hobbitz zu Kaiser & Dimitri zu wechseln. Wie kam dies?
Kaiser: Eigentlich ein marketingtechnischer Selbstmord.
Dimitri: Es war nicht wirklich ein Namenswechsel, eher ein Streichen von einem Teil. Ich war schon immer der Dimitri und er immer Kaiser. Bereits in den ersten Texten, welche wir geschrieben hatten, konnte man dies hören. Hobbitz passte nach diesen 15 Jahren nun einfach nicht mehr.
Kaiser: Es war ja auch ein langer Prozess.
Dimitri: Ja, schon während der Produktion vom neuen Album hatten wir darüber diskutiert. Wir konnten es dann aber nicht mehr ändern, weil halt vieles bereits auf HOBBITZ abgestimmt war.
Kaiser: Mutig ist, wenn du sehr berühmt bist und etwas zu verlieren hast. Wir haben aber nichts zu verlieren, wir machen einfach unser Ding. Die die es feiern, die sind bei uns, da könnten wir auch „Futznuttä“ heissen.

Dann könnte man ja auch einen Furz aufnehmen und diesen mit den richtigen Kontakten und der richtigen Vermarktung in die Charts bringen?
Dimitri: Ja, das könnte in der Tat noch ziehen (lacht). Aber wir haben uns wirklich nicht all zu viel überlegt. Wir fanden schlicht es passt nicht mehr, also änderten wir den Namen.

Hört ihr auch Schweizer Rap? Welche Künstler feiert ihr?
Kaiser: Ja, wieder. Ich beispielsweise finde Zitral sehr geil, ist halt wieder diese Schiene. Aber es muss nicht immer der Stil sein. So kann ich durchaus auch Mimiks hören und finde einige Songs von XEN sehr gut. Chlyklass oder auch Baze finde ich immer wieder fantastisch.
Dimitri: Ja, wir gehen alles abchecken.

Und was läuft sonst noch auf eurem Player?
Dimitri: Sehr viel verschiedenes, davon sind vielleicht so 20% Rap.
Kaiser: Ja höchstens und wenn dann schon die alten Sachen. Redman, Method Man, Busta Rhymes, De la Soul, Bush Babees usw. Dann halt sehr viel Jazz, schon nur für die Beats höre ich mir Stundenlang Sound an.

Viele machen Rap, dabei ist es ja oft nur eine Schwärmerei. Wird es wirklich ernst, geben es die meisten wieder auf. Welche Bedeutung hat Rap für euch? Was ist die Motivation? Was der Anreiz?
Dimitri: Damals nach dem ersten Album, wollten wir ein zweites anhängen, da ist alles bisschen zusammengefallen. Uns hatte die Energie doch irgendwie gefehlt. Aber weisst du, bei zu viel Euphorie verliert man manchmal auch die Selbsteinschätzung. Und ich habe das Gefühl, dass wir uns heute besser einschätzen können als damals. Wir wissen wo wir hin gehören. Wir haben keinen Druck mehr, auch von aussen nicht. Wenn du an ein Konzert von uns kommst, wirst du feststellen, dass die Leute mit uns chillen.
Kaiser: Ja, es ist sehr easy. Wir sind ja auch nicht die, die auf der Bühne herumspringen und abgehen, so ist auch das Publikum. Wir haben einfach ein gemütliches Fest.

Ihr habt schon auch einige Songs, wo es schwierig wird ruhig zu bleiben. Die Musik reisst dich automatisch mit und schon nur der Kopf beginnt wie von selbst mitzunicken. Wird wohl nicht ganz so ruhig sein?
Kaiser: Natürlich, du darfst und sollst dich auch bewegen, es ist einfach so, dass wir nicht gross representen, es ist einfach ein anderes Ausmass.

Wir hatten es bereits angesprochen, die Gratwanderung zwischen Business und Leidenschaft. Gerade ein erfolgreiches Album bringt auch weniger freudige Verpflichtungen mit sich und so geht es automatisch wieder um Geld. Ist dies denn ein Killerkriterium, gerade im Vergleich mit euren Kellersessions?
Kaiser: Nein, wir betrachten das Ganze als ein Hobby. Natürlich sind wir froh, wenn wir finanziell raus kommen, aber ein Kriterium ist dies nicht.

Und wie verhaltet sich dies denn in der Zusammenarbeit mit anderen? Beispielsweise bei Verhandlungen über Gagen, Verhandlungen mit Booking-Agenturen, Verkauf von Beats oder Verkauf von Gastparts. Das ist je nach Situation doch ganz eine andere Qualität von Zusammenarbeit?
Kaiser: Ja das stimmt, ich weiss was du meinst. Ich bekomme extrem viele Anfragen für Beats. Dann höre ich mir das an und wenn es mir gefällt, mache oder gebe ich ein Beat. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Beat verkauft.
Dimitri: Wir machen aber ja auch alles selber und musikalisch arbeiten wir mit Leuten zusammen, welche uns gefallen und wo es auch zwischenmenschlich stimmt, die können sich dann bei der Suisa anmelden und erhalten so vielleicht etwas (lacht).

Macht nicht genau diese Betrachtungsweise die Qualität eurer Kunst aus?

Kaiser: Für uns hat das ganze gar nichts mit Business zu tun und ich denke schon, dass man dies merkt.
Dimitri: Das heisst also wir sind unprofessionell (alle lachen).
Kaiser: Ja genau, unprofessionell.

Erfolgreiche Künstler werden gern als Marketingzweck eingesetzt, denn der Erfolg bringt viele Fans und damit potentielle Kunden für die entsprechenden Firmen mit sich. Wie denkt ihr darüber, wenn Künstler, deren Werke und letztlich die Fans für solche Zwecke «benutzt» werden?
Dimitri: ich habe jetzt nichts dagegen, wenn uns Fans feiern, aber dann feiern sie das, was wir machen, also die Musik in unserer Rolle als Kaiser & Dimitri. Wir überlegen uns auch nicht wie wir uns anziehen am Konzert. Wir kommen und sind wie wir sind. Ich glaube, dass die Leute, die uns hören, genau das schätzen. Viele kennen wir und denen kannst du auch die Hand schütteln. Mit denen kann man reden. Unser Berühmtheitsgrad ist nicht auf solch einem hohen Level.
Kaiser: Und das ist auch gar nicht erstrebenswert. Natürlich ist es schön, wenn möglichst viele Leute deine Musik hören. Nicht weil wir dann bekannter wären, sondern weil sie fühlen, was wir machen. Am liebsten 30 Leute in einem Club, die mit dir feiern und mit denen du nach dem Konzert noch einen Drink nehmen kannst, das ist geil!

Ihr habt nun die Single «Was dir weit» veröffentlicht. Was dürfen wir in Zukunft von Kaiser & Dimitri erwarten?
Kaiser: Die Single war ein Lückenfüller.
Dimitri: Ja es war ein Lebenszeichen, damit wir als Kaiser & Dimitri auch etwas veröffentlichen konnten. Ausserdem hätten wir den Namen ja nicht geändert, wenn jetzt schon wieder Schluss wäre.
Kaiser: Wir arbeiten am neuen Album für nächstes Jahr. Auf der neuen Scheibe haben wir Gäste aus Bern, Basel oder auch Zürich am Start. Man darf gespannt sein. Wird eine gefreute Sache.
Dimitri: Wir freuen uns auf coole Kellersessions nach der Festivaltour.

Web: http://www.kaiser-dimitri.ch
Facebook: https://www.facebook.com/kaiserdimitri?fref=ts
Neuste Single «Was dir weit»: https://youtu.be/ABdEXvdr2Uo

Fotos: ©gianlosinger.com & ©kaiser-dimitri.ch

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