Worin liegt die Faszination dieser NewSchool-Ära? Wie lässt sich diese Attitude definieren?

Wir schreiben das Jahr 2016: Ein weiteres löbliches Jahr, in dem unser Genre von einem globalen Aufschwung profitiert. Zu sehen in den Vereinigten Staaten, zu sehen in Frankreich, England und Deutschland. Zu sehen auf der ganzen Welt. HipHop gedeiht und floriert, sowohl in verrauchten Jugendräumen wie auch auf verstrahlten Soundcloud-Profilen. Angekommen bei der breiten Masse, mit millionenfachen Airplays, Streamingzahlen und überraschenden Chartplatzierungen. Trotzdem oder genau deshalb ist er nach wie vor das Ventil und Verwirklichungswerkzeug derer, die am Rande stehen, auf Konventionen scheissen und bestenfalls etwas zu sagen haben.

Mehr denn je mischen sich unterschiedlichste Stile dem Genre HipHop bei. Das Internet hat nicht nur das Musikgeschäft, sondern auch das Musikmachen revolutioniert: Viele beeinflussen sich gegenseitig, ob sie wollen oder nicht. Auf diesem Weg entstehen Trends, die oft genauso schnell wie sie gekommen sind auch wieder verschwinden. Doch nicht jeder Hype ist so kurzlebig und ohne Folgen. Nicht mehr wegzudenken ist der seit Jahren andauernde Einfluss eines Soundbildes aus den amerikanischen Südstaaten, das mit dem übernutzten und gefühlten Szenen-Unwort «Trap» gängig schubladisiert wird. So sind definierende Elemente dieses ehemaligen Subgenres breit im heutigen Pop, HipHop und in Elektro-Produktionen verankert. Einmal nach Deutschland übergeschwappt, hat das «Trap-Fever» auch die Schweiz infiziert. Das Jahr 2016 zeigt dies deutlich. Doch was macht diese neue Ära aus? Wie kam es zu dieser Omnipräsenz? Schliesst ein neues Kapital automatisch das alte ab? Und vor allem: Worin liegt die Faszination für die Künstler, sich an diesem Sound bedienen zu wollen? 

Klar ist: Trap ist keine Eintagsfliege, die noch am selben Tag, wie sie schlüpft, stirbt. Man sagt, dass Trap, also so wie er sich vor etwa zehn Jahren in den Staaten Texas, Alabama, Tennessee, Georgia und Virginia anhörte, auf die Stilrichtung «Crunk» zurückzuführen ist. Schon Crunk baute auf die typischen drummachine-erzeugten Rythmen der TR-808 auf, ebenso wird über die Instrumentals gerne aggressiv gerappt oder geschrien. Der eigentliche Buzz, den der durchschnittliche Raphörer minder bewusst in den Jahren 2010-2012 mitbekommen haben dürfte, ist höchstwahrscheinlichen den Produktionen von Lex Luger zu verdanken. Der Produzent aus Alabama schmückte derzeit namhafte Hits wie «Hard In The Paint» von Waka Flocka Flame oder «B.M.F.» von Rick Ross mit ikonischen Beats. Von da an waren Produktionen in diesem Stil salonfähig und damit sehr gefragt. Seither hat sich die Ästhetik dieser Musik und die Form der Raps erneut gewandelt und tritt noch facettenreicher hervor. Mit der Verunglimpfung, Ironisierung und der letztendlich heimlichen Idealisierung von Money Boy und dessen Entourage GUDG wurden in Sachen Rapstyles in Deutschland damals Türen spaltweise geöffnet, von Künstler wie Haftbefehl, LGoony und Yung Hurn mit künstlerischem Mehrwert schliesslich aufgerissen, und nun durch aktuelle Phänomene wie Ufo361, Nimo und der KMN-Gang definitiv eingetreten. Türen, die mittlerweile auch in der Schweiz seriell in die Traphouses eingebaut werden. Zumindest lässt sich das mit Blick auf die Resonanz der Musik der Schweizer Youngguns erahnen. Neben gestandenen Acts wie Stress, Piment, Skor und Didi, die sich vom neuen Soundgefilde eine Scheibe abschneiden, sind es vor allem neuere Namen wie Retroworld, Leonid Rose, Skinny Stylus, Hardy Nimi und viele weitere, bei denen genauso viel Trap drin ist wie auch drauf steht. Vergleicht man aktuelle Songs, die sich der Trap-Bandbreite zuordnen lassen, mit Songs, die vor fünf Jahren erschienen sind, lassen sich Unterschiede festhalten, die helfen, den Einfluss des Phänomens Trap etwas herunterzubrechen: Die Beats sind tendenziell langsamer geworden. Auch steht Musikalität vermehrt im Zentrum – es gilt, Songs zu schreiben und nicht mehr nur Tracks abzuliefern, die mit einem klassischen 16-Bars-Part-8 Bars-Hook-Aufbau funktionieren. Dabei haben vielseitige Flows, charakteristische Adlibs und melodiöser Stimmeinsatz den technischen Fokus abgelöst. Im Zentrum steht der Vibe – angestrengte Doubletimes und unzählige Reimketten scheinen obsolet zu sein. Damit verbunden ist die Wandlung der Textformen. Texte sind tendenziell kürzer und einfacher. Das Stilmittel der Wiederholungen ist weit verbreitet. Dazu kommen typenspezifische Soundelemente: Die schleppenden Bässe und ratternden Snares der TR-808 und die sich verkrampfenden, stotternden Hi-Hats. Kein Wunder also, versuchen sich aufstrebende Rapper im neuen Trapgewand, das ihnen die Möglichkeit des Ausprobierens, der musikalischen Weiterentwicklung und damit die Chance, sich in der Gunst der Stunde als ernstzunehmende Künstler zu etablieren, bietet.

Natürlich ist der Trapgeist mittlerweile ein Selbstläufer, der nur schon durch dessen Erfolgsbilanz allerlei Trittbrettfahrer ans Land spült. Trotzdem scheint der nachhaltig prägende Soundentwurf den schnelllebigen und konsumorientierten Nerv der heutigen Zeit getroffen zu haben.

Der Soundentwurf dieser Ära spaltet die Geister. Während die Alteingesessenen kopfschüttelnd den Verrat an HipHop verkünden und dabei beinahe ihre Joghurts im Rucksack verschütten, bleibt den New-Schoolern vor lauter Dabben den Kopf in den Armbeugen hängen. Keine Angst, liebe Freunde des Boombaps: Auch der Trapfilm hat seine Wurzeln in den 90er-Jahren und baut darauf auf. Wer genauer hinhört, erkennt so einige Hommagen und Referenzen. Schlussendlich ist es eine Stossrichtung, die, wie auch schon andere vor ihr, sehr viel Neues mit sich bringt, vermeintliche Prinzipien über Bord wirft, szeneintern für Diskussionen sorgt und damit Veränderung schafft. Ob man es akzeptieren will oder nicht, HipHop ist als wandelnde Remix- und Jugendkultur auf neue Impulse angewiesen.

Text: Moritz Wey
Bilder: Yannick Dino Rüfenacht

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