Warum CH-Rap nicht nur Grössen aus Amerika und Deutschland nacheifert.

Als eingefleischter CH-Rap-Nerd diskutiert man immer wieder mit Zeitgenossen, die «aus Prinzip nur Ami-Rap» oder «nur Deutschrap» hören. Wer in der Schweiz rappe, sei nur ein Abklatsch von Vorbildern aus dem Ausland. Natürlich gab es auch 2016 Rapper, die Hypes wie «Palmen aus Plastik» gebitet oder auf den AON-Oldschool-Zug aufgesprungen sind – und sicherlich waren auch Mimiks‚ bahnbrechende Alben «VodkaZombie­Rambogang» und «C.R.A.C.K.» von Vorbildern aus Übersee inspiriert. Das ist gut so und völlig normal: Die Schweiz ist ein globalisiertes und offenes Land. Es wäre extrem schade, hätten wir keinen CH-Trap und keinen CH-Grime.

Nichtsdestotrotz hat die Szene hierzulande ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Helden, ihren eigenen Nischen-Sound. In der Hoffnung, alle engstirnigen Dogmatiker und «Golden Age»-Jünger ein wenig zu «teachen», möchte ich euch zwei Punkte ans Herz legen, die mir im Jahr 2016 besonders ins Auge gestochen sind und die den eigenen Drive repräsentieren, der hierzulande herrscht.

Keiner bringt politischen Content so locker und humorvoll rüber.

Politischer Rap hat in den Staaten eine lange Tradition. Nach dem Motto «each on teach one» sind so bereits Generationen von politischen Rappern herangewachsen. Das Problem: Oft sind die Songs und Texte von Rappern wie Common analytisch zwar brillant, leider aber auch schwere Kost für den Hörer. Beizeiten kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, in einer Soziologie-Vorlesung zu sitzen. Polit-Rap hierzulande wirkt im Vergleich eher wie ein lockeres Gespräch: Tommy Vercetti kann im selben Track Kapitalismuskritik üben und die Vorzüge seines Gemächts preisen, die S.O.S.-Jungs nennen ihren Style zwar «Young Nigga Teacher Shit», predigen aber nicht ohne Augenzwinkern auf fantastischen Newschool-Beats. Spannende Flowvariationen und intellektuelle Texte, politischer Inhalt und Entertainment halten sich die Waagschale. So macht Polit-Rap Spass und ich bin mir sicher, dass so auch mehr junge Leute an die Urne gebracht werden. Ein Pausen-Gespräch unter Freunden hat uns in der Schule schliesslich auch mehr Freude bereitet (und manchmal auch stärker inspiriert) als der Unterricht.

Schweizer Rapper haben eine eigenständige Art von Storytelling geschaffen.Die Schweiz ist ein Hort der Ruhe, ein Ort des Mittelmasses. Wir haben keine Ghettos wie die Bronx und keine glamourös-schillernde Gegenwelt wie die Skyline von Manhattan – alles ist etwas kleiner, banaler, durchschnittlicher. Der Stoff für die ganz grossen Stories – vom Ticker zum Multimillionär, vom Strassenfeger zum Business-Pimp – fehlt. 

Das hat dazu geführt, dass man sich neue Arten von Storytelling einfallen liess. In der Tradition von Berner Bands wie Patent Ochsner oder Züri West spezialisierten sich schon Baze und Greis auf das Erzählen von banalen, aber wunderschönen und poetischen Stories aus dem Alltag. Eine Fahrt im Tram, ein Nachmittag im Park, ein Bar-Besuch mit der Squad – all das widerspiegelt unsere Lebenswelt und kann, wenn man es nur richtig erzählt, sehr bewegend und spannend sein. Heute führen Künstler wie Manillio, CBN und Lo & Leduc diese Kunst des Geschichten­erzählens weiter. Wenn man genau hinhört, findet man Elemente dieses Storytellings bei fast jedem Rapper hierzulande.

In dem Sinne: Legt etwas Interesse an den Tag und spitzt die Ohren – ihr werdet sehr schnell realisieren, dass Schweizerrap anno 2016 seine eigenen Wege geht.

Text: Luca Thoma
Bilder: Oliver Moser

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