Bis heute ist das Verhältnis von Schweizer Kulturjournalismus und dem hiesigen HipHop keine Liebesbeziehung. Scheuklappen gibt es auf beiden Seiten und es gilt viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Am besten beginnt man dabei mit der Suche nach der Wurzel des Übels.

1 Die Einöde der 90er-Jahre

In den 1990er-Jahren gab es ein Thema, dass Feuilletonisten und Kulturredakteure wie eine heisse Kartoffel hin- und her warfen: HipHop.

Schweizer HipHop stellte die Kulturexperten der Medienhäuser vor ein Problem. Sie hatten Spike Lees «Do the Right Thing» gesehen und assoziierten HipHop mit wilden Tanz-Moves, farbenfrohen Klamotten und Ghettoblastern von der Grösse eines Einfamilienhauses. Sie hatten sich Eminems «8 Mile» angeschaut und lernten HipHop als eine subversive Kultur aus Elendsvierteln, als Sprachrohr für die Vergessenen kennen.

Das Problem war: In der Schweiz gab es keine «Ghettos» und keine überdimensionierten Radiorekorder. In der Schweiz gab es aber sehr wohl eine ganze Generation von Jugendlichen, die mit dem Sound von Black Tiger, den Hobbitz und anderen Pionieren sozialisiert wurde – völlig unbeachtet von der medialen Berichterstattung. Dann, just mit dem Einbruch des neuen Milleniums, traten Sektion Kuchikäschtli auf den Teppich…

2 Der Kuchikäschtli-Hype

Mit der Bündner Rap-Crew hatte der Feuilleton seine ersten Poster-Boys entdeckt. Eine Lobeshymne auf das Erstlingswerk «Lampafiaber» und den Nachfolger «Dorfgschichta» jagte die nächste und zum ersten Mal widmeten die Sonntagszeitungen einem Rap-Act ganzseitige Stories.

Eigentlich keine schlechte Wahl: Die Sektion und ihr Frontmann Rennie legten eine bisher ungekannte Vielseitigkeit an den Tag. Sie mischten tiefgründige Songs mit humorvollen Tracks, die Texte waren intelligent, Rennie flowte furios und stilsicher. So etablierten sie eine eigene Trademark. Der Hype war real, die Fans zahlreich, der Rückhalt in der Szene gross. Gerade ihnen – zurückhaltenden Jungs, die nie das Rampenlicht suchten und sich ungerne fotografieren liessen – gönnte man das Medienecho gerne.

Was aus heutiger Sicht misstrauisch stimmt, ist die Tatsache, dass sich die Kulturjournalisten eine der wenigen Crews aussuchten, die keine Schimpfwörter benutzte, keine aggressiven Texte schrieb und es vermied, den Finger auf besonders wunde Punkte zu legen.

HipHop? Ja, aber bitte nur die Light-Version ohne Gangsters und Bitches und Feuerwaffen. Mit der Wahl von Sektion Kuchikäschtli legte der Schweizer Feuilleton den Grundstein für eine Dynamik, die die Berichterstattung über Schweizer HipHop bis heute bestimmt.

3 Boulevardisierung und Zwang zur Uniformierung

Ich spreche von auf Hochglanz poliertem HipHop – garantiert ohne Schimpfwörter, mit möglichst einfachen und banalen Texten. Ein Touch von HipHop, ein Fünkchen von Roughness für alle Gross- und Schwiegermütter, ein Hauch Street Credibility für jeden Füdlibürger. MC Rennie, ein entspannter und liebenswerter Typ, der seine Hater mit dem Wort «Zipfelgrind» beleidigt, diente unfreiwillig als Blaupause für den Schweizer Rapper, über den es sich zu berichten lohnt. Mit mehr Business-Riecher, Pop-Appeal und Songs wie «Rosalie» nahm Bligg seinen Platz ein – ein Punkt, seitdem eine klischeefreie und seriöse Berichterstattung über Schweizer Rap noch um ein Vielfaches erschwert wurde. Auch Knackebouls Moderation bei «Cover Me» sorgte dafür, dass Schweizer HipHop zwar zunehmend mehr Aufmerksamkeit erhielt, die Berichterstattung aber gleichzeitig immer stärker in Richtung Boulevard und «Glanz und Gloria» tendierte. Wenn ein Rapper mediale Aufmerksamkeit wollte, musste er hohe Standards in Sachen Familienfreundlichkeit und Massentauglichkeit erfüllen. Unangepasste Künstler flogen unter dem Radar.

4 Nischen guter Berichterstattung

Bei allem Katzenjammer darf natürlich nicht ausgeblendet werden, dass es hierzulande über die Jahre hinweg auch immer gute bis hervorragende Berichterstattung gab. Gerade auf lokaler Ebene wurde und wird teilweise sehr gute Arbeit geleistet – etwa in Bern, wo die Journalisten spätestens nach dem kantonalen Literaturpreis für Tommy Vercetti auf die blühende und kreative Rap-Szene aufmerksam wurden.

Auch in Medien des linken Spektrums, etwa der TagesWoche oder der WOZ, kommen Rapper wie Knackeboul und Tommy Vercetti als Kolumnisten und Interviewpartner zu Wort. Oft drehen sich die Beiträge aber mehr um Politik oder eine übergeordnete Kritik an der Kunst- und Kulturszene als um musikalische Inhalte.

Auch im Internet und den sozialen Medien gibt es erwähnenswerte CH-Rap-Berichterstattung. So verfasst etwa die Noisey-Redaktion unter der Schirmherrschaft von Ugur Gültekin gut recherchierte Beiträge mit Tiefgang.

5 Es geht bergauf

Auch auf nationaler Ebene fand die grosse Eiszeit der letzten Jahre ein vorläufiges Ende. Kreative und durchaus sozialkritische Künstler wie Mimiks, Manillio oder Xen haben auch ohne Sound aus der Pop-Konserve ein grosses Publikum erreicht und bis anhin undenkbare Erfolge gefeiert. Ihr kommerzieller Erfolg öffnet ihnen auch bei den etablierten Medienhäusern und Radiostationen die Türen.

Doch gerade weil in den grossen Tages- und Sonntagszeitungen nun über Schweizer Rapper aller Couleur berichtet wird, realisiert man, dass es den Redaktoren oft noch am musikjournalistischen Werkzeug für eine ansprechende Berichterstattung mangelt. Wissenslücken in Bezug auf die Geschichte der Musiksparte, auf ihre thematische und künstlerische Vielfalt treten an den Tag. Oft fehlt wichtiges Hintergrundwissen. Vielen Journalisten fehlen die richtigen Worte, die Fachbegriffe, um die Musik plastisch und kreativ zu beschreiben. Doch was nicht ist, kann ja noch werden – denn guter HipHop-Journalismus ist lernbar. Das zeigt LYRICS, wo HipHop-Nerds mit Fachwissen und journalistischen Skills am Werk sind.

Text: Luca Thoma