«Ich lebe für den Schweizer Rap und ich denke, CH-Rap ist mir auch dankbar dafür.» Sein halbes Leben lang arbeitet Baldy Minder für das Schweizer HipHop-Game. Jeder, der sich seine Sporen im hiesigen Rap-Business abverdienen konnte, kann eine Geschichte über den «ersten Rap-Manager der Schweiz» erzählen. Dies soll aber keine Sammlung von Erzählungen, Mythen und Legenden sein, sondern eine Huldigung von Baldys Schaffen und sein erfolgreichstes Veranstalter-Projekt: das «Ultimate MC Battle»

Grundstein

Schon in den 90ern legte Baldy mit Serej und Diens einen Grundstein für die heute florierende Berner Rapszene. Aus dem damals gegründeten Kollektiv «Wurzel 3» entstand nämlich wenig später «Wurzel 5» und als die Crew sich mit den «PVP»-Jungs, Baze und DJ-Skoob zusammentat, war «Chlyklass» geboren und Baldy Minder bereits etablierter HipHop-Manager – wohl der erste seiner Art in der Schweiz. «Mit Wurzel 5 hatten wir den ersten grossen Hype im Jahr 1999. Da ich im selben Jahr Vater von Zwillingen wurde, brach ich mein Geografie-Studium ab und meldete mich als Jura-Student an. Ich dachte, dass ich als Vater etwas studieren muss, womit ich auch einmal richtig Geld machen kann.»

Es kam natürlich alles anders. «Stell dir vor, ich hatte in den Jahren 2000 bis 2010 immer mindestens einen Act auf Tour. Anfangs habe ich fast nur von den Stipendien gelebt. Die waren praktisch, denn der Booking-Job gab höchstens mal einen Lappen oder eine Harasse Bier pro Auftritt her.» Baldy war hin- und hergerissen zwischen seinem Studium und seinen Arbeiten als Manager. Dies hielt Baldy aber nicht davon ab, neue Projekte zu lancieren und im Jahr 2002 die Partyreihe «SWISSJAM» ins Leben zu rufen. «Ich hatte das Ziel, CH-Rap-Acts aus der ganzen Schweiz nach Bern zu holen.» Kein guter Plan, wie sich herausstellen sollte – der Kantönligeist setzte sich durch und machte es für Künstler aus anderen Kantonen unmöglich, in Bern Fans für sich zu begeistern. Die erste Durchführung war für den sympathischen Berner also ein Reinfall. «Bei der vierten Ausgabe veranstaltete ich bei der eigentlichen Konzertreihe «SWISSJAM» das erste MC Battle. Und dieses Turnier hat mich gerettet!» Der Anlass war ausverkauft und ein Battle-hungriges Publikum verwandelte das Bierhübeli zu einem Hexenkessel. Das angehäufte Defizit der vergangenen Ausgaben konnte ausgeglichen werden und das «Ultimate» (2004 erfolgte die Umbenennung) war geboren.

Scheissjahr 2009

Das «Ultimate» war erfolgreich lanciert und auch als Booker und Manager hatte Baldy alle Hände voll zu tun. «In der Zeit haben wir das Game wirklich monopolisiert. Baze, PVP, Wurzel 5 und Greis waren gleichzeitig auf Tour. Die Shows wurden immer grösser und meine Acts immer bekannter.» 2009 dann aber der Schlag ins Gesicht: «Die Auflösung von Wurzel 5 war ein Schock für mich. Wir brachten noch das Album «Letschti Rundi» raus und machten aus dem Namen Programm, indem wir in jeder Ecke der Schweiz nochmals live auftraten. Das war ein Scheissjahr, denn ich musste auch Greis ziehen lassen, der sich neu orientieren wollte. So verlor ich zwei meiner erfolgreichsten Acts. Zum Glück konnte ich mit Baze, der sich mittlerweile einen Namen gemacht hat, seinem «Boys on Pills»-Projekt und mit Webba ein neues Fundament errichten.»

Baldy Minder ist ein Überlebenskünstler und das kommt nicht von ungefähr. «Ich war schon immer ein Querkopf. Bereits als ich neun Jahre alt war, wollte ich ein Punk sein. Mein Vater ist ein Lebenskünstler und meine Mutter kann man getrost auch als Lebenskünstlerin bezeichnen. Mir wurde dieser Lifestyle in die Wiege gelegt. Deshalb arbeite ich auch selbständig und im Musikbusiness. Mich könnte man ganz sicher nicht in ein Grosskonzernbüro stecken.» Es gibt bestimmt Grosskonzerne, die Freude an Baldys erarbeiteten Qualitäten und dem Fundus an Knowhow im Kulturmanagement-Bereich hätten. Der Chlyklass-Manager weiss das auch – es ist ihm wohl aber auch scheissegal.

Genugtuung

Baldy konnte sich fangen und 2015 erlebte er eines der grossen Highlights seiner Karriere: «Am 1. Mai 2015 releasten wir das Chlyklass Album «Wieso immer mir?». Für viele war das ein Comeback. Das Ding war riesig. Wir drehten eine Doku im Vorfeld und charteten dann direkt auf die Eins! Wir waren nochmals richtig krass unterwegs und spielten geile Konzerte in der ganzen Schweiz. Ja, noch heute ernten wir von diesem Album und auch Bookings kommen immer noch rein.» Genugtuung für den fleissigen Vater von drei Kindern, die noch bis heute hinhält. Im Moment arbeitet Baldy ansonsten vor allem mit Baze, unterstützt die beiden Rapperinnen 11Ä und Lil Lou. Und organisiert dieses Jahr, bereits zum fünfzehnten Mal, das grösste Schweizer Freestlye-Battle-Turnier, das «Ultimate»!

Am 1. Dezember geht die inoffizielle Schweizer Meisterschaft im Freestyle-Rap bereits zum fünfzehnten Mal über die Bühne. Baldy Minder, der Gründer und Organisator des «Ultimates» hat deshalb zu einigen Schlagwörtern Stellung genommen.

Freestyle Rap

«Ich hoffe, dass ich mit meinem Battle dafür sorgen kann, dass Freestyle-Rap und die dazugehörige Szene am Leben erhalten bleiben. Die magischen Momente, die man während Freestyle-Sessions – egal ob klassisch im Rümli oder auf einer Bühne – erzeugen kann, sind für mich etwas vom Schönsten, was HipHop zu bieten hat.

Dachstock

«Seit 2010 ist der Dachstock der Austragungsort des «Ultimates». In den sieben vorhergehenden Durchführungen waren wir im Bierhübeli. Der Anfangshype, der das Battle auslöste, flachte ab 2007 ab und ich konnte die 1200 Plätze im Hübeli nicht mehr füllen. Da auch die Tonqualität im Bierhübeli nicht perfekt für Freestyle-Battles geeignet war, verlegte ich das Battle in den Dachstock – das haben mir die Verantwortlichen vom Hübeli dann auch ein wenig übel genommen. Aber das war einfach ein Vernunftentscheid. Der Dachstock ist der perfekte Austragungsort und die Atmosphäre am Battle ist unvergleichlich. Manchmal vermisse ich den Hexenkessel im Bierhübeli aber schon…»

Bern

«Ich finde es sehr schön, dass wir mit dem «Bern Jam» und dem «Ultimate» zwei Events in der Hauptstadt haben, die die ganze Schweiz vereinigen. Früher, als es zum Beispiel die «Slangnacht» noch gab, da ist man als CH-Rap-Fan noch viel mehr durchs Land gepilgert. Heute geht man noch an die grossen zwei Openairs und man hat in zwei Tagen so viele hochkarätige Acts gesehen, wie sonst in einem Jahr nicht. Das hat ein bisschen dafür gesorgt, dass die Leute verwöhnt worden sind. Man sorgte sich früher um diese Schweizer Events, heute ist man übersättigt. Deshalb finde ich auch dieses «Ultimate Battle» so wichtig. Das ist noch reales Schweizer HipHop-Kulturgut. Und ich bin überzeugt, dass es weltweit wohl nicht viele solche Freestyle-Events gibt, die schon so lange bestehen. Zusätzlich bin ich immer bestrebt, aus der ganzen Schweiz Rapper ans «Ultimate» zu holen. Früher hatte ich sogar noch Walliser Rapper am Start.»

Kommerzialisierung

«Seit ich das «Ultimate» im Dachstock durchführe, ist es immer ausverkauft. Es zieht Menschen aus der ganzen Schweiz nach Bern. Und ganz wichtig: Ich habe es geschafft, dass dieses Battle überhaupt nicht kommerzialisiert wurde. Ich habe praktisch keine Sponsoren. Ich hätte wohl schon lange Red Bull als Sponsor haben können. Das wollte ich aber noch nie – und ich will das «Ultimate» auch in Zukunft unbedingt real keepen! Das Battle soll kein Kommerz-Anlass werden. Das «Ultimate» soll einfach HipHop sein!»

Wertschätzung

«Viele meiner Künstler haben sich schon seit fast 20 Jahren an meine Arbeit und an den Service, den ich als Manager biete, gewöhnt. Die wissen zum Teil gar nicht, was sie an mir haben. Von denen hätte ich schon ab und zu gerne mehr Wertschätzung. Ich habe rund 30 bis 40 Tonträger rausgebracht und wurde durch meine Arbeit immer bekannter. Mit dem Fact, dass der Mann im Hintergrund auch gewachsen ist, können nicht alle gleichermassen gut umgehen. Aber, hey gäu, wir lieben uns trotzdem alle. «Am «Ultimate» bekomme ich die ganze Portion Wertschätzung. Da erklingen plötzlich «es git nur ei Baldy Minder»- Rufe. Das freut mich schon, obwohl ich mich dort überhaupt nicht in den Vordergrund drängen möchte. Es würde mir zum Beispiel nie in den Sinn kommen, die Preise auf der Bühne persönlich zu übergeben. Aber das «Ultimate», das fäggt schon. Da bekomme ich auch von Seiten der Freestyle-Rapper Dankbarkeit zu spüren. Die freuen sich, dass ihnen so eine Plattform geboten wird.»

Höhepunkt

«Wenn LIV auf Skibe traf gab’s Action, die hatten immer richtig geile Fights. Auch Acid T gegen Lo, das waren epische Battles. Für mich ist ein Battle dann geil, wenn man merkt, dass die Kontrahenten aufeinander eingehen, die höchste Freestyle-Kunst zelebrieren, und dabei den Respekt voreinander bewahren.»

Tiefpunkt

«Ich habe 2005, bei der dritten Ausgabe, den Fehler gemacht, dass ich mit Rusha einen Rapper ins Line-Up genommen habe, der auf Hochdeutsch rappte. Dieser Sprachunterschied hat, meiner Meinung nach, die Jury beeinflusst. Für mich war das dann schon das Worst-Case-Szenario, als er das Battle-Turnier gewonnen hat.»

Hosts

«Mich erfüllt es mit Stolz, dass ich mit Baze seit der ersten Durchführung den gleichen Host am Start habe. Aber ich glaube, was diesen Job anbelangt, ist es bald mal Zeit für eine Wachablösung.»

Acid T

«Ihn mag ich halt enorm wegen seiner lockeren Art, mit der er auf die Bühne steppt und weil er nach jeder Line sein Adlib «ese» anhängt. So cool wie er ist noch nie jemand an einem Battle aufgetreten.»

Saimon Disko

«Als ich ihn zum ersten Mal auf der Bühne sah, war das für mich wie eine Offenbarung. Da war er, dieser Eminem-Moment. Mit Saimon verbindet mich mittlerweile ein spezielles Verhältnis. Ich mag ihn sehr, ich würde sogar sagen, dass er wie ein kleiner Bruder für mich ist. Eigentlich müsste ich den unter meine Fittiche nehmen und mit ihm ein richtig geiles Album produzieren. Denn Potenzial hat der Junge definitiv auch abseits vom Freestyle Rap.»

Hans Nötig

«Für mich ist er eine Legende und muss unbedingt separat erwähnt werden. Er wäre bei der nächsten Ausgabe bereits zum dreizehnten Mal dabei! Bei ihm ist jeweils entscheidend, wie viele Bierchen er sich während eines Battle zuführt und er hätte eigentlich auch das Potenzial, ein Battle mal zu gewinnen.»

15. Ultimate

«Man muss sich vielleicht einen Filter zulegen, denn es werden schon ab und zu Mütter gefickt. Eine Crowd, die so gebannt ist, findest du an keinem Konzert. Als Zuschauer bekommt man beste Unterhaltung geboten. Am «Ultimate» ist alles unvorhersehbar, unberechenbar und unverkrampft. Egal ob du gerne Rap hast oder nicht, das «Ultimate» ist ein Schweizer Kulturgut und es lohnt sich für jede und jeden, zu kommen!»

Zukunft

«Ich werde wohl schon 20 Ausgaben machen. Danach, so kann ich mir jetzt vorstellen, gebe ich es dann ab. Aber nur wenn ich jemanden finde, der das «Ultimate» mit dem gleichen Enthusiasmus weiterführt wie ich. Ich wünsche mir, dass es das Battle-Turnier auch noch in 50 Jahren gibt.»

Text: Emanuel Ernst