Als Flüchtlingskind ist er in der Schweiz gestrandet, in einer Zeit lange bevor die Welt von Begriffen wie «Arabischer Frühling» oder «Flüchtlingskrise» sprach.

Sam Gold hat einen weiten Weg zurückgelegt – physisch wie intellektuell. In seiner Vergangenheit als Winterthurer Strassenrapper hat er Gemüter erhitzt und polarisiert, heute möchte er seinen Hörern die Katharsis, eine Reinigung des Geistes, näherbringen. Sein Werdegang repräsentiert eine echte Self-made-Story ohne jeglichen Kitsch und Glamour, aber mit viel Wille und Durchhaltevermögen.

Einen grossen Teil deiner Kindheit hast du im Ausland verbracht. Woher kommst du?

Ich bin in Damaskus zur Welt gekommen. Ursprünglich stammt meine Familie aus dem Irak – aus Baghdad. Bis kurz vor meiner Geburt war mein Vater in einer Spezialeinheit des Militärs unter Saddam Hussein tätig. Aufgrund eines Gewissenskonflikts desertierte er. Saddam hatte eigens Leute dazu beauftragt, Deserteure aus seinen Reihen zu verfolgen und zu richten. Um uns vor Saddams Leuten zu verbergen, sind meine Eltern, in der Zeit als meine Mutter mit mir schwanger war, nach Syrien geflüchtet. Bis zu meinem elften Lebensjahr habe ich meine Kindheit in Damaskus verbracht.

Welche Umstände haben dich und deine Familie in die Schweiz geführt?

Mein Vater befand sich während unseres Aufenthalts in Syrien nach wie vor im Fadenkreuz der irakischen Armee. Seine Lage schien sich nicht zu verbessern, also setzte er im Jahr 1999 in einem Flüchtlingsboot nach Europa über. Zu der Zeit, als der Irakkrieg ausbrach, im Jahr 2003, erhielt seine Familie die Erlaubnis, ihm in die Schweiz zu folgen. Seit meiner Ankunft bis zum heutigen Tag lebe ich in Winterthur.

Welche Ausbildung hast du nach deiner Ankunft in der Schweiz erhalten?

Zuerst besuchte ich während eineinhalb Jahren eine Integrationsklasse. Der Unterricht bestand ausschliesslich aus Deutschkursen. Die Integrationsklasse stellte meinen ersten Schulbesuch überhaupt dar. Danach wurde ich in die fünfte Klasse der örtlichen Primarschule eingeschult, worauf die Sekundarschule folgte. Aufgrund meiner mangelhaften Deutschkenntnisse bin ich in der Abteilung B («Sek B») gelandet. Bis zum Abschluss der Sekundarschule gelang es mir nicht, eine Lehrstelle zu finden. Ich besass zu jener Zeit noch immer den F-Ausweis für vorläufig aufgenommene Ausländer, was mir den Einstieg in die Arbeitswelt stark erschwerte. Ich schrieb 150 Bewerbungen und erhielt ebenso viele Absagen. Nach dem Einstieg ins zehnte Schuljahr lief es schlagartig besser. Endlich erhielt ich eine Lehrstelle als Mechaniker, die ich nach vier Jahren abgeschlossen habe.

 Ab diesem Zeitpunkt hast du scheinbar aus dem Nichts grossen akademischen Ehrgeiz entwickelt. Hättest du dir noch vor 7 Jahren denken können, dass du heute im Vorlesungssaal einer Schweizer Hochschule sitzen würdest?

Nein, ganz sicher nicht. Aber ich habe mir schon zu Sekundarschulzeiten gewünscht, das Gymnasium zu besuchen. Einige gute Freunde von mir aus der Primar- und Sekundarschule sind ins Gymnasium gewechselt, wodurch das Gymi eine grosse Anziehungskraft auf mich hatte. Nur wollte ich mir das zu dieser Zeit selbst nicht eingestehen. Gegen aussen hin habe ich diese Gefühle vor niemandem erwähnt, ich hätte sie vermutlich sogar verleumdet.

Phasenweise schlugen meine Ambitionen in die entgegengesetzte Richtung aus. Zu Beginn des zweiten Lehrjahres hatte ich die fixe Vorstellung, nach der Lehre Drogendealer zu werden. Freunde von mir fuhren mit 100‘000 Franken in bar durch die Gegend und haben sich darüber lustig gemacht, dass ich mir für 1000 Franken im Monat den Arsch aufgerissen habe. Trotzdem wollte ich die Lehre als eine Art Rückversicherung für später durchziehen. Glücklicherweise fing ich mich gegen Ende der Lehre wieder. Mit dem Lehrabschluss in der Tasche habe ich im Zusammenhang mit einer pädagogischen Ausbildung ein Praktikum im sozialen Bereich absolviert. Danach habe ich mir das erforderliche Wissen für die Berufsmaturitätsprüfung autodidaktisch beigebracht. Ich bin ohne Erfahrungsnoten und ohne belegten Präsenzkurs an die Prüfung gegangen und habe bestanden. So bin ich über Umwege doch noch zu einem Studienplatz gelangt.

Was hat diese Entwicklung deiner selbst ins Rollen gebracht?

Ich habe mich kompromisslos und selbstkritisch reflektiert. Dadurch habe ich eingesehen, dass es gewisse Dinge gab, von denen ich mich lösen wollte. Vor allem bestimmte nationale wie auch religiöse Rollenbilder. Die Philosophie half mir dabei, zu verstehen, dass ich innerlich stagnierte, indem ich meine Probleme aufblies wie ein Ballon und sie damit grösser machte, als sie eigentlich waren.

Wie kam es dazu, dass du zu deinem ersten Philosophiebuch gegriffen hast?

 Mein Vater hat mir schon als kleiner Junge von Dichtern und der Philosophie vorgeschwärmt. Dies behielt ich immer im Hinterkopf, denn mein Vater ist seit ich denken kann, mein Vorbild. Er war ein Rebell. Ihm gelang es, sich von extrem schwierigen Umständen loszulösen und sich und seiner Familie ein neues Leben aufzubauen. In der Selbstfindungsphase die ich durchlebte, erinnerte ich mich an die Erzählungen meines Vaters und fing an, mich zu bekannten philosophischen Inhalten zu informieren. Zuerst habe ich Werke von Nietzsche gelesen. Dann las ich weiter, über Werke von Machiavelli bis hin zu Schriften von Thomas Hobbes. Ich war kein schneller Leser, wollte ich auch nicht sein. Ich habe die Werke verinnerlicht.

In der Vergangenheit hast du bereits erreicht, mit deiner Musik zu einer regionalen, teilweise überregionalen, Bekanntheit zu werden. Unter deinem ehemaligen Alias «Shenzo» hast du mit aggressivem Strassenrap für Furore gesorgt. Heute schlägst du als Sam Gold, zumindest musikalisch, ganz andere Töne an. Hat sich auch die Person hinter diesen zwei Künstlernamen verändert?

Shenzo entstand in einer Phase, in der ich eine Identitätskrise durchlebte. Ich bewegte mich in Kreisen von Mitmenschen, in denen jeder seine Probleme damit hatte, in der Gesellschaft Fuss zu fassen. Viele von uns suchten vergeblich nach einer Lehrstelle. Wir fühlten uns im Stich gelassen, von der Welt, vom System. In einer Gesellschaft mit einer so hohen sozialen Sicherheit und gut ausgebauten Infrastruktur wie der Schweiz scheint dies zwar unvorstellbar, doch war das eben unsere Wahrnehmung der Dinge. So schotteten wir uns komplett von der Umwelt ab. Ehrlich gesagt fehlte uns ganz einfach das Selbstvertrauen, um die gesellschaftlichen Barrieren zu durchbrechen und den Leuten offen entgegenzutreten.

 Diese Wahrnehmung spiegelte sich dann auch in deiner Musik wieder…

Genau. Im Strassenrap fand ich das Ventil, welches ich benötigte um Dampf ablassen zu können. Dabei fixierte ich mich jedoch stark auf meine eigenen Probleme und meine eigene Sichtweise. Heute weiss ich, dass ich damit keineswegs konstruktiv an mir arbeitete. Ich habe mich von der Aggression und gewissen triebhaften Gefühlen gelöst. Als Sam Gold mache ich Musik, die über mich selbst hinausgeht. Meine Aussagen reflektieren die Gesellschaft als ein Ganzes. Unsere Schattenseiten, die Abgründe der Menschheit, werden weiterhin eine grosse Rolle in meiner Musik spielen.

Als Musiker nimmst du ab einem gewissen Mass an öffentlicher Aufmerksamkeit automatisch eine Vorbildfunktion ein, besonders für jüngere Zuhörer. Wie würdest du ein Vorbild beschreiben, welches du verkörpern möchtest?

Ein Musiker, den ich als gutes Vorbild bezeichne, muss auch gute Kunst machen.

In meiner Freizeit besuche ich gerne Auftritte von Kabarettisten. Diese sagen ab und an empörende Dinge, die sie am Schluss mit einer Pointe meist hervorragend aufzulösen wissen. Indem man Tabuthemen für Menschen konsumierbar macht, hat man das voreingenommen übermoralische Denken, welches unsere Gesellschaft prägt, überwunden. Wenn ich mich mit jemandem unterhalte, von dem ich weiss, dass er oder sie extrem sensibel auf vielerlei Themen reagiert, dann bin ich automatisch gehemmt im Gespräch, das schränkt mich ein. Hingegen wenn ich mich mit jemandem unterhalte, der offen ist und auch über sich selbst lachen und scherzen kann, dann ist das ein viel angenehmeres Zusammensein, bei dem ich selbst aufblühen kann. Ich erwarte von einem Musiker, dass er gewisse Themen und Bilder, die von der Gesellschaft verpönt sind, wie beispielsweise Gier, Sexualität und Neid, ästhetisch darstellt und konsumierbar macht. So verspüren die Zuhörer diesen Themen gegenüber keine Angst und Hemmungen mehr. Dies schafft einen Zustand, bei dem sich Künstler wie auch Konsument von den negativen Gefühlen gegenüber Tabuthemen befreien können. Aristoteles hat dies «Katharsis» genannt. Dieser Zustand bildet das Fundament, auf dem konstruktive und weitsichtige Gedanken aufgebaut werden können. Das wünsche ich allen Menschen, die mir und meiner Musik zuhören. Für mich ist das eine der reinsten Formen von Freiheit, die man haben kann.

Interview: Dominik Müller

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