Trettmann ist der Ehrenmann des Deutschrap-Jahres 2017 und sowas wie SSIO oder GENETIKK im Jahre 2013. Niemand streitet ihm seine frische Fortschrittlichkeit und damit seine Wichtigkeit für die Szene ab. Bei seinem Tourstopp in Zürich haben wir dem Avantgardisten Schweizer Rap vorgespielt und dabei etwas über seine vielbewegte Musikergeschichte erfahren.

Aufgewachsen ist Stefan Richter im «Fritz Heckert» in Karl-Marx-Stadt, der zweitgrössten Neubausiedlung der DDR. Über den Breakdance-Film «Beat Street», den er so oft geschaut hat, dass er ihn heute noch fast komplett mitsprechen kann, kommt er zum Tanzen. Weil die Importartikel im sozialistischen Teil Deutschlands knapp sind, ist schon damals DIY (Do It Yourself) angesagt. Tretti näht drei Streifen aus Haushaltsband auf seine Trainerhose oder übermalt seine Sneaker mit Textilstiften, um es den frischen HipHoppern aus Übersee nachzutun. Das erste Mal hört er Rap im West-Radio, das er nur empfängt, weil er im obersten Stock wohnt. Angetan von einer Anzeige in einem Reisekatalog reist er, im Gegensatz zu seinen Freunden, die alle nach New York wollen, alleine und ohne die leiseste Vorahnung nach Jamaika. Trettmann verliebt sich in die Insel und entdeckt seinen HipHop darin wieder. Mit den gesammelten 7-Inch-Platten kehrt er nach Chemnitz zurück, um seinen Leuten die von RnB- und HipHop-beeinflusste Musik in Form von Reggae-Parties zugänglich zu machen. Über die Rolle des Selectas und MCs (Shouter) an Soundsystems kommt er schliesslich dazu, diesen Stil mit seinem sächsischen Dialekt als Ronny Trettmann, der eingedeutschten Version des Dreadman, zu persiflieren.

Erst Jahre später lässt er das «Ronny» weg und orientiert sich musikalisch neu. Spätestens mit dem Untergrund-Hit «Was solls» mit Megaloh, der Blaupause seiner neuen Musiker-Persona, wird klar, dass dageradeMusikkreiertwird,dieseinesgleichen sucht. Im organischen Prozess mit der Kreuzberger Kombo KitschKrieg, die einiges anders und damit vieles richtig macht, entstehen vor etwa zwei Jahren die «KitschKrieg»-EPs und damit der hitlastige und bald schon vielgefeierte neue Stil Trettmanns. Von Trap geprägt, aber mit dem Riddim im Rücken. Melodieaffine Zeitgeist-Musik, mit einem feinen Mix aus kühlen Synthies, satten Bässen und dem Blues eines gestandenen Mannes. Obwohl seine Texte zunächst, so sagt er, noch mehr nach gängigen Schemen im Trap aufgebaut sind, glaubt man dem gebürtigen Chemnitzer jedes Wort. Im vergangenen Herbst folgt das gefühlte Debut-Album «#DIY», mit dem er sich auf sämtlichen Künstlerebenen veredelt und gekonnt aus seiner Lebensgeschichte schöpft. Zuspruch aus allen Ecken, sechs Kronen in der Juice und was im Frühling auf dem Intro von «Alles Echt» optimistisch klingt, wird Monate später in die Realität umgesetzt. Tretti und sein Team «füllen im Winter Hallen». An jenem Novemberabend ist das EXIL ausverkauft. Und zwar bereits Wochen zuvor. Sein Aufschwung wird auch hier mit Interesse und Begeisterung mitverfolgt. Das war nicht immer so. Als Trettmann am ersten Mai 2016 in Zürich ein
Gratiskonzert spielt, sind es eine überschaubare Anzahl an Kennern aus der Dancehall- und Reggae-Szene, die den Leipziger auf dem Schirm haben. Doch Tretti ist Zürich ganz und gar nicht fremd. Als Ronny Trettmann kollaboriert er bereits 2006 in lupenreinem Sächsisch mit Phenomden auf dem Dialekt-Tune «Deutsches Patwa». Auch mit dem stadtbekannten Stereo Luchs entsteht 2014 eine Ode an deutschsprachigen Reggae. Dass Brettmann, wie Tretti in den YouTube-Kommentarspalten humorvoll, aber ehrend genannt wird, in jüngster Zeit wohl Zürich und dessen Lokalmatador Stereo Luchs nicht abgeneigt war, ist den Fans von Stereo Luchs spätestens seit «Lince» klar. Dementsprechend positiv sind Trettis Vibes, als ich ihn wenige Minuten nach seiner Ankunft zum Interview treffe. Für meine Handvoll Schweizer Rapsongs, die ich dem bodenständigen Mittvierziger mitbringe, rührt er gleich zwei Becher Tee – seiner angekratzten Stimme zuliebe – mit Ingwer und frischer Pfefferminze an und setzt sich entspannt vor meinen mitgebrachten Laptop.

ALI (ft. Pronto) – YUME

Also Pronto hab‘ ich gleich erkannt, auch ohne, dass ich den Songtitel gesehen habe! (lacht) Ihn feiere ich. Auch schon kennengelernt am Frauenfeld Festival. Und er ist ja auch ein Bredrin von Luchs und ist ja auch da wieder auf dem Album drauf. Guter Mann…frisch! Sehr angenehm. (hört weiter) Also ich find das Ganze solide. Aber Pronto kommt rein und hat halt die Melo am Start und sofort öffnet sich ‘ne Sphäre. Angenehm. Video ist schön, schöne Farben… Ist das schon Hype?

schon.

Ok. Ist auch für mich immer mit dem Schwiizerdütsch so ein bisschen, wie als ich als Kind englische Texte gehört und nur ein paar Worte verstanden habe. Das lebt dann für mich mehr vom Vibe. Wobei ich glaube, er singt schon von seinem Underdog-Dasein und so… Gute Nummer!

Auch bei dir läuft es mittlerweile unglaublich rund: Fast ausverkaufte Tour, Zuspruch aus allen möglichen Lagern, sechs Kronen in der Juice… Wie schaffst du es, so auf dem Boden zu bleiben?

Das ist ganz einfach. Also erstmal kann ich gut verdrängen (lacht). Das heisst, wenn ich jetzt zum Beispiel nach ‘ner krassen Show ins Hotel gehe, kann ich auch gut abschalten. Ich muss mir das jetzt nicht alles hundertausendmal vor‘s Gemüt führen… Weiss nicht, ist alles easy gewachsen. Wie gesagt, schon elf Jahre am Mic, ich kenn halt noch die Durststrecken. Die Clubs, in denen ich heute spiele, die ausverkauft sind, da war ich oft schon und hatte irgendwie 50 Leute. Insofern ist das wirklich Step by Step gewachsen. Ich glaube, das verleitet gar nicht dazu, jetzt abzuheben, sondern vielmehr zu realisieren, wie man es sich über die Jahre hinweg erkämpft hat.

Stereo Luchs – Sie seit

Ich hoffe, den kennst du schon…

Kenn ich schon, ja… (hört rein)
Da hast du mich halt sofort! Jetzt mal unabhängig davon, dass er ein Freund ist und wir uns schon lange kennen: Ich find seinen Kram so on Level. Ist Wahnsinn, wirklich. Nun auch die Zusammenarbeit mit KitschKrieg – was ja auch wieder Familie ist – aber er hat auch wirklich die Melodien und Lyrics to go. Echt krass, das ist die Musik, die ich wirklich mag und wo ich mich freu, dass sowas mitten aus Europa kommt. Und dann auch noch aus der Schweiz, wo ja eh alles so klein ist – die Zuhörerschaft von vorne rein. Ich sag auch jeweils zu ihm: «Ey Alter, wie schade dass du kein Hochdeutsch singst», weil natürlich raffen es die Leute aus Deutschland und Österreich aufgrund des Dialekts nicht. In meinen Songs halte ich es meist sehr simpel, aber er kommt da mit Melodien rein, die halt alles wegschiessen… Big Up Stereo Luchs, every Time!

Ein sehr persönlicher Song, der, wie auch bei dir häufig, trotz der inhaltlichen Tiefe gut verständlich ist, dabei aber angenehm im Ungefähren bleibt. Wie machst du das und was ist dir besonders wichtig beim Texten?

Es gibt da kein Konzept bei mir. Im Endeffekt muss ich dahinter stehen können. Am nächsten Tag, wenn ich das fertige Ding anhöre, muss ich‘s halt immer noch feiern können. Mittlerweile schleicht sich durch das viele Texten auch eine Routine ein, so dass man ein Gefühl dafür bekommt, wenn ein Text Hand und Fuss hat. Selbst wenn man es schnell schreibt, bin ich dann trotzdem derjenige, der zehnmal darüber nachdenkt und sich nicht zu schnell zufrieden gibt. Und das weiss ich von Luchs auch, dass er sehr bedacht an die Sache rangeht. Trotzdem kreiert er einen Vibe und es ist nicht verschachtelt oder zehnmal um die Ecke gedacht. Das finde ich halt geil, dass alle Leute damit etwas assoziieren können.

Lou Fresco & La Base (ft. Prince Waly) – CODES

Ich find schon mal grundsätzlich die Videos alle sehr nice. Bei allen dreien hat‘s schöne Bilder. Ich versteh halt kein Wort und kann irgendwie nur über Bilder und Phonetik aufnehmen. Es klingt auf jeden Fall angenehm… schöner Basslauf! Erinnert ein bisschen an INI – «Grown Man Sport».

Die fahren mehr den Boom-Bap-Film.

Ja, wobei das sehr modern klingt von der Sound-Ästhetik. Es gibt ja auch im Boom-Bap letztendlich so viele Facetten. Find ich geil, ist ja auch nicht so, dass ich mich jetzt nur dem Trap verschrieben hätte. Ist ja auch meine Geschichte irgendwie. Ich höre auch heute noch gerne Tribe-Platten und so n‘ Kram. Insofern alles gut, nice!

Josha Hewitt – So sii

(zeigt mir seine Unterarme) Sieht man’s nicht? … Gänsehaut!

Verstehst du was vom Text?

Am Anfang irgendwann: «Werden die Bäume wieder Wurzeln schlagen». In Verbindung mit den Bildern, die er da zusammengecuttet hat, den Wortfetzen, die ich verstehe und natürlich der Intonation berührt es mich! Wie alt ist der?

Ich glaube, er ist nicht älter als 22.

Ja, sehr angenehm. Leider verstehe ich nicht wirklich viel, habe jedoch eine Ahnung davon, was er damit sagen möchte und mag das auch sehr. Etwas Vergleichbares weiss ich jetzt nicht, aber ich feiere beispielsweise auch ‘nen Juicy Gay, die Lazy Lizzard Gang oder, was weiss ich, Lil Yachty! Ich mag dieses unmittelbare, ehrliche Momentum fernab von diesem HipHop-Kodex, der einem vorschreiben will, etwas Bestimmtes zu sein oder darstellen zu müssen. Insofern ist alles frei und das ist eine sehr schöne Facette der Musik.

Das sagst du sehr passend. Er hat etwas Unkonventionelles, auch mit seinem Autotune Gebrauch. Wie gelingt es dir dieses Tool so zu nutzen, dass es nicht wie alles andere klingt?

Weiss ich nicht… Es klingt ja schon wie vieles, ist halt dieser Stimmeffekt… Ganz ehrlich, ich bin es leid, darüber zu reden, weil ich in jedem Interview damit in Verbindung gebracht werde. Die Story ist irgendwie abgehakt. Man sollte Musik gar nicht mehr daran festmachen. Es ist genauso legitim, wie ohne Autotune zu singen.

Gibt’s ja auch schon ewig.

Ja erstens und zweitens unterscheidet es sich das ja nicht von einem Effekt, den du über die Gitarre legst. E-Gitarre zum Beispiel. Inzwischen ist es einfach normal, Leute! (lacht)

Vor sechs Jahren drehte sich in der deutschsprachigen Rap-Szene noch alles um Technik. Da wäre es bestimmt schwieriger gewesen, mit so einem Sound anzukommen.

Auf jeden Fall. Für all diese Leute, die es damals schon gemacht haben, war es schwierig. Ist ja auch normal. Diesen Generationskonflikt, bei dem die Alteingesessenen eine bestimmte Ära als die Beste bezeichnen, gab es ja schon immer. Aber letztendlich ist das nicht diskutabel. Es geht um Musik und wenn Musik Leute erreicht und Gefühle erzeugt, ist es wie überall in der Kunst: Es verdient Respekt!

 

Text: Moritz Wey