Es gibt wohl kein Thema, dass die Öffentlichkeit und die Politik zurzeit stärker umtreibt als die Migration und – untrennbar mit ihr verbunden – die Integration. Damit einher­gehend werden viele Fragen aufgeworfen: Was ist Integration überhaupt und wie gelingt sie? Wer soll hier wen integrieren? Wer muss sich integrieren? Was in den Debatten oft zu kurz kommt, ist die Frage, wo hinein man die Menschen denn eigentlich integrieren soll. Das führt uns zum Begriff «Heimat», den jeder Einzelne wohl auf eigene Art und Weise definieren würde: Die einen sehen die ganze Welt als ihre Heimat, andere die Schweiz oder nur ihr Quartier – wiederum andere definieren Heimat nicht als einen geographischen Ort, sondern als emotionale Grösse. LYRICS will es genau wissen und fragt bei den Schweizer Rappern nach.

Für mich ist der Begriff Heimat mittlerweile nicht mehr lokal, sondern personal definiert. Heimat ist für mich der Ort, wo meine Familie und meine Freunde sind. Heute ist das die Stadt Zürich, vor zehn Jahren war es Chur, in zehn Jahren könnte es auch ein anderer Ort in einem anderen Land sein.

Für mich fühlt es sich nicht richtig an, Heimat über den Wohnort hinaus zu bestimmen. So kann ich auch nicht die gesamte Schweiz als meine Heimat bezeichnen, da es Gebiete gibt, in denen ich mich unwohl und fremd fühle. Da ich bis anhin nur in Deutschschweizer Städten gelebt habe, kann ich nicht behaupten, dass rurale Gegenden oder die Romandie Heimatgefühle in mir wecken.

Meine Eltern sind aus der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien in die Schweiz gekommen. Wenn ich mich für längere Zeit bei Familie und Freunden in Belgrad aufhalte, verspüre ich so etwas wie Heimatliebe. Allerdings entpuppt sich diese schon beim ersten Behördengang oder Besuch in einem Krankenhaus als romantisierter Trugschluss.

Wenn ich früher gefragt wurde, welche Werte die Schweiz prägen, habe ich oft mit stereotypen Vorstellungen, mit Schlagworten wie Pünktlichkeit und Ordnungsliebe, geantwortet. Das stört mich mittlerweile. Heute würde ich vielmehr einen Katalog von Werten aufstellen, die die Schweiz seit 1848 prägen und die Schweiz zu einer humanistischen, aufgeklärten und liberalen Willensnation mit föderalen, demokratischen und säkularisierten Strukturen geformt haben.

Ich bin sehr dankbar, dass ich als Kind Freunde mit Wurzeln aus drei Kontinenten hatte. Andere müssen die Welt bereisen, um neue Kulturen kennenlernen zu können, ich musste bloss das Stockwerk in meinem Wohnblock wechseln. Es war normal, dass jeder von uns Spielkameraden die Sommerferien jeweils bei den Grosseltern in Italien, in Spanien, im damaligen Jugoslawien oder auch im Val Müstair verbrachte. Erst mit den Jahren versuchten uns Medien und Politiker zu vermitteln, dass dieser Umstand etwas Besonderes in der Schweiz sei – und viele liessen sich leider davon überzeugen. Ich persönlich verspürte dann mit den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien und dem damit einhergehenden Mediensturm, dass ich anscheinend nicht nur bloss ein Ausländer, sondern eben zusätzlich noch die unbeliebteste Unterart davon sei. Die «huara Jugo»-Sprüche auf dem Pausenplatz haben mich geprägt.

«Integration» ist in der Schweiz zu einer Worthülse verkommen, einer Litanei der Rechten, die sie «Ausländern» predigt, während sie mit regelmässigen Überfremdungsinitiativen de facto Desintegration betreibt. Es wird suggeriert, dass «integriert sein» ein finiter Zustand sei, den man erreichen muss, um in der Schweiz akzeptiert und gleichberechtigt behandelt zu werden. Als ob es eine staatliche Behörde gäbe, die den Grad der sogenannten Integration prüft, und dann beim Erfüllen eines wie auch immer definierten Forderungskatalogs wohlwollend «INTEGRIERT»-Stempel auf ein Dokument verteilt, das man dann seiner Stellenbewerbung beifügen kann, um nicht aufgrund des exotischen Namens vorverurteilt zu werden. Das ist absurd.

Ich habe die Wahrnehmung, dass die meisten Menschen in der Schweiz Integration mit Assimilation gleichsetzen, was nichts anderes bedeutet, als das alles, was auffällt, weil es mit der eigenen Erfahrungswelt kollidiert, oder weil es nicht «schweizerisch» scheint, als Zeichen von misslungener Integration gewertet wird.  Manchen Leuten in der Schweiz ist zum Beispiel der Anblick einer Muslimin mit Kopftuch fremd, sodass sie dazu neigen, diese ihnen vollkommen unbekannte Frau als «nicht integriert» abzustempeln – und dass nur, weil diese Frau nicht in das idealisierte Bild passt, das ihr Gegenüber von der Schweiz konstruiert hat. Mit der Vorstellung einer idyllischen und kulturell homogenen Schweiz, die in dieser Form nie existiert hat, muss gebrochen werden, indem der Staat für eine stärkere soziale Durchmischung in Beruf, Schule und allen voran in Wohnquartieren sorgt. Die Schweiz als Willensnation muss gestärkt werden.

Auf der anderen Seite beobachte ich eine weitere besorgniserregende Entwicklung, nämlich den steigenden Nationalismus in der zweiten und dritten Einwanderergeneration. Nationalismus ist per Definition ab- und ausgrenzend und daher hinderlich für einen respektvollen Umgang untereinander. Es wird Zeit, dass junge Menschen mit Migrationsgeschichte, die in der Schweiz geboren und/oder aufgewachsen sind, die Denkmuster, die ihre Eltern in der vermeintlichen Heimat kennengelernt haben, und die auf Ab- und Ausgrenzung gründen, hinterfragen, aufbrechen und überwinden. Sinnfreies Tradieren von überkommenen Ansichten korrumpiert die unabhängige Entfaltung einer eigenen, den neuen Umständen angepassten Identität.

Für mich ist Integration eine nie endende, sich stets wiederholende Handlung, die alle Menschen, unabhängig von Herkunft und Status und losgelöst von der Migrationsdebatte, meistens unbewusst in den verschiedensten Alltagssituationen vornehmen, um ein gesellschaftliches Miteinander zu ermöglichen.