Acht Jahre hat es gedauert: Tinguely Dä Chnächt verrät schon mit seinem neuen Albumtitel «Calvados» wohin es gehen soll – auf die Gasse, in die Nacht, in 24-Stunden-Shops. «Backstage und WC» ist ein Spektakel an Wortwitz, ein Sammelsurium an Wortspielen und eine Liebes- und Hasserklärung an Rauschmittel und Berauschte.
[Verse 1]

Im Untergrund isch d Stimmig usschliesslich im Chäller,
Unterirdisch, ganz dunde, de Mänsch tanzt im Dunkle.
Zum im Club tanze, ischs e Frag vo de Substanze, d Chemie stimmt.
(Was mached zwei Kokser wo es Problem händ mitenand? Es Hüehnli rupfe.)
Jede Club hett sini Linie, zwei Reihe vorem WC am Warte;
Rupfe nöd schupfe, Postcard und EC-Charte.
Tuusig Nase im Club, wart emal: Wie nännsch das? En Schlaumeier im Schnee, nänn mi Naseweis(s), du kännsch das.
Rupf mer de Buckel abe, mir sind kei Bekannti, entfernt Szeneverwandti. Wie schwer isch dini Seel?
Spicke ned zicke. Wotsch spiele? Nei ich wott nöd spiele, verzell mer öppis Neus, bi keine vode Backstage Boys.

[Hook]

Rupfe nöd schupfe, schlucke nöd drucke, spicke nöd zicke, bis eine brüelt. (5x)

[Verse 2]

Tuusig aber die Nacht de Geist us de Fläsche. I de Nacht sind alli Chatze blau, gfüllt wie e Täsche.
Du söllsch Fäster fiire, will sie fülled. Hüt chasch mit Charte zahle, morn chasch mit Kater zahle.
Dosefueter, en halbe Liter am Toure, 4.8 Kulturprozänt. Au d’Stadt brucht Buure. Schlucke nöd drucke, alli Wäg füehred nach Rum oder nach Schottland.
King mit Schuumchrone, incredible Aal, gsoffe für alles, bsoffe für alles. Ich lise i dir, wie imne bsoffne Buech wo nöd so schlau isch, machsch mer öppis wiss und blau hüt.

[Hook]

Rupfe nöd schupfe, schlucke nöd drucke, spicke nöd zicke, bis eine brüelt. (x2)

[Outro]

(Und was isch de Lieblingssänder vomene Kokser? Kabel-Lines.)

Ewigi Liischte, das wünsch ich mir.
Ewigi Liischte, das wünsch ich dir.
Ewigi Liischte, nume für eus zwei.
Ewigi Liischte, Whatever.


Im Untergrund isch d Stimmig usschliesslich im Chäller, unterirdisch, ganz dunde, de Mänsch tanzt im Dunkle

Im Keller spielt die Musik. Tinguely Dä Chnächt eröffnet seinen mit Wortspielen vollgepflasterten Hassliebe-Track über die Zürcher Ausgangsszene mit einer Verbindung von Metapher und Buchstäblichkeit. Es sind zwar die Kellerclubs an der Langstrasse, die drogenberauschten, vernebelten Gemütern im von Zigarettenrauch vernebelten Dancefloor ein Stück Glückseligkeit bieten; ohne geistige Verneblung jedoch würde wohl nur der robusteste aller Menschen im Zürcher Untergrund problemlos ausharren können.

Zum im Club tanze, ischs e Frag vo de Substanze, d Chemie stimmt

Chemische Formeln in Form von Pulver oder Pille, Filz oder Flasche lassen den menschlichen Körper leicht neben dem Takt wippen und sich alles andere als elegant um die Bassline winden. Und blickt man durch Tinguelys Augen, scheinen die Formeln aufgegangen zu sein, es ist ein Meer von fuchtelnden Armen und wachsenden Pupillen zu sehen.

Jede Club hett sini Linie, zwei Reihe vorem WC am Warte; rupfe nöd schupfe, Postcard und EC-Charte

Jeder kommt zum Zug und jeder kommt zum Ziehen. Die sich windenden Körper werden zu zwei trägen Schlangen vor den Toilettenkabinen, die lediglich eines unterscheidet – das Werkzeug, mit denen sie zu WC-Ring oder Spülkasten treten:Taschentuch oder Kreditkarte.

Rupf mer de Buckel abe, mir sind kei Bekannti, entfernt Szeneverwandti

Tinguely distanziert sich von laufenden Nasen und dem deutlich überhöhtem Serotoninhaushalt von Menschen, die im Glücksrausch vorgeben, Sandkastenfreunde zu sein, jedoch lediglich im selben Quartier wohnen. Mehr als Tinguelys Rücken kriegen die Kreditkartenkanten mit Kokainablagerung nicht zu sehen.

Rupfe nöd schupfe, schlucke nöd drucke, spicke nöd zicke, bis eine brüelt

Ob Drogenmissbrauch oder Streit, beides ist wenig förderlich für die emotionale Balance. Ob «rupfe, schlucke und spicke» oder «schupfe, drucke oder zicke», schlussendlich bricht immer jemand daran und sieht im Spiegel seine Augen, wie sie sich mit salzigem Wasser füllen.

Tuusig aber die Nacht de Geist us de Fläsche

Der Flaschengeist, Spiritus und die grüne Fee streifen mit Tinguely um die Häuser und die Keller des Langstrassenquartiers. Und wie in «Tausend und einer Nacht» bleiben auch hier die Geschichten der Nacht unvollständig, nur werden sie nicht etwa von Scheherazade, sondern vom Filmriss unterbrochen.

I de Nacht sind alli Chatze blau, gfüllt wie e Täsche

Exzessiver Alkoholkonsum beeinflusst auch das weibliche Geschlecht, wobei sich bei einzelnen Individuen der Alkoholpegel anscheinend synchron zur Fülle der Handtasche verhält.

Hüt chasch mit Charte zahle, morn chasch mit Kater zahle

Vielleicht ist es ein Fluch, dass nach und nach fast jede Bar und jeder Club die Kartenzahlung ermöglicht hat und Bargeld langsam zum Aussenseiter im Portemonnaie wird. Man spart zwar den Sprint durch die Kälte an den nächstgelegenen Bankomaten, zahlt dafür dreifach mehr – wörtlich mit mehr Drinks, metaphorisch mit den Kopfschmerzen und erneut wörtlich mit mehr Alka-Seltzer.

Gsoffe für alles, bsoffe für alles

Einen Anlass zum Trinken zu finden, ist nichts, was Schwierigkeiten bereitet. Tinguely ist oft mit Ala-Gin und dem Flaschengeist auf Pirsch gegangen und zieht die nüchterne Bilanz, dass das «oft» wohl eher zum «immer» wird, wenn alles Grund zum Trinken ist.