Die Leidenschaft des Rap-Duos The Underachievers für New York City und den Stadtteil Flatbush ist omnipräsent – sie sind dort aufgewachsen, thematisieren ihre Heimat in ihren Tracks und repräsentieren sie in der Öffentlichkeit. Zum Beast-Coast-Movement, von dem sie Teil sind, gehören unter anderem auch Joey Bada$$, die Flatbush ZOMBiES und Nyck Caution. Wir haben AK the Savior und Issa Gold, wie die Künstlernamen der Underachievers lauten, für die aktuelle Ausgabe des LYRICS Magazins von der Ostküste weggeholt und sie dafür mit Schweizer Rap konfrontiert.

Der musikalische Stil der Underachievers setzt sich aus einer Mischung aus Oldschool- und Psychedelic HipHop zusammen. Von Drogenkonsum über das Third-Eye-Konzept bis hin zu Gesellschaftskritik decken die jungen MCs mit ihren Texten ein weites Spektrum an spannenden und kontroversen Themen ab. Ersten grossen Wirbel im amerikanischen Rap-Oberhaus haben die beiden vor bald sechs Jahren mit der Veröffentlichung der Single «Gold Soul Theory» und des Videos zu «Herb Shuttles» gemacht. Beide Tracks sind auf ihrem Debüt-Mixtape «Indigoism» vertreten, welches im Erscheinungsjahr 2013 riesige Wellen geschlagen hat und für seine tiefgründige und unterhaltende Auseinandersetzung gelobt wurde. Nach all diesen Jahren, in denen The Underachievers ein weiteres Mixtape, drei Alben und zahlreiche Projekte realisiert haben, wird «Indigoism» noch immer ganz oben auf der Messlatte für Psychedelic HipHop angesiedelt.

Mit «Meet CH-Rap» haben wir uns den Auftrag «spread our culture» zu Herzen genommen und zusammen mit den zwei Rap-Stars aus Brooklyn die Ellenbogen zu Schweizer HipHop hüpfen lassen.

 

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XEN – Cash mit de Gang

AK: This shit is fire though! (Rappt die Hook mit: «immer wider mit de Gang hustle»)

Issa Gold: Er ist ein exzellenter Rapper. Seine Art zu rappen ist der unseren sehr ähnlich. Der Flow hat höchste Priorität und muss perfekt zum Beat passen.

AK: Er hat einen unglaublichen Flow. Die Visuals des Videos sind auch dope. Alles ist aufeinander abgestimmt und gut koordiniert.

Issa Gold: Ich habe keine Ahnung, wer das ist, aber im Video kommt er wie der absolute Boss rüber. Das Video ist 10 von 10, der Song sogar noch eine Stufe drüber. Die letzte Line hat er krass rausgehauen.

Seit eurer Jugend gehören die Flatbush ZOMBiES zu eurer Gang. Vor ungefähr drei Jahren habt ihr unter dem gemeinsamen Namen «Clockwork Indigo» eine EP veröffentlicht, die bis heute das einzige Projekt des Kollektivs blieb. Arbeitet ihr noch zusammen oder ist das kein Thema mehr?

AK: Wir sind eine Familie. Die ZOMBiES sind unsere Brüder. Wir werden uns zusammen hinsetzen und über ein neues Projekt sprechen.

Issa Gold: Gewiss wäre die Zeit reif für einen Teil 2 von Clockwork Indigo. In letzter Zeit war es uns einfach nicht möglich, einen Termin festzulegen, an dem wir alle Zeit hatten. Clockwork Indigo besteht aus zwei verschiedenen Gruppen, die jeweils aus Solo-Artists zusammengesetzt sind. Jeder arbeitet an eigenen Projekten und hat einen engen Zeitplan. Schlussendlich haben wir «The Underachievers», um die wir uns kümmern müssen. Das hat Priorität und erfordert viel Zeit. Wir sind keine Millionäre, die sich zurücklehnen können und immer das tun, auf was sie gerade Bock haben.

AK: Zunächst werden wir das bereits geplante Beast-Coast-Album realisieren. Das wird definitiv noch vor einem «Clockwork Indigo 2.0» auf den Markt kommen.

Ein Beast-Coast-Album? Ich habe Gerüchte darüber gehört. Wer wird alles mit von der Partie sein?

Issa Gold: Das Album ist beschlossene Sache. Daran arbeiten werden nebst uns die Flatbush ZOMBiES, Joey Bada$$ und noch weitere Jungs von Pro Era.

 

 

Danitsa – Hoover

Beide lächeln und schütteln den Kopf

Issa Gold: Die Visuals sind Bombe. Der Sound ist cool, aber… Das hört sich zwar sexistisch an, ist aber nicht so gemeint: Ich bin kein Fan von Rapperinnen.

AK: Der Sound ist interessant. In meiner Freizeit würde ich das jedoch nicht hören. Es fällt uns beiden sehr schwer, Rap von Frauen zu feiern.

Issa Gold: Das gilt auch für US-Artists. Wir können das nicht feiern. Cardi B ist eine der wenigen Ausnahmen. Sie ist sehr stark.

Was mögt ihr an der Musik von Cardi B mehr als an diesem Song?

Issa Gold: Der Unterschied zu anderen Rapperinnen ist, dass Cardi B wie ein Mann rappt. Sie beherrscht Flows, die Frauen normalerweise nicht treffen können.

AK: Sie rappt ähnlich wie Offset. Offset ist ein unglaublich starker Rapper. Sie beide haben eine eigene Art sich auszudrücken. Das kann keiner nachmachen.

Was ist euer Eindruck von der Entwicklung der weiblichen MCs im HipHop?

Issa Gold: Es gibt heute viel mehr Rapperinnen als noch vor wenigen Jahren. Eine Art Bewegung ist im Gange. Wie ich das werten soll? I don‘t like it.

AK: Ich hab da keine klare Meinung. Es gibt Künstlerinnen bei uns drüben, die sehr interessant sind und es zu etwas bringen könnten.

Issa Gold: Schau, ich respektiere die weiblichen MCs. Wir wollen uns da vor nichts verschliessen. Fakt ist, dass Frauen im Rap-Game einfach nicht so weit kommen können wie Männer. Das Publikum hört Männern beim Rappen nun mal lieber zu als Frauen. Ich mag viele weibliche Rap-Artists als Personen und als neue Charaktere für den HipHop. Sie geben dem Ganzen mehr Farbe. Aber ihren Sound möchte ich mir nicht anhören.

AK: Es gibt exzellente weibliche Musikerinnen. Frauen sind in vielen Bereichen der Musik besser als Männer. Gerade im Singen.

Issa Gold: Absolut. Zeig mir mal einen Mann der besser singen kann als Whitney Houston es konnte. Unmöglich!

AK: Rap jedoch ist ein Männersport. Die Rap-Kultur ist auf Männer ausgerichtet. Das merkt man auch daran, dass gerade eine Künstlerin wie Young M.A so gefeiert wird. Sie rappt wie ein Mann. Sie sagt Dinge wie «suck my dick» and shit. Das geht ab.

 

 

Chico Chicago – Dizzy

Stille – konzentriertes Zuhören

AK: Der Beat ist unglaublich, den würde ich selber auch picken. Der Producer weiss, was er tut!

Issa Gold: Der Rapper ist sehr cool. Er hat seinen eigenen Style. Im Video kommt er sehr authentisch rüber. Man sieht ihm an, dass er den Lifestyle lebt, den er im Song repräsentiert. Man merkt ihm an, dass er nicht irgendjemand sein möchte, sondern sich selbst. Könnte vom Sound her einer aus den Staaten sein.

AK: Er variiert mit verschiedenen Flows. Das gefällt mir.

Im Song spricht der Rapper oft von Weed. Etwas, das in euren Liedern ebenfalls ziemlich oft erwähnt wird. Wie würdet ihr die Beziehung zwischen eurem Rap und Marihuana beschreiben?

Issa Gold: Weed hat in unserem Leben einen fixen Platz. Deshalb sprechen wir viel davon. Ich denke nicht, dass Weed unsere Musik auf direktem Weg beeinflusst. Würde ich kein Gras rauchen, dann würde ich auch nicht davon erzählen. Marihuana hat an sich keine Bedeutung. Es gewinnt erst dadurch an Bedeutung, dass wir es in unseren Alltag integrieren.

AK: Bis jetzt haben wir nie eine Dope-Hymne produziert. Sogar «Herb Shuttles» ist im Prinzip kein Stonersong. Es geht darum nicht wirklich um Weed. Der Song handelt vom «High Life», nicht von der Droge. Ich empfinde Weed nicht als Inspiration. Es ist mehr der Akt des Rauchens, der mich oft sehr kreativ werden lässt.

Issa Gold: Wir wollten nie Stoner-Rapper sein. Wir haben uns nie gedacht: «Lass uns einen Song über Weed machen!» Das ist gar kein Thema. Es gehört zu unserer Kultur, wir sind damit aufgewachsen. Ich denke, das sehen viele Rapper gleich. Nicht mal Wiz Khalifa macht Stoner-Rap.

Was sind eure grössten Inspirationen?

AK: Das Leben. Meine Alltagserfahrungen als Mensch. An zweiter Stelle kommen die Dinge, die mich beschäftigen, die ich gerne ändern würde.

Issa Gold: Die Jugend. Die Generationenwechsel inspirieren uns. Als Musiker sehen wir uns als Teil der Jugend. Wir wollen sie nicht ändern oder beeinflussen, sondern sind für sie da, hören ihr zu und fühlen mit ihr. Weitere Inspirationen sind alltägliche Dinge, Emotionen und Erfahrungen. Unsere Musik ist sehr emotionsbasiert. Unsere Gefühle bestimmen, wie unser Sound auszusehen hat. Des Weiteren treiben mich meine künstlerischen Ambitionen voran. Als Künstler verspüre ich den Drang, Dinge zu erschaffen, Projekte zu realisieren und mich selbst zu verwirklichen. Geld wirkt auch motivierend. Musiker zu sein ist ein Job, der sich auszahlen soll. In letzter Zeit höre ich auch öfters Musik, um mein künstlerisches Ich wachzurütteln.

 

 

Lo & Leduc – Lug wi mir flüge

Lachen

AK: Was ist nur los mit diesem Man Bun-Trend??!

Issa Gold: Wer ist der Typ? [ab 03:56] Ist das der Producer? Wenn ja, dann muss das unser Producer werden. Der Typ ist fly!

AK: Ich mag das Video überhaupt nicht.

Issa Gold: Wegen der komischen Visuals, dieser Stimmen und deren Aussprache bekomme ich den Eindruck, dass die das Ganze gar nicht ernst nehmen. Sie wirken überhaupt nicht authentisch im Gegensatz zu den anderen zwei Rappern, die du uns schon gezeigt hast. Diese zwei hier sehen aus, als hätten sie sich vor ein paar Tagen gedacht: «Hey, lass uns Rap machen. Wir können das auch!» Ich behaupte nicht, dass die Musik schlecht ist, aber im Gesamtpaket mit dem Video mag ich den Style nicht.

AK: Dieser Song wirkt etwas abgedroschen, wie eine Art Parodie auf Rap.

Issa Gold: Aber es sah danach aus, als hätten sie Spass beim Musik machen. Sie sollten ihr Ding auf jeden Fall durchziehen. Es trifft einfach nicht unseren Geschmack.

Erzählt mir von eurem Bild der Schweiz und ihrer Einwohner, das euch von eurer Umgebung in Brooklyn mitgegeben wurde.

Issa Gold: Ihr Leute seid reich, ihr habt Banken –

AK: Schokolade und Käse

Issa Gold: – und ihr habt das Schweizer Armee-Messer erfunden. Ihr habt ein sehr hoch entwickeltes und fortschrittliches Bildungssystem. Dies gilt ebenfalls für euer Inhaftierungssystem. Andere Länder sollten dem Aufbau von euren Schulen und Gefängnissen mehr Aufmerksamkeit schenken und sich ein Vorbild an euch nehmen.

AK: Noch nie davon gehört.

Issa Gold: Tatsache! Die haben sogar TV im Gefängnis. Ich hab das in einer Dokumentation gesehen, die ein Schweizer Gefängnis gezeigt hat. Die legen Wert auf die Rehabilitation, die mit einer Inhaftierung einhergehen soll und nicht nur auf das Einsperren an sich. Dieses Vorgehen führt zu einer höheren Rate an Personen, die sich nach dem Gefängnis wieder in die Gesellschaft eingliedern können. In Schweizer Gefängnissen werden die Insassen psychologisch betreut. Das ist fortschrittlich. Euer Bildungssystem zerreisst das amerikanische. You guys are lit. Ihr mögt keine Kriege. In welchem Krieg wart ihr schon dabei? In keinem. Habt ihr eine Armee?

Ja. Die Absolvierung einer Grundausbildung in der Armee ist für Männer Pflicht in der Schweiz.

Issa Gold: Das ist sehr sozialistisch von euch. Ich bin Sozialist, mir gefällt das. Ihr seid einfach eine extrem geringe Anzahl Leute. Ihr seid im Vergleich zum Rest der Welt eine Mikro-Gesellschaft, die in sich sehr gut funktioniert. Nun müsste man das Ganze auf ein viel grösseres Level anwenden können, um euer System auf andere Länder übertragen zu können.

Ich wäre schon erleichtert gewesen, wenn ihr nur gewusst hättet, dass die Schweiz nicht Schweden ist…

Issa Gold: Kann ich dir nicht verübeln. Ich hatte lange Zeit angenommen, dass ihr Nachbarländer und eine Art Cousins zueinander seid. Die meisten Menschen in den USA denken: «Switzerland and Sweden – same shit».

Text: Dominik Müller