Es gibt viele Wege, seine Gedanken auf Papier zu bringen – Regeln gibt es keine. Auch in der Rap-Welt existieren unzählige Beispiele erfolgreicher Herangehensweisen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Analysiert man den Kern dieser Darbietungen, lassen sich aber Grundelemente herauskristallisieren, die unerlässlich für erfolgreiche Werke zu sein scheinen. Wir haben unseren Professor Reimstein gebeten, einige dieser Elemente zusammenzutragen und näher zu erläutern. In zehn kompakten Folgen sollen die fundamentalen Fähigkeiten eines Rappers dargelegt, Strategien besprochen sowie Tipps und Tricks verraten werden. Anfänger sollen in ihren ersten Schritten bekräftigt werden und Fortgeschrittene sollen ihr Talent gezielter einsetzen können. In den letzten Episoden haben wir den Takt, den Flow, Flow/Technik vs. Themen/Inhalt und die Rhetorik und Lyrics behandelt. Heute widmen wir uns einem Thema, das nicht immer so einfach zu verkraften ist: Der Kritik.

Die Schweizer Rap-Szene befindet sich zur Zeit im Aufschwung, keine Frage. Qualitativ werden erstklassige Produktionen abgeliefert, musikalisch wie auch textlich. Dies betrifft jedoch nur einen winzigen Teil der Schweizer Rap-Musik. Nimmt man den Gesamtdurchschnitt aller veröffen­tlichten Songs, ergibt sich kaum ein zufriedenstellendes Bild. Diese Feststellung klingt zunächst nach einer Abwertung der hiesigen Szene. Sie klingt nach einem Angriff auf die Lorbeeren der Künstler. In Wahrheit stellt diese Feststellung jedoch die wichtigste Voraussetzung zur Qualitätssteigerung einer jeden Sache beziehungsweise Tätigkeit dar: Kritik.

Gewusst was

Wir wollen uns nicht mit der Kritik als allgemeine Beurteilung sondern mit ihrer Verbform «kritisieren» befassen; dem Ausdrücken eines Mangels, also der Beanstandung eines Gegenstands bzw. einer Handlung. Ohne kritische Herangehensweisen können Probleme und Unstimmigkeiten nicht erkannt werden. Ohne diese Erkenntnis kann es kein bewusstes Verhalten zur Behebung dieser Unstimmigkeiten geben und ohne Bewusstsein wird die Entwicklung der aktuellen Situation dem Zufall überlassen. Mathematisch ausgedrückt wäre die Wahrscheinlichkeit, dass der gewünschte Fortschritt von alleine eintritt, verschwindend gering. Diese logische Kette führt zu folgendem Schluss: Keine Kritik = Kein Fortschritt.

Jeder, der diese Schlussfolgerung nachvollziehen kann und verinnerlicht hat, müsste demnach ständig auf der Suche nach Mängeln in den eigenen Werken und Tätigkeiten sein. Er müsste sie ununterbrochen kritisch unter die Lupe nehmen. Man will sich ja schliesslich ständig verbessern. Wenn man den Worten der meisten Rapper Glauben schenkt, dann scheint das bei vielen tatsächlich der Fall zu sein. So sagen Rapper stolz, dass sie sich selbst oft kritisieren und ständig an sich feilen würden oder gar perfektionistisch veranlagt seien. Interessant ist dabei einerseits die Annahme, man könne einfach an einem Rap-Song feilen wie an einem Holztisch. Andererseits fällt auf, dass ein beängstigend selbstverständlicher Umgang mit dem Begriff der Perfektion gepflegt wird.
Wir haben es hier aber nun nicht mit einem Holztisch zu tun, bei dessen Herstellung man auf objektiven Gesichtspunkten basierend auf einen nahezu perfekten Endzustand hinarbeiten könnte. Wir sprechen von musikalischen Werken, die kaum objektiv bewertet werden können. Und im besten Fall sprechen wir von Kunst, die bei jedem neuen Zuhörer möglicherweise einen völlig individuellen Eindruck hinterlassen wird.

Selbst beim Holztisch ist ein Anspruch auf Perfektion lediglich in Bezug auf seine Funktion als Holztisch gerechtfertigt. Als Teil eines Kunstwerks wäre selbst ein Holztisch grösstenteils der subjektiven Wahrnehmung des Betrachters ausgeliefert. Denn der moderne Kunstbegriff bietet kaum Platz für allgemeingültige Massstäbe. Bevor man sich also das «Streben nach Perfektion» auf die Fahne schreibt, sollte man sich im Klaren sein, welche Aspekte der eigenen Werke sich überhaupt sinnvoll kritisieren lassen.

In den bisherigen Episoden haben wir genau auf diesen Punkt hingearbeitet und aus den vorangehenden Erkenntnissen die erste Reimstein’sche Formel abgeleitet. Die Reimstein’sche RAP-Formel erhebt dabei keinerlei Ansprüche auf die vollständige Abdeckung aller relevanten Aspekte eines Rap-Songs. Aspekte wie die Wortwahl, der Dialekt, die Tonlage, das gewählte Sub-Genre (Boom Bap, Pop-Rap, Trap, Gangster-Rap, Conscious-Rap etc.) und unzählige andere wurden dabei bewusst ausser Acht gelassen, weil es sich bei diesen Aspekten im Grunde um Geschmacksfragen handelt. Zwar werden auch die in der RAP-Formel enthaltenen Aspekte je nach Geschmack anders bewertet, ihre Besonderheit liegt jedoch darin, dass sie auch objektiv messbar sind.

Je objektiver und allgemeingültiger die analysierten Aspekte sind, umso förderlicher ist die Kritik an ihnen. Zumindest für die Überprüfung von grundlegenden Elementen, die ein Rap-Song enthalten sollte, eignet sich die RAP-Formel also besonders gut. Anhand der einzelnen Faktoren in dieser Formel lässt sich ein Rap-Text gut analysieren, um Unstimmigkeiten ausfindig zu machen und sie dann zu verbessern. Ein Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Perfektion wäre aber nach wie vor nichts anderes als total vermessen.

Die RAP-Formel gibt uns also die Antwort auf eine erste Frage nach den zu kritisierenden Punkten. Die Beanstandung gewisser Aspekte stellt dabei nur den allerersten Schritt zur Besserung dar. Das alleinige Bemängeln bringt einen noch nicht viel weiter. Erst die Art und Weise wie die Kritik angebracht wird und der Umgang mit der daraus gewonnen Erkenntnis machen den Fortschritt möglich.

Gewusst wie

Unabhängig davon, wie berechtigt und treffend eine Kritik ist, führt eine Bemängelung nicht automatisch zum Fortschritt. Während reines Schlechtreden eines Werkes meist als Neid bzw. «hate» abgestempelt wird, können nett gemeinte Beanstandungen schon eher zu einem Denkanstoss beim Kritisierten und somit zu einer Verbesserung führen. Wir möchten jedoch einen Schritt weiter gehen und es nicht dabei belassen. Einen Mangel an einem Werk zu erkennen, sollte nämlich nicht nur die Verantwortung mit sich bringen, den Künstler davon in Kenntnis zu setzen. Vielmehr sollte man sich verantwortlich fühlen, mit der Bekanntgabe des mangelhaften Aspekts einen Vorschlag zur Verbesserung zu unterbreiten. Jeder kennt den Ausdruck der «konstruktiven Kritik». Sie ist die förderlichste Art, Kritik auszuüben. Sie gibt dem Kritisierten nicht nur einen Hinweis auf einen mangelhaften Aspekt des jeweiligen Werkes, sondern bietet zugleich eine Alternative zur Verbesserung des Mangels. Natürlich bedarf es hierbei etwas mehr Denkarbeit seitens des Kritikers. So sollte nach einer genaueren Analyse möglichst präzise auf den zu beanstandenden Aspekt hingewiesen werden, um konstruktive Vorschläge zur Verbesserung unterbreiten zu können.

Einen kurzen Facebook-Kommentar im Stile von «Die Hook ist nicht sehr gelungen» kann jeder verfassen. Sehr förderlich sind derartige Hinweise jedoch nicht. Denn wie wir wissen, führt Kritik bei Menschen nicht zu einer spontanen selbstreflexiven Erleuchtung. Und schon gar nicht bei Rappern. Sondern sie wird in erster Linie abgewehrt. Von der Verleumdung, der Gegenkritik über die Ablenkung auf andere Themen bis hin zur Rechtfertigung gibt es zahlreiche Abwehrmechanismen, die meist automatisch in Erscheinung treten, noch bevor überprüft wurde, ob die Kritik gerechtfertigt gewesen war oder nicht. Neurologisch gesehen wird interessanterweise die exakt selbe Region im Gehirn aktiviert, in der auch bei körperlichen Bedrohungen gegen Leib und Leben ein Mechanismus in Gang gesetzt wird, welcher als «fight-or-flight-Modus» (Kampf oder Flucht) bekannt ist. Verständlich also, dass der Kritisierte die Kritik abschmettert oder vom Thema ablenkt, anstatt sich auf den «Angriff» auf sein Werk oder seine Handlungen einzulassen. Ob die Kritik angemessen, berechtigt oder gar nötig war, ist dabei unbeachtlich, da die Abwehrmechanismen oft ihre Wirkung nicht verfehlen. Im Notfall kann die Kritik immer noch als Geschmacksfrage oder Neid abgestempelt werden. Hauptsache man ist die ausgeschütteten Stresshormone wieder los.

Nun stellt sich die Frage, wieso man dann überhaupt Kritik ausüben soll, wenn sie ohnehin nur abgewehrt wird. Die Frage ist insofern berechtigt, dass nicht unter jeden Umständen Kritik ausgeübt werden sollte. Andererseits gibt es Konstellationen, in denen das Aussprechen von Kritik zur Pflicht wird. Ob und wann Kritik ausgeübt werden soll, lässt sich mit drei grundlegenden Faktoren ermitteln.

Gewusst wann

Wir haben es hierbei mit drei Parametern zu tun, die zur Ermittlung dieser Frage beizuziehen sind:

1) Konfliktpotenzial
Es ist nachvollziehbar, dass sich Menschen davor scheuen, jemanden direkt auf einen Mangel anzusprechen, da jede Kritik in erster Linie einen potenziellen Konflikt in sich birgt. Die Höhe des Konfliktpotenzials hängt davon ab, was man genau kritisieren möchte und in welcher Art und Weise die Kritik ausgeübt werden soll. Je grundlegender der kritisierte Aspekt und je forscher die Ausdrucksweise, desto grösser der drohende Konflikt. Je grösser der entstandene Konflikt, desto radikaler die ausgelösten Abwehrmechanismen und desto kompromissloser die Haltung des Kritisierten.

Mit wachsendem Konfliktpotenzial sinkt die Wahrscheinlichkeit auf den Eintritt des erhofften Fortschritts. Übt man eine bestimmte Kritik auf eine bestimmte Art und Weise dennoch aus, obwohl aufgrund des zu hohen Konfliktpotenzials keine reelle Chance mehr besteht, zum Fortschritt zu gelangen, dann hat man es wohlmöglich auf genau diesen Konflikt abgesehen.

Das Konfliktpotenzial ist hingegen kleiner, je nebensächlicher der kritisierte Punkt ist und je behutsamer bei der Ausübung der Kritik vorgegangen wird.

2) Verbesserungspotenzial
Das Verbesserungspotenzial enthält den möglichen Nutzen, der aus der Umsetzung der Verbesserungsvorschläge resultieren würde. Je objektiver und grundlegender die zu verbessernden Aspekte und je behutsamer die Ausübung der Kritik, desto höher das Verbesserungspotenzial.
Hier wird zugleich ersichtlich, dass sich die ersten beiden Parameter in einem Punkt antagonistisch verhalten. Und zwar bei der Auswahl des Kritikpunktes. Entscheidet man sich, etwas Grundlegendes an einem Werk zu kritisieren, steigert man zwar das Potenzial, eine nützliche Verbesserung herbeizuführen, erzeugt aber gleichzeitig ein höheres Konfliktpotenzial, da man das Werk in seinem Kern erschüttert. Handelt es sich um einen irrelevanten Punkt, wird die Kritik um einiges einfacher akzeptiert oder gar umgesetzt, aber verbessert hat sich entsprechend wenig.

An dieser Stelle wird schnell klar, dass in erster Linie auf das Verbesserungspotenzial zu achten ist, da der Fortschritt das Ziel der Übung darstellt. Dem gezwungenermassen entstehenden höheren Konfliktpotenzial ist also lediglich durch eine behutsame Ausdrucksweise Abhilfe zu verschaffen. Doch je nach dem wie grundlegend der zu kritisierende Aspekt ist, wird es unvermeidlich, dass ein hoher Anteil an Konfliktpotenzial bestehen bleibt. Man sollte sich also auf einen anstrengenden Weg gefasst machen bzw. seine Argumente und Vorschläge dementsprechend vorbereiten.

Dass man sich nicht mit jedem Menschen auf einen tagelangen, objektiv-differenzierten, sachlich geführten Diskurs einlassen muss, versteht sich von selbst. Aber es kann durchaus sein, dass man unter Umständen genau das tun muss; was uns zum dritten Parameter führt:

3) Pflicht
Und zwar die moralische Pflicht, jemanden auf Mängel an seinem Verhalten oder an seinem Schaffen hinzuweisen, mit dieser Person durch mühsame Diskussionen zu gehen, selbst wenn Grundlegendes dadurch zerstört und erneuert werden müsste. Diese Pflicht wächst und schrumpft durch zwei Variablen: Nähe und Kompetenz.

Unter Einhaltung der Voraussetzung eines möglichst hohen Verbesserungspotenzials trägt derjenige die grösste Pflicht die entsprechende Kritik zu äussern, der dieser Person am nächsten steht. Und das aus einem einfachen Grund: Niemand würde von sich behaupten, jemandem in einem Lebensbereich am nächsten zu stehen ohne gleichzeitig zu behaupten, dass er für diese nahestehende Person nur das Beste wolle. Denn wenn das Ausüben von konstruktiver Kritik mit hohem Verbesserungspotenzial zu einem Fortschritt bei dieser Person führt, dann bedeutet das Verschweigen dieser Kritik im Umkehrschluss, dass man diese Person dieses möglichen Fortschritts beraubt. Wir erinnern uns: Keine Kritik = Kein Fortschritt. Die Nähe zur kritisierten Person wird dabei daran gemessen, inwiefern die zwei Personen durch den zu kritisierenden Aspekt verbunden sind. Der Blutsverwandtschaft kommt in Punkto Verpflichtung zur Kritik keine besondere Rolle zu.

Die persönliche Nähe ist hingegen dann nicht massgebend, wenn man selbst eine deutlich höhere Kompetenz in jeweiligem Metier aufweist und von der zur kritisierenden Person Werke zur Beurteilung präsentiert bekommt. Dies ist insbesondere der Fall, wenn ein Künstler eine Plattform nutzt bzw. in eine Sendung eingeladen wird, in der er seine Songs zum Besten gibt und anschliessend darüber gesprochen wird. Vor allem angehende junge Künstler sind in derartigen Situationen auf die Beurteilung und die konstruktive Kritik der kompetenteren Personen angewiesen. Hier entsteht die Pflicht zur Kritik hauptsächlich aus der untergeordneten Lage des Künstlers, der sich neben dem Nutzen einer Plattform freiwillig der Kritik dieser Kompetenzpersonen aussetzt, um in seiner Tätigkeit weiterzukommen.

Es ist natürlich stets durch die Ausdrucksweise darauf zu achten, dass das Konfliktpotenzial gesenkt wird, jedoch gibt es für nahestehende Personen und den erwähnten Kompetenzpersonen moralisch gesehen keinen anderen Ausweg als diese Kritik zu äussern. Ansonsten würde dem Künstler der Fortschritt verwehrt und man könnte nicht mehr von sich behaupten, seiner moralischen Pflicht nachgekommen zu sein.

Sollen beispielsweise die Tischmanieren einer Person kritisiert werden, kommt einem Kollegen aus der Rap-Crew eine eher tiefe Verpflichtung zur Kritik zu, während die Nähe des WG-Kumpels in diesem Lebensbereich stärker zu bewerten wäre, womit die Verpflichtung des WG-Kumpels höher ist als die des Rap-Kollegen. Umgekehrt besteht eine viel grössere Verpflichtung des Kollegen aus der Rap-Crew, wenn es um Kritik am Taktgefühl dieser Person geht und so weiter. Bietet ein etablierter Künstler oder eine kompetente Person anderen eine Plattform als Beitrag an den Fortschritt der Kultur, entsteht die Pflicht zur Kritik hingegen ohne besondere Nähe.

Fazit

Das Fazit ist eher ernüchternd. Nach diesen Ausführungen dürfte es bei näherer Betrachtung der Qualität von Rap-Songs zumindest in den grundlegenden Aspekten keine Einbussen geben. Jeder Rapper müsste von den ihm nahestehenden Rappern und Kompetenzpersonen in den grundlegenden Aspekten bereits konstruktiv kritisiert worden sein. Im Grossen und Ganzen dürfte kaum jemand übrig geblieben sein, dem die Fortschritte in den grundlegenden Bereichen des Raps verwehrt wurden. Kritikpunkte wie das Nicht-Treffen des Taktes, Veranstaltung von Zweckreim-Massakern, monotone Aussprachen, plumpe Formulierungen und andere objektiv messbaren Punkte müssten zu den selten bemängelbaren Aspekten gehören. Da jeder seinen moralischen Pflichten nachkäme und nur das Beste für seinen Crew-Kollegen, Kollabo-Partner oder ganz einfach besten Freunde wollen würde, käme es gar nicht erst dazu, dass es jemand zuliesse, dass ein Künstler weitere Songs veröffentlichen würde, welche in grundlegenden Aspekten grossen Verbesserungsbedarf hätten.

Es lebe der Konjunktiv!

Welchem Umstand haben wir es also zu verdanken, dass die Zahl an Rappern, die in den grundlegendsten Aspekten der Rap-Kunst nach wie vor grossen Nachholbedarf haben?

Dafür gibt es nur wenige mögliche Ursachen:

1. Entweder hat besagter Rapper keine Freunde oder Kompetenzpersonen, die ihm gegenüber in Rap-Sachen zur konstruktiven Kritik verpflichtet wären

oder

2. besagter Rapper hat zwar Freunde und holt Feedbacks von Kompetenzpersonen im Rap-Bereich, aber diese wissen es leider selbst nicht besser

oder

3. Die Rap-Freunde und Kompetenzpersonen, mit denen es dieser Rapper zu tun hat, bevorzugen es, dem drohenden Konflikt aus dem Weg zu gehen, anstatt ihm zu einem grundlegenden Fortschritt zu verhelfen.

Natürlich wird der Gesamtdurchschnitt der veröffentlichten Schweizer Rap-Musik auch dadurch gesenkt, dass heutzutage jeder bereits seine allerersten Rap-Gehversuche digital aufnehmen, dazu ein Video drehen und das Ganze sehr einfach veröffentlichen kann. Auch scheint es in der Schweiz keine besonders grosse Hürde zu geben, um in Fernsehsendungen und auf Bühnen auftreten zu dürfen. Was an sich nicht zu bemängeln ist. Was jedoch sehr zu wünschen übrig lässt ist der Anspruch, den Rappern, die ihre ersten Auftritte in diesen Sendungen und auf diesen Bühnen hinter sich haben, ein objektiv-realistisches Feedback zu geben, anhand dessen sie sich als Rapper weiterentwickeln können. Stattdessen werden nur allzu oft selbst bei offensichtlichen Mangelleistungen Lobeshymnen gesungen und die Defizite mit beschönigenden Ausdrücken kaschiert. Beim Versuch, den angehenden Künstler zu fördern und ihm eine Plattform zu bieten, wird lediglich ihre Entwicklung gedrosselt, indem ihnen ein realitätsfremdes Selbstbild vermittelt wird.

Das ernüchternde bei den Plattform-bietenden Kompetenzpersonen ist hierbei, dass es sich um erfahrene und meist talentierte Künstler der hiesigen Szene handelt. Dass man sich die Förderung der Kunst, Kultur und Rap-Szene auf die Fahne schreibt, um dann, wenn es darauf ankommt, nicht die nötige Courage zu zeigen und konstruktive Kritik auszusprechen, weil man keinen Konflikt eingehen möchte, ist schlichtweg heuchlerisch. Auch dass die Crew-Kumpels lieber schönreden als zu kritisieren, bremst den Fortschritt enorm. Wenn man dann noch zur Erkenntnis gelangen muss, dass Rapper genau in den grundlegendsten Aspekten – wo es am meisten darauf ankommen würde – von den wichtigsten Personen kein wahrheitsgetreues Feedback und keine Verbesserungsvorschläge erhalten, dann wird aus der Ernüchterung Trauer. Denn das würde bedeuten, dass in der Schweizer Rap-Szene lauter falscher Freunde unterwegs sind.

Menschen, die vorgeben zum Fortschritt beizutragen, den einzigen Beitrag zum Fortschritt jedoch in Form von pushen und promoten der eigenen Plattformen und eigenen Werke leisten. Wobei bei den Crew-Kumpels latente Konkurrenzgedanken und bei den Plattform-bietenden Kompetenzpersonen die ständige Selbstinszenierung und die faktische Behandlung der auftretenden Künstler als blosse Gäste die Hauptursache für den gedrosselten Fortschritt darstellen.

Interessant wäre jetzt zu wissen, wer mit dieser offenen Kritik an der hiesigen Szene und Förderung der Kultur auf welche Weise umgeht. Dieser Kritik liegt nämlich ein grosses Verbesserungspotenzial zugrunde, da es sich dabei zum Thema Fortschritt der hiesigen Rap-Szene und der Entwicklung der Schweizer Rap-Kultur um ein grundlegendes Problem handelt: Falsche Freunde. Entsprechend bringt diese Kritik ein grosses Konfliktpotenzial mit sich, da sich viele Mitglieder von Rap-Crews und Plattform-bietende Kompetenzpersonen angegriffen fühlen werden. Wir möchten als gesamtes LYRICS Magazin auf keinen Fall falsche Freunde sein und auf konstruktive Weise unseren Beitrag leisten zur stetigen Qualitätssteigerung der Schweizer Rap-Landschaft. Um dieser Verpflichtung Rechnung zu tragen, möchten wir hiermit offiziell ankündigen, dass eine neue Rubrik in den Startlöchern steht. Deren Ziel ist es, auf objektiv-sachlicher Ebene konstruktive und vor allen Dingen ehrliche Kritiken über einzelne Werke und Künstler zu verfassen und Bewertungen abzugeben.

Wir möchten unseren Verpflichtungen bezüglich der Verbesserung und des Fortschritts nachkommen. Wir sind überzeugt, zum Fortschritt der Schweizer Rap-Szene beitragen zu können und nehmen die potenziellen Konflikte dafür gerne in Kauf. Ihr dürft also gespannt sein, was in naher Zukunft auf uns alle zukommen wird.

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