Schweizer HipHop hat eine lange Tradition – fand aber jahrelang abseits der internationalen Aufmerksamkeit statt. Unser Journalist Luca Thoma hat die Geschichte für die JUICE, das grösste HipHop-Magazin Europas, aufgerollt. Letzte Woche berichteten wir über eine schwere Zeit des CH-Raps. Doch dann kam der Wendepunkt und ein junger, hungriger MC tauchte auf, der das ganze Game auf den Kopf stellte.

War Rap in der Schweiz Mitte der 2000er noch auf dem besten Weg zum führenden Musikgenre, so war das goldene Zeitalter schon bald zu Ende. Pioniere des CH-Raps wurden missverstanden oder experimentierten herum, bis sie kläglich scheiterten.  Dies ging einige Jahre so – bis 2014.

Denn dann passierte das. was schon lange überfällig war: Ein junger, hungriger MC versetzte dem leidenden Patienten einen Stromstoss und rüttelte das ganze Rap-Game auf. Mit seinem Mixtape «Jong & Hässig» setzte Mimiks bereits 2012 erste Impulse, mit seinem Debütalbum lieferte 2014 er den Gamechanger: «VodkaZombieRambogang» war ein Quantensprung für die Schweizer Rap-Szene, ein Album von monolithischem Format. Der Hispano-Schweizer packte eine geballte Mischung aus nihilistischem Party-Stories, tiefsitzendem Weltschmerz und existenzieller Generation-Y-Orientierungslosigkeit auf brachiale, treibende Rick-Ross-MGK-Beats. Er brach mit alten Dogmen, überzeugte mit seiner hervorragenden Technik aber auch die eingefleischtesten Oldschooler.

Elia Binelli, Chefredaktor des HipHop-Magazins LYRICS, verfolgte diese Umbrüche mit grossem Interesse. Eine neue Ära im Schweizer Rap weckte auch neue Träume in der Medienlandschaft. «Ich bin da eher so reingerutscht. 2014 hätte ich nie gedacht, dass es uns 2018 immer noch gibt. Retrospektiv betrachtet haben wir zum genau richtigen Zeitpunkt mit dem Magazin angefangen.» Was Binelli mit dem Grafiker Severin Gamper und dem Medienexperten Emanuel Ernst auf die Beine stellte, ist mittlerweile zum grössten Schweizer Rap-Medium herangewachsen. Ein viermal pro Jahr erscheinendes Printmagazin, eine Website mit autonomer Redaktion, ein Youtube-Kanal und ein alljährlich stattfindendes Clubfestival mit nationalen Acts bieten Schweizer Rap eine Plattform. Das erste Cover des neugegründeten Magazins portraitierte denn auch den ersten Helden der Generation: «Mimiks hat eine neue Freshness ins Game gebracht.» Das Movement erhielt seine benötigte Bluttransfusion und erstarkte neu.

Baldy Minder, Mitgründer der Band Wurzel 5, Manager der Rap-Crew Chlyklass und war Veranstalter der legendärsten Freestyle-Battlereihe der Schweizer Rapgeschichte, beobachtete auch international eine Veränderung: «In die frühen 2010er-Jahre fällt auch der Trap-Hype in den Staaten. Rap hat sich in dieser Zeit neu erfunden, es gab ein neues Movement.» Baggypants wurden durch Fischerhüte ersetzt, Breakdance-Einlagen durch Moshpits, Marihuana durch Hustensaft und Doubletime-Massaker durch Autotune-Exzesse. Durch die neuen Einflüsse aus den Südstaaten veränderte sich Rap als Kultur weltweit. Die Jugend übernahm das Zepter – auch in Deutschland und der Schweiz.

In der Anfangszeit war Mimiks das Nonplusultra. Der Luzerner MC polarisierte, weil viele Kleindenker mit seinem selbstbewussten Auftreten nicht klar kamen.  Elia Binelli erinnert sich: «Wenn du dich damals mit jemandem über Schweizer Rap unterhalten hast, ist man über lang oder kurz immer auf Mimiks zu sprechen gekommen. Er war der Massstab. Dann kamen neue MCs dazu. Seitdem hat Schweizer Rap einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.» Die Erfolge von Mimiks etablierten ein neues Level der Competition. Neue Rapper zogen nach und übertrumpften den ersten King of Newschool.

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