Brandhärd-Frontmann Fetch ist in der Szene bekannt für seine tiefgründigen, sozialkritischen Texte. Auch der nicht mal zwei Minuten lange Track «Zangegeburt» des Albums «Blackbox» von 2010 bildet da keine Ausnahme. Zumindest nicht auf den ersten Blick.
[Verse] Locker ligsch vor mr und gniessisch di Bad
Relaxt losch di triibe, s’isch irgendwie schad
dass die gmeinsami Nacht mitem Morge verglüeht
und mr zfriide, doch müed elei witerzieht
Doch so sind sie, die heissischte Affäre
kurz, heftig und meistens nid z’erkläre
verschlunge, simmer sanft durch d’Nacht gritte
hend jede Gang gnosse, sind denn go abligge
Und jetzt weisch wies i mir usgseht, ha mi inners offebart
und di brune Teint passt zu mim Stoppelbart
e letschte Blick streift dini dunkle Kurve
wie perfekt sie sind, doch jetzt muesch undedure
um dis warme Herz spannt sich en weiche Kern
doch die harti Schale, i ha so Scheiss nid gern
Jo s’isch schön gsi, doch nid immer riibigslos
im Verglich zude Verflossene bisch du e Riesekloss
E Zangegeburt, meh Schlange als Wurm
und i spür scho d’Avance vonre andere Wurscht
Sie druckt, kunnt nöcher Stund für Stund
Drum spüel di d’Schissi ab in Basler Untergrund

[Hook] Und jetz bisch weg, us de Auge für immer
eifach weg, ja i glaub s’isch für immer
Ab hüt simmer trennt, aber weisch was scheiss drauf
Glücklich nid einsam, so wills de Kreislauf


Locker ligsch vor mr und gniessisch di Bad
, relaxt losch di triibe, s’isch irgendwie schad
, dass die gmeinsami Nacht mitem Morge verglüeht 
und mr zfriide, doch müed elei witerzieht

Der Morgen nach dem Ausgang. Fetch geniesst die letzten Momente mit seinem One-Night-Stand und bewundert den Körper der Dame in der Wanne. Ihn überkommt ein Gefühl der Melancholie, trotzdem klingt er irgendwie auch zufrieden. Das Kitsch-Meter ist bei diesen ersten Zeilen gerade am Anschlag. Man achte auch auf das Feuer-Wortspiel mit «verglüeht», das perfekt in das Brandhärd-Schema mit Liedern wie «Noochbrand» oder «Brandrenalin» passt.

Doch so sind sie, die heissischte Affäre
, kurz, heftig und meistens nid z’erkläre

Er war so hingerissen von ihr, dass er nichts dagegen tun konnte. Nach einer Nacht ist alles wieder vorbei und Fetch ist für eine kurze Zeit ein emotionales Wrack im Schockmodus.

verschlunge, simmer sanft durch d’Nacht gritte
, hend jede Gang gnosse, sind denn go abligge

Wahrlich eine magische Nacht, in der alles perfekt war. Die beiden Unzertrennbaren schätzten jede Minute und legten sich schlussendlich zusammen ins Bett.

Und jetzt weisch wies i mir usgseht, ha mi inners offebart
 und di brune Teint passt zu mim Stoppelbart
e, letschte Blick streift dini dunkle Kurve
 wie perfekt sie sind, doch jetzt muesch unde dure

Fetch hat sich ihr geöffnet, seine innersten Geheimnisse erzählt, sein Herz gegeben. Ihr sonnengebräunter Fitness-Körper versetzt ihn nach wie vor in Staunen. Schade, dass er nun mit ihr abschliessen muss.

um dis warme Herz spannt sich en weiche Kern
, doch die harti Schale, i ha so Scheiss nid gern. 
Jo s’isch schön gsi, doch nid immer riibigslos
, im Verglich zude Verflossene bisch du e Riesekloss

Was ihn stört, ist, dass sie ihn nicht richtig an sich rangelassen hat. Er hat ihr gegenüber sein Herz geöffnet und sie traut sich nicht, ihm dieselbe Offenheit entgegenzubringen. Er fand es eine schöne Zeit, wusste aber im Hinterkopf, dass sich daraus langfristig nichts entwickeln kann. Ihre Schale ist und bleibt zu hart und ihr Charakter zu stur für ihn. Die Trauer runterzuschlucken, fällt ihm besonders schwer, deshalb auch der Kloss im Hals.

E Zangegeburt, meh Schlange als Wurm
 und i spür scho d’Avance vonre andere Wurscht
, sie druckt, kunnt nöcher Stund für Stund
, drum spüel di d’Schissi ab in Basler Untergrund


Hold on! Bezeichnet er sie jetzt als falsche Schlange? Und was ist das plötzlich für eine Wurst, die jede Stunde näherkommt? Spätestens in der letzten Zeile wird die Sache klar: Die Rede war die ganze Zeit von einer Kackwurst, Fetch musste nur aufs WC. Jetzt macht auch der Songtitel «Zangegeburt» Sinn. Nach diesem herzlichen Abschied spült er sie in die Kanalisation und damit aus seinem Leben.

Und jetz bisch weg, us de Auge für immer, 
eifach weg, ja i glaub s’isch für immer, ab hüt simmer trennt, aber weisch was scheiss drauf
, glücklich nid einsam, so wills de Kreislauf

Mit einem weinenden Auge trennt sich der MC von seinem Stuhl. Dass es besser so ist, leuchtet ihm aber ein, denn wer will schon Verstopfungen? Die nächste Wurst und damit auch der nächste WC-Besuch wird kommen, also scheiss drauf.

Hut ab vor Fetch! So einen deepen Text über Scheisse zu schreiben und das Geheimnis erst in den letzten Zeilen zu lüften, das will gelernt sein. 
Am besten hörst du den Track noch einmal und achtest auf die subtilen Tipps, die den Plot-Twist von Sekunde eins andeuten. Mein Lieblingsteil: «Im Verglich zude Verflossene bisch du e Riesekloss.» Die Zweideutigkeit dieser Line ist einfach brilliant und malt ungewollt realistische Bilder im Kopf des Hörers.

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