Die Coverbuben der aktuellen Ausgabe eignen sich besonders für unser nerdiges Genius-Format. Querverweise in alle Richtungen des Kulturschaffens, Wortspiele und durchdachte Metaphern: Im Rahmen der Coverstory erscheinen in der kommenden Juni-Ausgabe gleich zwei Genius-Analysen. Erweitere dein CH-Rap Verständnis. Wir beginnen mit einer Strophe aus «Nachtschattegwächs».

 [Verse: Tommy Vercetti]

I ha müssä d Nabuschnuur schnidä zur Konsumhöhli
u ha dr Schiinwärfer gsuecht winä Wermelampä
vilech het si mi sediert gägä bürgerlechä Schmärz
I würgä abm Härz, fuck, verüblä chaschmers nid
ds Wort Wachstum isch üs widerlech wordä
numä Minus-Si irä Minus-Wäut git s Plus
u s Glas Bacardi uf dä Gran Canaris
wirft s Hypochonder-Liecht uf dini Statuspanik
aber jedä fingt ä Pool cool wonä nid muss putzä
iz fragä si uf YouTube ob mä ihnä Stutz hätt
luege dass Marketing s bizi nach Kultur klingt
si ir Bibliothek inn nur a irem Shooting
Wutang, Cash rulet geng
dir sit nid inkonsequänt, dir sit konsequänt Nutten
weisch, Sinn isch ä Ziitfrag
u Verweigerig dr einzig wo keni verheizet

[Post Hook: Tommy Vercetti]

Nei, nei, i möcht lieber nid, mir wei lieber nid, nei würklech
heissä Nachtschattegwächs wäg dr Würkig
wei o nüt drzuä sägä, näh würklech
si mit Allei-Gla-Wärdä äbä glücklech


U ha dr Schiinwärfer gsuecht winä Wermelampä, vilech het si mi sediert gägä bürgerlechä Schmärz

Verified Tommy: Weil ich als Musiker im Rampenlicht stehe und damit Aufmerksamkeit und Anerkennung geniesse, haben sich die typischen «Probleme» des modernen westlichen Menschen – Gefühle des Verlorenseins, Identitätskämpfe oder Orientierungslosigkeit – nicht ausbreiten können. «Bürgerlicher Schmerz» ist ein Begriff aus der Literatur, den ich bewusst offen verwende, um Interpretationen der Hörenden anzuregen. Dabei spielt es keine Rolle, wer der Autor ist und was er tatsächlich damit meint.

Verified Dez: Kann quasi als offenes Bekenntnis zum Narzismus gesehen werden.

 U s Glas Bacardi uf dä Gran Canaris, wirft s Hypochonder-Liecht uf dini Statuspanik

Die typische Inszenierung auf sozialen Medien, bei der die einseitig positiven Aspekte – wie ein Urlaubsfoto – sich als Symptom für die wachsende Angst, den sozioökonomischen Status nicht halten zu können, enttarnen.

Verified Tommy: Damit spreche ich ein gesellschaftliches Doppelphänomen an: Einerseits haben weite Teile der Bevölkerung Angst vor sozialem Abstieg und wählen deshalb vermehrt Rechts. Ironischerweise sind es dieselben gesellschaftlichen Gruppen, die auf sehr grossem Fuss leben und beispielsweise für Ferien oft um die Welt reisen oder enorme Summen für eine Hochzeit ausgeben.

Aber jedä fingt ä Pool cool wonä nid muss putzä

Eine Metapher für das opportunistische Verhalten und den einseitigen Blickwinkel, bei dem die Kehrseite – in diesem Beispiel ein schlecht bezahlter Angestellter in einer Feriendestination, der die Putzarbeit des Pools übernehmen muss – vergessen oder bewusst ausgeblendet wird.

Luege dass Marketing s bizi nach Kultur klingt, si ir Bibliothek inn nur a irem Shooting

Verified Tommy: Exponenten aus Wirtschaft, beispielsweise der Werbebranche, beladen sich oberflächlich mit dem Kulturaspekt. Ein Hinweis darauf, dass zwischen Marketing und Kultur Konfliktlinien bestehen. Ist nicht als Seitenhieb gegen die Zürcher Rap-Crew Physical Shock, die ihr Musikvideo zu «Mozart» in der Stiftsbibliothek St. Gallen gedreht haben, zu verstehen.

Wutang, Cash rulet geng

Eine Referenz an Wu-Tang Clans Hit «C.R.E.A.M» (Cash Rules Everything Around Me).

Nei, nei, i möcht lieber nid, mir wei lieber nid, nei würklech, heissä Nachtschattegwächs, wäg dr Würkig, wei o nüt drzuä sägä, näh würklech, si mit Allei-Gla-Wärdä äbä glücklech

Verdeutlicht die Metapher rund um die eigenartigen Nachtschattengewächse erneut: Dez, Tommy und CBN wählten in ihrer Karriere immer wieder den schwierigen aber konsequenten «Schattenweg», bei dem es unter anderem darum geht, auf gewisse Angebote und Moves zu verzichten.

Verified Dez: Diese Zeilen haben die Absicht, den Leuten ihren Wert und ihre Autonomie bewusst zu machen. Ausserdem halten wir fest, dass wir manchmal «Nein» sagen, einfach weil wir daran glauben.

Verified Tommy: «i möcht lieber nid» ist zudem eine Referenz an Herman Melvilles Werk «Bartleby der Schreiber». Eine kleine Erzählung, die aus der Ich-Perspektive eines älteren Anwalts über den Schreibgehilfen und Verweigerer-Typen «Bartleby» berichtet. Die ganze Geschichte handelt eigentlich nur davon, dass sich «Bartleby» allem verweigert.

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