Der Erfolg von Seppli MC lehrt uns drei Dinge: Comedy-Rap ist (leider) noch nicht tot, das internationale Image von CH-Rap wird unterminiert – und über Top oder Flop entscheidet das Publikum.

Let me breathe: Seppli MC (auch als TV-Rapper Chris Swizz bekannt), eine unheilvolle Mixtur aus Peach Weber und DJ Ötzi, landet mit seinem neusten Song einen Hit. «Ueli Vuitton» ist als Persiflage von modernem Rapsound konzipiert, bleibt dabei aber auf billigstem Schenkelklopfer-Niveau hängen – shoutout Marco Rima. Die Klickzahlen im sechsstelligen Bereich animieren zum Kopfschütteln: Wer hört sich denn bitte diese Grütze an?

So weit, so subjektiv. Grundsätzlich kann jeder und jede hören und witzig finden, was er oder sie möchte. Leben und leben lassen. Doch auch ganz nüchtern betrachtet wirft der Song Fragen auf, die uns alle etwas angehen.

Da wäre beispielsweise das ins Extreme überzogene Schweizer Hochdeutsch: der Künstler schielt ganz bewusst auf Hörer aus Deutschland und Österreich. Dabei wirft er sich als Repräsentant des Schweizer HipHop in Szene, vermittelt aber nur billige Klischees und bestätigt so den im nahen Ausland leider nicht totzukriegenden Eindruck, dass Schweizer Rap eine Lachnummer sei. So schadet er hochtalentierten Künstlern wie Pronto oder Xen, die hart für die internationale Akzeptanz von Schweizer Rap arbeiten.

Eine weitere bedauernswerte Nebenerscheinung des Songs ist, dass er dem totgeglaubten «Genre» des Comedy-Raps wieder neues Leben einhaucht. Billige Comedy-Sidekicks stehlen realen Künstlern die Show und verfestigen dieses Yo-yo-Image, dass auch 2018 noch viel zu viele Leute in der Schweiz mit Rap verbinden.

Auch unser Nachbarland Deutschland hatte unter solchen Erscheinungen zu leiden – man denke nur an die Grup Tekkan – aber das war vor zehn Jahren. HipHop ist die dominante Jugendkultur der Schweiz und es ist an der Zeit, dass die Mehrheitsgesellschaft damit klarkommt.

Selbstverständlich darf Rap witzig sein. Es gibt grossartige Beispiele: LCone und Money Boy etwa. Diese Artists stecken jedoch viel Herzblut in ihre Arbeit und haben HipHop studiert. «Ueli Vuitton» dagegen ist auch aus einer technisch-künstlerischen Perspektive gesehen super-wack: Keine Liebe zum Detail, kein Spürchen Finesse im Songwriting.

So gesehen spiegelt sich im Fall Seppli MC eine Grundsatzdebatte: Ist Musik Kunst oder bloss billige Unterhaltung? Ist HipHop eine Kultur und ein Movement oder nur ein Pool von Zeichen und Mustern, aus dem sich jeder und jede nach Lust und Laune bedienen darf, um damit seine Popkonserven zu würzen?

Da man nichts zensieren darf (und im Übrigen auch nicht sollte), muss der Hörer die Initiative ergreifen. Songs wie «Ueli Vuitton» kann man sich zehnmal am Tag via YouTube, Apple Music und Spotify reinpfeifen und seinen Freunden vorspielen – oder schlicht und einfach ignorieren und so in der Bedeutungslosigkeit versinken lassen. Streaming ist wie die direkte Demokratie: Man kann Leute unterstützen, die man cool findet, oder talentlose Schwätzer pushen. Do the right thing.

Eine Kolumne von Luca Thoma

Der Vollständigkeit halber, der thematisierte Clip: