«Ich bin all das, wovon deine Eltern dich immer gewarnt haben», rappte Sido schon vor Jahren auf seinem Erfolgshit «Schlechtes Vorbild». Provokativ spielte er dabei mit dem medialen Bild des Strassen- und Gangster-Rappers. Geht es nach dem Boulevard, sind solche Rap-Stars jugendgefährdende Typen, die unsere Kinder zu Drogen verführen, sie zu Sexisten machen und Gewalt befürworten. So suggerieren es zumindest die Schlagzeilen «Generation Bushido» oder «Gangster-Rapper auch im echten Leben ein Gangster» und erhitzen dabei die Debatte über einen möglichen Wertezerfall der Jugend.

Beispiele krimineller Musiker dieser Szene gibt es tatsächlich, wie etwa der rappende Labelboss Xatar, der wegen eines Goldraubes eine Gefängnisstrafe absass oder der Zürcher Rapper Besko, der wegen Raubes und anderen Delikten verurteilt und ausgeschafft wurde. Wahr ist auch, dass der Missbrauch und Handel von Opiaten und Medikamenten in den letzten Jahren vermehrt in den textlichen Fokus rückte und mehrere Rap-Stars an Überdosen starben.

Beweisen diese Beispiele, dass Rap einen schlechten Einfluss auf Heranwachsende hat? Davon sind die Gegner des Genres überzeugt. Sie behaupten: Viele Texte rufen zur Gewalt auf, vermitteln ein verachtendes Frauenbild und glorifizieren den Konsum und Handel von Drogen. Einige Kritiker machen sogar Rap-Stars für das kriminelle Verhalten von Jugendlichen verantwortlich. Szenenvertreter hingegen erwidern: Der von gesellschaftlichen Missständen und roher Sprache geprägte Rap dient als Ventil zur Verarbeitung einer Lebenswelt, die sich tatsächlich auf der Strasse abspielt. Zudem wird auf die Geschichte der HipHop-Kultur verwiesen, die den verbalen Schlagabtausch im sportlichen Wettkampf als Alternative zu körperlicher Gewalt in den Ghettos herausbildete – genauso wie die übertriebene Inszenierung des Künstlers, die zu den subkulturellen Eigenheiten zählt. Nicht alle, aber die meisten jungen Zuhörer wissen dies richtig zu deuten – Rap sei nicht die Realität, sondern Ausdruck künstlerischer Freiheit.

Wenn es denn so einfach wäre. Ein Zusammenhang zwischen dem Konsum solcher Musik und einer Tendenz zu kriminellem Verhalten ist wissenschaftlich nicht geklärt. Verursachen spezifische musikalische Präferenzen tatsächlich eine höhere Affinität zu kriminellen Handlungen? Oder sind es umgekehrt zu Delinquenz neigende Menschen, die Musik mit solchen Texten bevorzugen? Über solche Fragen wird bis heute geforscht. Die Sache ist eben nicht einfach.

In unserem Schwerpunkt «Rap & Jugend» wollen wir den Wechselwirkungen nachgehen, die sich zwischen dem immer populärer werdenden Genre und unserer Jugend vollziehen. Beeinflusst Rap die Jugend – und vice versa? Wie nehmen Jugendliche Strassenrap wahr? Zeigt die Musik wie ein Spiegel gesellschaftliche Probleme auf, oder ist sie die Ursache für Verrohung und kriminelle Laufbahnen? Und welche Verantwortung obliegt dabei den Rappern?

Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns in der Sonderausgabe von unserem Magazin. Wir lassen einen Jugendarbeiter Beobachtungen schildern, hören uns gemeinsam mit jungen Fans harten Rap an und lassen zwei Rapper Stellung beziehen, in dem wir sie mit Thesen konfrontieren. Die Tatsache, dass selbst die Sozial- und Kulturforschung keine einfachen und deutlichen Schlussfolgerungen liefert, zeigt, dass die Beantwortung oben genannter Fragen schwierig ist. Denn die Wahrheit hat niemand, sie liegt immer irgendwo dazwischen.

 

Mehr dazu in der Sonderausgabe. Das Magazin wird ab 14. Dezember im Einzelhandel und im Abonnement erhältlich sein. Zudem kann sie in unserem Onlineshop erworben werden.

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