Was für eine Bescherung: In der Nacht nach Heilig Abend beschenkte uns Tommy Vercetti mit einer EP, die jenseits von Kaufrausch und Glühwein Besinnlichkeit versprühte. Spätestens zwei Wochen später ist klar: Die Polarlos EP ist alles andere als ein nett geschnürtes Gratis-Päckchen für den lieben Fan, dass wie das Geschenk deines Schwagers aus herumliegenden Überbleibseln rezykliert wurde.

Für Form und Farbe des runden Weihnachtsgeschenks sorgt nämlich der Beatmaker und langjährige Tour-DJ der Eldorado-Family Ruck P. Mit warmen Soul-Einflüssen und feinem Boom-Bap tunkt dieser das Release mit wenig Hilfe von Sir Jai im organischen HipHop-Pot. Dazu kommt Tommys metallische Adlib-Spur, die dem Projekt insgesamt etwas Wärme nimmt und durch wohlbekannten Zorn ersetzt.

Inhaltlich erweitern fünf neue Songs die Figur des Tommy Vercetti um den Working Class Daddy. Die Zweifel und Ängste des Papa-Tommys rund um die eigene Anforderungen und die gesellschaftlichen Schranken, in der seine Tochter aufwachsen wird, sind die zentralen Themen der Polarlos EP. «De Tommy-Scheiss het nie viu bracht so money-wise, drum ischs e fairi Frag obi nid zwenig fürnes Bébé ha» Bereits im ersten Song («Kompassfähler») behandelt Tommy solche Fragen. Wohl angestossen durch Reaktionen aus dem Umfeld und den Erwartungen der Gesellschaft stellt er die Welt in Frage, in der seine Tochter gross werden wird. Welche Sichtweisen und Lebenseinstellungen sie womöglich prägen werden und wie sie «lehre, wie nid über d Verhäutnis läbä, wenn dini Lehrer nie über d Verhäutnis redä».

Dazwischen folgen soziologische Beobachtungen, wie etwa wenn er über die gepflegte Mittelklasse im Breitsch-Quartier spricht, die ihn nicht unbedingt zu ihren zählen will. Ob sich seine Sicht der Dinge als Vater verändert habe, da er nun ja viel Geld habe («Ke Melodie») und wann er nun endlich wegziehe? Dabei kritisiert er gewohnt das System, in dem er zynisch Scheinheiligkeiten aufdeckt: «Keni Schwarze im Tram, ke Migranten im Coop, Aber Ungerschrifte sammle für Asylanten in Not». Oder er rappt vom Pfarrer in Schale mit Sparkassen-Sprüchen, der mit Austern im Mund Sparsamkeit predigt.

Die weit geachtete Sozialkritik Vercettis wächst also um den Blickwinkels des Vaters einer Tochter. Dies wird auch beim Nachfolger von Dezmond Dezs «Teil vom Syschtem» auf dessen 2013 erschienen Album «Verlornigs Paradies» deutlich. Der Beat von Ruck P, der auf dasselbe Sample baut, ist damit irgendwie auch eine Hommage an den Vorgänger seines Rapperfreunds Dezmond. Wie im ersten Teil geht es bei «Teil vom Syschtem 2» um das Ausgeliefertsein innerhalb des Systems und um den Umgang mit dessen Spielregeln. Nur bricht Tommy diese Perspektive herunter und bezieht sie auf auch das Aufwachsen seiner Tochter – die mit Benachteiligung auf Grund ihres Geschlechts zu rechnen habe.

Die persönliche Note rund um Klein-Vercetti findet mit «Mongolefläck» ihren Höhepunkt. In diesem rührenden Storyteller rekonstruiert Tommy die Geschichte in jener Nacht vor bald zwei Jahren, in der er die Taufe zu seinem «Rosario» Mixtape frühzeitig verlässt, um mit seiner Freundin Stunden später im Spital das gemeinsame Kind zu empfangen. Dabei taucht man als Zuhörer in die persönlichen, teils intimen Erzählungen und Gedanken des frischgebackenen Papas ein, der den beiden Mongolenflecken seiner Tochter symbolische Bedeutung schenkt. Mit einem gelungen zarten Refrain beweist Featuregast Nativ seine musikalische Vielfältigkeit.

Auch der zweite Gastbeitrag von Migo könnte kaum besser passen. In «Subprime People» thematisieren sie gesellschaftliche Situation der Menschen zweiter Klasse und den Lebensrealitäten wie Gentrifizierung, in denen sie sich widerfinden müssen. Selbstverständlich wird man von einer typischen Migo Zeile daran erinnert, dass auch die vermeintlichen Gewinner des Systems nur Zahnrädchen sind: «O die tüüre Outos fahre zumne Büro».

Nebst der Auseinandersetzung mit dem Gros und dem Selbst hören wir auch immer wieder Zeilen die zeigen, mit wie viel Hingabe sich Papa-Versace und Partnerin um den Nachwuchs kümmern. Entgegen den möglichen Bedenken erinnert spätestens ein höhnisches «Bitches!»-Adlib an der richtigen Stelle daran, dass Tommy weder flawless geschliffen noch altersmüde geworden ist. Spätestens dann fühlt man sich als Hörer gleichzeitig aufgehoben und ernst genommen.