Seit fast einem Monat ist die Sonderausgabe des LYRICS Magazins erhältlich. Was nach dem Release passiert ist, erklärt unser Chefredakteur. 

An Reaktionen auf die Sonderausgabe hat es nicht gemangelt. Verwunderlich ist das nicht, deren Inhalt ist nicht unproblematisch. Für einmal sind die Brennpunkte im Rap kritisch analysiert worden: Sexismus, Antisemitismus, Einfluss auf Jugendliche und Drogenkonsum. 

Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Dazu nimmt der Initiant der Ausgabe, Elia Binelli, Stellung.

Als Ziel der Sonderausgabe hast du formuliert, einen Austausch zwischen Rap und der Gesellschaft herzustellen. Ist dieses Ziel erreicht worden?

Ja, das wurde auf jeden Fall erreicht. Allein schon, weil viele Medien über unser Projekt berichtet haben. So konnten wir neue Gesellschaftsschichten erreichen. Watson hat zum Beispiel acht Artikel aus der Sonderausgabe publiziert und die Inhalte einem für uns neuem Publikum zugänglich gemacht. Es war interessant zu sehen, wie dort Diskussionen zwischen szenefremden Teilnehmern und HipHop-Fans entstanden sind. Ein einprägsames Erlebnis ist für mich gewesen, als ein Familienvater nach einer Podiumsveranstaltung zu mir gemeint hat, dass er, dank der Sonderausgabe, endlich wieder ein Thema für den Famillientisch mit seinem pubertierenden Sohn habe. Solche Geschichten zeigen mir, dass es uns gelungen ist, mit der Sonderausgabe einen Diskurs zu schaffen, der über die Rap-Szene hinausgeht.

Du wolltest Echokammern aufbrechen und Filterblasen platzen lassen. Denkst du, die Ausgabe hat nachhaltige Auswirkungen auf die Schweizer HipHop-Szene?

Schwierige Frage. Wir wollen mit der Ausgabe Awareness und einen Raum für Diskussionen schaffen. Uns ist es wichtig, dass wir uns mit gesellschaftlichen Problematiken beschäftigen. Ob dies nun einen nachhaltigen Einfluss hat, wird sich zeigen. 

Welche Erkenntnis hast du durch die Arbeit an der Sonderausgabe erlangt?

Ich habe daraus gelernt, dass es sich lohnt, den Mut zu haben, auch unangenehme Themen aufzuarbeiten und aus der HipHop-Komfortzone ausbrechen. Wir haben Geschichten und Perspektiven eingeholt, die normalerweise nicht in einem LYRICS Magazin auftauchen. 

Und im Bezug auf den Inhalt der Sonderausgabe, wie schätzt du die darin thematisierten Blickpunkte ein?

Wir haben Meinungen und Sichtweisen von verschiedensten Menschen gesammelt, welche Erkenntnisse die Leserin oder der Leser daraus schliesst, ist ihr oder ihm selber überlassen. Wir haben bewusst keinen Standpunkt vertreten, sondern dem Leser die Freiheit offen gelassen, selbst Partei zu ergreifen. Manche Menschen werden sich nach dieser Ausgabe noch verbundener mit der HipHop-Kultur fühlen. Andere haben sich durch die Ausgabe ein nötiges Know-How angeeignet.

Hat sich deine Sicht auf Aspekte der HipHop-Kultur geändert?

Nein, ich bin mit HipHop aufgewachsen und von dessen Werten erzogen worden. Diese Musik hat mich geprägt. Schon früh habe ich mich darum auch mit Brennpunkten beschäftigt. Ich weiss, was HipHop ist, und was HipHop nicht ist.

Welche Reaktionen hast du auf das Magazin erhalten?

Wir haben redaktionsintern im Vorhinein lange diskutiert, wie die Resonanz wohl ausfallen könnte. Wie bereits erwartet, haben viele Leser die Ausgabe als sehr wichtig und interessant empfunden. Wir haben einige dankbare Rückmeldungen erhalten von Menschen, die bewundern, dass und wie wir uns mit diesen Themen auseinandergesetzt haben. Uns war es aber auch bewusst, dass es Kritik aus der HipHop-Ecke geben könnte. Stimmen, die sagen, dass man HipHop einfach in Ruhe lassen sollte und keinem Laien zum Frass vorwerfen sollte. Ich kann diese Argumentation auch teilweise nachvollziehen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Sonderausgabe eine wichtige Ausgabe für HipHop ist und man, gerade wenn man die Kultur liebt und tief in ihr verankert ist, auch etwas damit anfangen kann. 

Wenn du neugierig geworden bist, kannst du die Ausgabe hier bestellen.