Mein Wunsch fürs 2019: Mehr Realness! Aber was zum Henker soll das sein?

Neues Jahr, neues Glück. 2018 war ein grosses Jahr für CH-Rap und hat uns besonders gegen Ende mit einigen Instant-Klassikern beglückt, die Hunger und Competition auf ein weiteres Level hochgesteppt haben. 2019 könnte noch besser werden. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür: mehr Realness. So wie ich Realness begreife, können sowohl Boombap-Heads und Hustensaft-Jünglinge extrem real sein. Meine Definition hat nichts mit einem bestimmten Genre, einem bestimmten Kleidungsstil, einer bestimmten BPM-Zahl zu tun.

Zahlreiche Facetten

Real zu sein bedeutet für mich, die Realität so authentisch wie möglich wiederzugeben. Doch was genau ist die Realität? Im Endeffekt bestimmt das jeder für sich. Realität wird im Plural, nicht im Singular geschrieben. Don’t get me wrong: Es gibt eine einzige Wirklichkeit, in der wir alle gemeinsam leben und miteinander kommunizieren. Doch in dieser Wirklichkeit hat jeder Mensch seine eigene Realität – und die kann sich jederzeit ändern.

Authentisch zu sein, bedeutet, den eigenen Mindstate nach aussen zu kehren, das Herz auf der Zunge zu tragen.

Ein Beispiel: Als ich fünf Jahre alt war, spielte sich mein ganzes Leben im Dreieck zwischen Kindergarten, Migros und meinem Zuhause ab. Das war meine ganze Welt und die Realität, in der ich mich Tag für Tag bewegte. Zwanzig Jahre sieht meine Realität – wen wundert’s ¬– anders aus. Sie ist um einiges komplexer geworden. Auch die Realität meiner Mitmenschen ist komplex, aber oft völlig anders als meine eigene: Wer eine Schreinerlehre macht, muss sich keine Sorgen machen, wie er Ende Monat die Miete bezahlen soll. Wer in einer Zahnbürsten-Fabrik arbeitet, beschäftigt sich überdurchschnittlich intensiv mit Zahnbürsten. Wer Philosophie studiert, hinterfragt die Existenz einer Zahnbürste.

Auslegung der Realness

OK, alles klar. Und was hat das alles bitte mit Rap zu tun? Realness ist einer der inflationär benutzten Begriffe, wenn es darum geht, Musik, die einem persönlich gefällt, von «schlechter» Musik zu unterscheiden. In solchen Diskussionen ist real oftmals gleichbedeutend mit «traditionell» oder «den kulturellen Wurzeln treu» – man könnte auch sagen: konservativ.

Müllige Afrotrap-Kopien sind das neue Hängengeblieben. Alles, was seit 2000 auf den Markt gekommen ist, aus Prinzip scheisse zu finden, ist das alte Hängengeblieben

Wenn ein Künstler wie COBEE also auf einem punkig angehauchten und atmosphärischen Newschool-Beat in einer Vortragsweise, die zwischen Rap und Gesang hin- und herpendelt, seinen Hörern mitteilt, dass er ein «Chaos in seinem Kopf» habe, wird das generell nicht als real betrachtet. Meiner Meinung nach ist das jedoch extrem real, weil COBEE mit solchen Texten und mit dieser Musik seine eigene Realität widergibt. Ein junger Mann Mitte 20 hat nunmal oft ein «Chaos in seinem Kopf». Dieses «Chaos» ist verdammt real, weil es COBEE jeden Tag verfolgt.
Oder anders gefragt: Wäre dieses «Chaos» von COBEE plötzlich real, wenn er es auf einem Afrika-Bambataa-Beat in lupenreinem Rakeem-Flow vorrappen und im Video mit Yankee-Cap und Baggypants im Jeep durch Kilwangen-Spreitenbach brettern würde?

Wohl kaum. Es würde wohl eher seltsam und künstlich rüberkommen, da er nicht mit diesem Sound aufgewachsen ist, sondern mit genau der Musik und den Inhalten, die er auf «Chaos» zitiert und neu arrangiert: Punk, Cloud-Rap, Gitarrenmusik, Melancholie.

Realkeeping ein Widerspruch

Sehr gut denkbar ist auch, dass COBEE in zwanzig Jahren kein «Chaos» mehr «in seinem Kopf» hat. Vielleicht packt ihn dann die Lust, Mani-Matter-Songs zu loopen und Songs über seine Kinder im Sandkasten zu schreiben. Man stelle sich den Aufschrei vor. COBEE wäre plötzlich für seine Fans nicht mehr real. Das ist so absurd wie dieser Oldschool-Realness-Begriff: Genauso wie sich für Künstler die eigene Realität ändert, ändert sich auch ihr Zugang zur Musik. Der Begriff Realkeeper ist so gesehen ein Widerspruch in sich.

Meiner Meinung nach ist das jedoch extrem real, weil COBEE mit solchen Texten und mit dieser Musik seine eigene Realität widergibt.

Ausserdem sind als «Newschool» verschriene Künstler oft mehr HipHop als man es auf den ersten Blick denken mag: Die meisten von ihnen fühlen sich der Community verpflichtet, auch wenn sie keine Tags malen und keine Breakdance-Moves beherrschen. Viele Moves und Symbole sind zudem alter Wein in neuen Schläuchen: die Remix-Kultur, die zurzeit wieder boomt, ist eine Ur-Errungenschaft des HipHop-Movements und die Fashion, die viele junge Artists rocken, zitiert nicht selten das New York der 70er- und 80er-Jahre: Dapper Dan und Slick Rick lassen grüssen. Real zu sein, kann neben Veränderung natürlich auch Konstanz bedeuten. Wenn jemand sich wie beispielsweise die Fratelli B oder Brandhärd dazu entscheidet, seinen Trademark-Sound aus den jungen Jahren auch später weiterzuverfolgen und weiterzuentwickeln, ist das natürlich auch extrem real. Much love.

Authentische Radikalität

Wenn ich also mehr Realness fordere geht es mir um zwei Dinge: Authentizität und Radikalität. Authentisch zu sein, bedeutet, den eigenen Mindstate nach aussen zu kehren, das Herz auf der Zunge zu tragen. Radikal zu sein, bedeutet, keine vorgetretenen Pfade zu verfolgen, sondern mit jedem Song etwas Neues und Authentisches kreieren zu wollen.

Real zu sein, kann neben Veränderung natürlich auch Konstanz bedeuten

Es geht hier nicht um Oldschool oder Newschool: Müllige Afrotrap-Kopien sind das neue Hängengeblieben. Alles, was seit 2000 auf den Markt gekommen ist, aus Prinzip scheisse zu finden und über einen Kamm zu scheren, ist das alte Hängengeblieben. Authentisch und real ist keines von Beidem! Eine Welle zu surfen, ist immer bequemer, aber der Sound, der dabei entsteht, wird in zehn Jahren niemand mehr interessieren. Ich wünsche mir also mehr unvergleichliche Künstler wie COBEEs, Pronto und Xen, aber auch mehr authentische Rapper wie Fratelli B, wie Gimma, wie Breitbild. Seid mutig, seid radikal. Seid real.