Wie war das damals, als Schweizer Rap noch in den Kinderschuhen steckte? Wir nehmen dich mit auf eine Reise zurück und widmen uns Jahr für Jahr den wichtigsten Veröffentlichungen, Geschehnissen und Charakteristika des Mundart-Raps. Dafür recherchieren wir und unterhalten uns mit Zeitzeugen, erheben aber trotzdem keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

«Dr Boum isch was? Dr Boum isch zrügg!» Mundart-Rap stand zwar noch in seinen Anfängen, doch mehr und mehr Rap-Begeisterte kamen auf den Geschmack, der hauptsächlich amerikanisch geprägten Kultur ihren lokalen Stempel aufzudrücken. Wie im Falle der Stadtberner Three Tree Posse, deren Wording und Flow schwer an damals aktuellem Conscious Rap – Souls of Mischief, A Tribe Called & Co. angelehnt war und dem Takt etwas vorschnell davonrannten. Ihr Song «Dr Boum Isch Zruegg» erschien als Teil der 21 Track starken «Fresh Stuff 4» der notorischen Sampler-Reihe.

Überhaupt war Bern am Start: Freedom of Speech, eine Burgdorfer Crew, fand im Jahr 1993 den Weg in die Sendung «Zebra» vom Schweizer Fernsehen. Dort präsentierten sie ihren zweiten Song auf Mundart. «E wyteri Nacht im Studio» erzählt von ihrem HipHop-Lifestyle, von Leidenschaft und den nicht nur positiv beäugten Nächten im Studio.

Sozialpolitische Themen wie AIDS, Rassismus oder miese Polizeierfahrungen nahmen auch auf der vierten Edition ein gewisses thematisches Gewicht ein. Besonders hervorzuheben ist dabei der wohl erste richtige Anti-Polizei-Rapsong in Mundart. «Bullesau» von H.D.P. aus dem Furttal ist dabei keine aggressive Hetze, sondern ein Storyteller zum Schmunzeln.

Anti war man 1993 auch gegenüber den Drogen eingestellt. Das Drogenelend rund um den Zürcher Platzspitz und Letten war noch kein Jahr besiegt. Das zerstörerische Potenzial der Drogen im Nacken, wollte man weitere Sensibilisierungsarbeit leisten. So auch die formierte Basler Rap-Szene rund um Black Tiger. «Wake Up» nannten sie die von ihm organisierte Aktion und schrieben einen Rap, den sie auf dem Barfüsserplatz performten. Ein ganzer Präventionssampler mit Basler Namen wie TNN, Luana & Black Brothers mit einer Tour quer durch die Schweiz folgte. Sogar das Radio spielte den Song. Unser Zeitzeuge Shape hebt heraus, dass dies für ihn eine wichtige Inspirationsquelle war.

Und dann war da noch Mamanatua, das erste Projekt rund um Koryphäe Lügner – der mit dem «ü» drin. Mamanatua, damals bestehend aus Jacob The Lier (Lügner), Stono und DJ Marc, waren so etwas wie die heimlichen Helden der Szene, bei der man sich stillschweigend darauf einigen konnte, dass sie ein unheimliches Mass an Originalität und Skills vereinten, während andere noch konsequent in die Staaten schielten. Kein Wunder also, wurde ihre erste Maxi «Peeping Tom» gleich vom Nachrichtenmagazin «10vor10» und der Zeitschrift «Hochparterre» mit dem «goldenen Hasen»-Award ausgezeichnet. Ein Jahr später liest sogar die amerikanische HipHop-Szene im angesagten Szenemagazin «HHC – Hip-Hop Connection» von ihrer Frische. Da sie sich musikalisch stark auseinanderlebten trennten sie sich in ihrer Höchstform. Das kurz davor entstandene Album «Wuataproof» erschien 18 Jahre später und erntete von der NZZ den Titel «Black Album der Schweiz».

Mamanatua gibt’s nicht gratis zu streamen. Um sich aber ein kostenloses Bild davon zu machen, wie prägend ihre Musik damals für die Szene war, höre dir Black Tigers Schwärmereien an:

Quellen:

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