Wie war das damals, als Schweizer Rap noch in den Kinderschuhen steckte? Wir nehmen dich mit auf eine Reise zurück und widmen uns Jahr für Jahr den wichtigsten Veröffentlichungen, Geschehnissen und Charakteristika des Mundart-Raps. Dafür recherchieren wir und unterhalten uns mit Zeitzeugen, erheben aber trotzdem keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Im Jahr 1994 haben die Basler HipHopper rund um P-27 ihre Daseinsberechtigung bereits bewiesen. Nebst ihrem Erstlingswerk haben sie schliesslich die «Fresh Stuff»-Reihe auf die Karte gerückt und damit Mundart-Rap landesweit eine Plattform geboten. Damit war die Zeit reif, um mit «Jetzt funkt’s aa», ihrem zweiten Album, nachzulegen. Tron, Skelt! und DJ Radikkal gelangen damit – gerade für die damaligen Verhältnisse – beachtliche Erfolge. So erreichte auch das zweite Album die Top 10 der Hitparade, die Singleauskopplung «Run Baby Run!» wurde auf den Musikfernsehsendern gezeigt und auch deutsche Medien wie SAT.1 und ProSieben interessierten sich für die Pioniere aus Basel. Für die Single «Run Baby Run!» kooperierten die Jungs mit der Zürcher Trash-Metal-Band Coroner. Der dazugehörige Videoclip bringt ordentlich 90ies-Flavour auf.

Unterdessen hatten auch die Zürcher Jungs von Primitive Lyrics nach ihrem «Tescht», der ersten Maxi-Single, ihre Rap-Skills hochgefahren. Mit «Halbi Nüni Chlorzicht» bringen sie ihre erste vollständige Platte auf den Markt. Ein Werk, das ihren musikalischen Anspruch, Rap mit rockigen Gitarren, Bass und Saxofon zu kombinieren, offenbarte. Ein Jahr zuvor waren sie bereits mit «Deep In» – noch in englischer Sprache – auf dem Sampler «Fresh Stuff 3» vertreten. Ihre musikalische Hingabe schlug Wellen und kam an. In der NZZ las man damals: «Mit ruppigem Rhythmus, aggressivem Gesang in breitem Züri-Slang und Reizgeräuschen wie Sirenen, wird Nahkampf im Kreis 5 suggeriert».

Auf «Halbi Nüni Chlorzicht findet sich zudem einer der ersten Mundart-Rap-Songs, die sich vollends dem Thema Cannabisrausch widmen. «Schtei» ist echt witzig und lässt erkennen, wie tief verwurzelt der Ausdruck «stoned» in unserer Sprache tatsächlich ist. Umso spannender ist die Geschichte, wenn man bedenkt, dass die Gruppe zwei Jahre danach einen Songbeitrag zum Kinderlieder-Projekt «Ohrewürm» beisteuert und sich die beiden Rapper Redl und Jet Domani weitere Jahre später mit anderen Musikern zum legendären Act Radio 200000 formieren.

Auf der anderen Seite des Röschtigrabens tat sich ebenfalls was: Sens Unik veröffentlichen ihr – laut Shape MC – «wohl bestes» Album. «Chromatics» hiess das abwechslungsreiche Werk, dass auf Platz 4 der Charts kletterte und Goldstatus erreichte. «Chromatics» lässt sich als komplettes Album hier hören:

Ausserdem bildete sich Anfang der 90er-Jahre rund um Nya, Pierre Audétat und Ndagijé aka Dynamiken die Gruppe Silent Majority, die eine Mischung aus Hardcore, Funk und Rap kreierten. Das erste Album «La Majorité Silencieuse», das stark multiethnisch und -kulturell geprägt war, wurde von der Fachpresse gefeiert. Mit dem Jazztrompeter Erik Truffaz brachten sie ausserdem das Jazz-Element in ihre Musik. Der – im Übrigen aus Sursee stammende und astreines Innerschweizerdeutsch sprechende – Rapper Nya arbeitete in den Folgejahren stark mit dem Jazzer zusammen, begleitete ihn auf Welttourneen und spielte zusammen mit ihm Elektro-Jazz und Nu-Jazz-Kompositionen.