Wir hinterfragen das Bild von Männlichkeit im HipHop. Neben der Rap-Industrie ist dieses der zweite Themenschwerpunkt des neuen LYRICS Magazins. Dafür hat Literaturpreisträgerin Jessica Jurassica einige Zeilen über die festgefahrenen Männer- und Frauenrollen in der urbanen Musik niedergeschrieben.

Ich steh vorne links im Club mit dem Phone in der Hand und poste Insta-Stories. Der Boy auf der Bühne performt romantisch-düstere Lyrics über einen verschliffenen Trap-Beat. Während der Hook schaut er kurz rüber zu mir. Diese
Hook ist nur für dich, sagt sein Blick. Ich kenne den Song seit der ersten Demo-Version. Er hatte mir einen privaten SoundCloud-Link im Chat hinterlassen, spät nachts oder früh morgens, während sich draussen der Tag wieder zusammensetzte und ich gerade von der Arbeit hinter der Bar nach Hause kam. Dieser Song ist nur für dich, sagte die Geste.

Eigentlich wollte ich selbst Rapperin werden, aber es scheiterte daran, dass ich nicht wirklich rappen kann und mich eingeengt fühlte von den Beats und Songstrukturen. Die wenigen Probe-Sessions waren also nicht wirklich erfolgreich und am Ende schlief ich mit dem Produzenten, mit welchem ich für diese Rap-Sache zusammenarbeitete. Wir hatten ein wenig Amphetamin gezogen und ziemlich viel Weisswein getrunken, wir küssten uns auf dem Sofa in seinem Studio. Er zog mich langsam aus. Später gingen wir zu ihm und fickten bis die Sonne aufging. Wenn es schon nichts werden sollte mit der Rap- Karriere, so war wenigstens der Sex gut. Und wenn es schon nichts werden sollte mit der Rap-Karriere, so bin ich heute wenigstens die Freundin eines Rappers und somit genau dort, wo man als Girl im Schweizer HipHop-Game hingehört: Vorne links an der Show, mit dem Phone in der Hand und dann Backstage knutschen und Lines ziehen. Später mit dem Boy nachhause gehen und ficken bis die Sonne wieder aufgeht. Es ist ein gutes Leben, aber leider auch ein eher passives. Während er auf der Bühne performt, steh ich nur vorne links, mit dem Phone in der Hand und höre zu. Ich bin die Begleitung, höchstens noch die Muse, aber als solche muss ich eigentlich auch nur dastehen und möglichst Sublimität und Unnahbarkeit ausstrahlen, mich ihm vielleicht hin und wieder aufs Gesicht setzen, oder was auch immer ein Rapper zur Inspiration braucht.

Natürlich gibt es auch das eine oder andere Girl mit aktiver Rolle in der Schweizer Hip-Hop-Szene. Die dürfen dann in jedem Interview erklären, wie das denn so ist als Frau in Szene. Ich würde lieber mal von den Boys hören, wie das denn so ist als Mann in der Szene. Wie das ist, wenn im Battle-Rap männliche Konkurrenzkämpfe spielerisch und im geregelten Rahmen ausgeführt werden. (Schärft das das Bewusstsein für Überlegenheit im Strukturellen?) Wie das so ist mit der harten, aggressiven Sprache und der bedingungslosen Liebe für die Crew. Wie das so ist als Alpha oder als sensibler Junge und wie sie so sein kann, die Dynamik zwischen Boys. Kommen eure Mütter eigentlich an eure Shows? Und wenn ihr einen Lovesong performt: Schaut ihr dann dem Girl in die Augen, wenn sie vorne links steht? Oder senkt ihr verlegen den Blick und starrt auf den Boden, die Kapuze im Gesicht und ins Mic murmelnd: Baby, dieser Song ist nur für dich.

Autorin Jessica Jurassica

Jessica Jurassica hat für die Republik geschrieben, ist RCKSTR-Kolumnistin, mehr oder weniger selbsternannte Cloudliteratin und knöpft sich gerne lächerliche Strukturen vor. Es geht um Radikalität und spielerische Auflehnung gegen festgefahrene Systeme, sei das in Medienkritik oder vorne links am HipHop-Konzert. Sie nimmt sich im LYRICS Magazin der Alpha-Mentalität und testosterongeladenen Hahnenkämpfe an.

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