Ob in Goethes «Werther» oder auf Nirvanas «Smells Like Teen Spirit»: Depression und Todessehnsucht bewegen die Gemüter in Literatur und Popkultur. Nur für HipHop waren solche Themen lange ein rotes Tuch – bis vor kurzem. 2017 gingen Künstler wie XXXTentacion und die $UICIDEBOY$ durch die Decke. Sie kreierten ein neues Movement, mischten Trap mit Punk und Grunge und sind schonungslos ehrlich über ihren Lifestyle, in dem Polytoxikomanie und Depressionen omnipräsent sind. Was steckt hinter der Attitüde dieser Künstler? Werden sie HipHop verändern? Und erwarten uns in der Schweiz ähnliche Entwicklungen?

Rap und Depression – sehr lange ein absolutes No-Go. Zu heikel schien das Thema – und zu inkompatibel mit dem Image vieler MCs als erfolgreiche Macher-Typen. Natürlich gab es Ausnahmen wie Eminem, der seinen geballten Frust in Texte packte und seinen Kampf mit den inneren Dämonen zeigte. Für eine ernstzunehmende Beschäftigung mit dem Thema reichte es nicht aus: Eminem wurde von der breiten Masse auf seine Existenz als Über-Techniker, Battlerapper und weisser MC reduziert. Seit dem Jahr 2017 stehen die Zeichen aber auf Sturm: Bei den angesagtesten Newcomern wie XXXTentacion und Lil Uzi Vert sind Depressionen nicht nur Randthemen, sondern der Fixpunkt ihrer Kunst.

Sie sind junge Antihelden mit Face-Tattoos, sie haben Millionen von Streams, fanatische Fan-Gemeinden – und sie erfinden Trap gerade neu. Gucci Mane, Waka Flocka und Konsorten haben Rap zwar formal und technisch grunderneuert, blieben thematisch aber oft den alten Gangsterrap-Themen treu: Kriminalität, Love-Stories und, allem voran, exorbitanter Hedonismus. Ganz anders die neue Generation: Natürlich sind sie Champagner und Nobelkarossen nicht abgeneigt, aber ihre Texte drehen sich um andere Themen – Depression, Todessehnsucht und Nihilismus.

Sie thematisieren die sozialen Probleme in den Nachbarschaften, in denen sie aufwachsen mussten. Und sie zeigen auf, wie Perspektivlosigkeit, omnipräsente Pornographie und massive Gewalt in den Städten und Vorstädten ganze Generationen abstumpfen lassen. Viele betäuben ihren Schmerz mit Drogen. Neben Kodein, der Mode-Droge des Trap-Movements, wird vermehrt der Konsum von Medikamenten, meist Schmerzmitteln, thematisiert. Einmal mehr ist HipHop der Spiegel der amerikanischen Gesellschaft, in der der Medikamenten-Missbrauch derzeit beinahe Züge einer Epidemie angenommen hat.

Traurige Berühmtheit und mediale Aufmerksamkeit erfuhr das Movement seit dem Tod von Lil Peep, der an einer Überdosis Xanax in Kombination mit Fentanyl ums Leben kam. Dieser Fall zeigte auf, wie stark die Grenzen zwischen Realität und Rapper-Image zu verwischen beginnen. An Faszination und Erfolg haben seine Brüder im Geiste nicht eingebüsst. Auch in Deutschland springen erste Künstler wie Sierra Kidd und sein Camp auf den Zug auf.

Wie sieht die Lage in der Schweiz aus? Ist es nur eine Frage der Zeit, bis ähnliche Künstler die Bühnen des Landes betreten? Auf den ersten Blick sprechen gesellschaftliche Realitäten und die Mentalität der heimischen Rap-Szene dagegen. Die Schweiz ist nicht Amerika. Sicherlich gibt es auch hier Leute, die von verschreibungspflichtigen Medikamenten abhängig sind, aber ein massives Suchtproblem wie in den USA gibt es schlicht und einfach nicht. Dazu kommt, dass der Sozialstaat deutlich besser ausgebaut ist: Jugendliche erhalten kostenlose Bildung, haben die Möglichkeit, sozial aufzusteigen und sie sind sozial besser abgesichert als in den USA. Wer seinen Job verliert, findet sich nicht innerhalb weniger Tage auf der Strasse wieder. Die Schweiz wird nicht von Donald Trump regiert, sondern von Menschen wie Johann Schneider-Ammann.

Dazu kommt, dass die Schweizer Rapszene in Bezug auf Rauschmittel sehr konservativ eingestellt ist: Klar mischt der eine oder andere gerne Hustensaft in sein Sprite, im Grossen und Ganzen ist Schweizer Rap aber auf Gras hängengeblieben. An Jams und auf Konzerten werden so keine Anreize zum Medikamentenmissbrauch geschaffen.

Andererseits sind Depressionen, Drogen und Suizid selbstverständlich kein ur-amerikanisches Problem. Die Schweiz hat im europäischen Vergleich eine überdurchschnittlich hohe Selbstmordrate. Depressive Störungen tangieren jedes Jahr schätzungsweise sieben Prozent der Bevölkerung. Soziale Ungerechtigkeit, steigender Leistungsdruck und der überbordende Überfluss unserer Konsumgesellschaft setzen vielen Menschen zu. Und auch wenn die Schweiz kein Medikamentenproblem im amerikanischen Ausmass hat, so sind Drogen und Rauschmittel nicht nur in der Kokain-Welthauptstadt Zürich – nirgendwo ist der Verbrauch pro Kopf so hoch – ein beliebtes Produkt. Dazu kommt, dass Depressionen psychische Krankheiten sind, die nicht nur durch Einflüsse von aussen entstehen.

Es wäre also überheblich und Augenwischerei, zu schreiben, dass Depressionen in der Schweiz kein Problem seien. So wäre es auch wünschenswert, dass Musiker den Mut entwickeln, solche heiklen Themen anzusprechen und in ihrer Kunst zu verarbeiten. So können sie Tabus brechen und eine gesellschaftliche Debatte antreten.

Bei aller Tragik bietet das neue Movement durchaus Chancen für Veränderungen in Rap als Musikrichtung und HipHop als Kultur. Da wäre zum Beispiel diese Sache mit guten Lovesongs: Songs über Liebe, Trennung und Herzschmerz haben eine lange Tradition im HipHop, aber die Suche nach guten, authentischen Gefühlswiedergaben gestaltet sich oft als die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Viel zu viele Rapper packen den einen oder anderen Lovesong «für die Ladies» auf die Platte, befinden sich aber auf der nächsten Anspielstation bereits wieder im Club, wo sie Hennessy sippen und «bad bitches» von der Stange holen – real ist etwas anderes. Ein erfreuendes Kontrastprogramm bieten Alben wie «17» von XXXTentacion, die Schmerz und Kummer als Lebensgefühl einfangen und in jedem Song spürbar machen.

Eine andere spannende Entwicklung, die die neue Generation verfolgt, ist ein neuer, unverkrampfter Umgang mit Beatmaking und Recording. Die meisten Protagonisten sind «indie by heart», wurden auf SoundCloud gross und bringen ihren Sound via Streamingdienste an die Leute. Dabei geniessen sie grosse Freiheiten bei der Wahl des Sounddesigns – und sie leben sie aus. Viele Songs wirken unfertig, skizzenhaft. Die Beats sind teilweise nicht abgemischt oder werden bewusst schräg in Szene gesetzt. In Zeiten, in denen auf Hochglanz getrimmte Produktionen als selbstverständlich hingenommen werden, ist das eine erfrischende Abwechslung, weil es einen stärkeren Fokus auf das Handwerk von Producern und Beatmakern legt. Und auch hier gilt: Ob abgemischt oder nicht – ein Hit ist ein Hit ist ein Hit.

In der Schweiz gibt es bereits einige Künstler, die die neuen Einflüsse auf dem Schirm haben und mit viel Raffinesse und Intelligenz einsetzen. An erster Stelle sollte man die Jungs von Babylon Music erwähnen, doch auch etabliertere Künstler wie Pronto oder Monet192 scheinen gut hingehört zu haben. Ob der Markt hier auch bald mit face-tätowierten Künstlern geflutet wird, wird die Zeit zeigen. Wichtig bleibt aber, dass man sich solchen Einflüssen nicht aus Prinzip verschliesst. Show some love.

Text: Luca Thoma