Unerschrocken, ausgeflippt und wortgewandt – drei von tausend möglichen Begriffen, mit denen man den Steckbrief des künstlerischen Wesens KT Gorique füllen könnte. Lernt man ihre Musik einmal näher kennen, wird einem instinktiv klar, wieso sie sich für ihren Rap-Alias «KT Gorique» entschieden haben könnte.

Das junge Energiebündel, das in der fernen Elfenbeinküste geboren wurde und seit vielen Jahren in der Kleinstadt Sion beheimatet ist, lässt sich «kategorisch» in keine einzige denkbare Künstler-«Kategorie» eingliedern. Sie gewährt uns im folgenden Auszug der Juni-Ausgabe des LYRICS-Magazins Einblick zu den Hintergründen ihres neuen Mixtapes «Kunta Kita», welches ein ganz besonderes Stadium ihrer künstlerischen Entwicklung markiert.

Vier Jahre ist es her, seit der Film «Brooklyn» des französischen Regisseurs Pascal Tessaud in der offiziellen Auswahl des berühmten Filmfestivals von Cannes stand. Hauptdarstellerin des Streifens war KT Gorique, eine junge Rapperin aus der Westschweiz. Ja: Rapperin, nicht Schauspielerin. Vor der Kamera stehen gehört zu ihren Hobbies, Rap hat KT Gorique jedoch im Blut. Unzählige Freestyle-Videos auf YouTube beweisen, dass sie nicht erst seit gestern Worte in rhythmischer Reihenfolge auf Beats zu brettern weiss. Auf KT Goriques langer Trefferliste auf YouTube ist seit vergangenem Januar auch ein Video vom SRF Virus Bounce Cypher prominent vertreten. In ihrem Cypher-Part, der von der Deutschschweizer Community geachtet wurde wie kaum ein Part eines Artists aus der Romandie zuvor, offenbart KT Gorique ihre vielfältige Art zu rappen. Am Anfang hämmert sie Worte mit Hochfrequenz auf einen klassischen HipHop-Beat, smooth flowt sie danach weiter über den Beat von Rich The Kids «New Freezer» bis hin zu einem typischen Reggae-Roots-Instrumental. Einflüsse aus zahlreichen Musikrichtungen prägen KT Goriques Musik und doch ändert dies nichts an der einen Tatsache: Dass ihre Songs «Real-HipHop» sind.

Ist Rap für dich mittlerweile zum Full-Time-Job geworden?
So ist es. Ich beschäftige mich heutzutage hauptsächlich mit meiner Musik. Doch ich hebe mir oft auch ein wenig Zeit für andere künstlerische Aktivitäten auf. Nebst dem Rappen und Freestylen befasse ich mich noch immer gerne mit Schreiben, Tanzen, Singen und dem Schauspiel.

Tatsächlich bist du nicht nur für dein Talent zu Rappen bekannt. Nebst dem Titel als weltbeste Freestylerin, den du 2012 an der «EOW World» in New York ergattert hast, warst du auch Hauptdarstellerin in einem Film, der in Paris gedreht wurde. Offenbar bist du als Künstlerin schon viel herumgekommen. Glaubst du mir, wenn ich sage, dass man den «international vibe» aus deinen Texten herausspüren kann?
Durchaus! Als ich elf Jahre alt war, sind meine Eltern aus der Elfenbeinküste fort- und in die Schweiz gezogen. Ich stamme aus einer «gemischten Familie», meine Mutter ist schwarz und mein Vater weiss. Durch meine Kindheit in Afrika und meine spätere Zeit in der Schweiz hatte ich das Glück, beide Hemisphären der Erde kennenzulernen. Ich habe die zahlreichen Kontraste zwischen Nord und Süd am eigenen Leib miterlebt, was mich sehr geprägt hat. Diese Erfahrungen versuche ich stets in meine Texte miteinfliessen zu lassen.

Du lebst seit deiner Ankunft in der Schweiz im ländlichen Wallis. Werden dir die Alpentäler der Südwestschweiz nicht etwas zu eng, um dich künstlerisch weiter entfalten zu können?
Bereits seit langer Zeit bin ich mir im Klaren darüber, dass ich meine künstlerische Energie nicht unbedingt aus meiner Umgebung zu ziehen brauche. Ich bevorzuge es, von meiner inneren Kraft zu zehren, die mir viel mehr gibt. Im Wallis ist zwar nicht die Hölle los, aber es genügt mir, weil ich zufrieden mit mir selber bin. Diese Selbstzufriedenheit gibt mir Kraft und Sicherheit. Dadurch verliert der Umstand, wo ich mich gerade befinde, an Gewicht. Ob es nun ein kleines Dorf im Wallis oder grosse Städte wie Brooklyn und Paris sind, ist nicht von Bedeutung. Hier im Wallis habe ich Familie und Freunde, da macht es für mich einfach Sinn, hier zu bleiben. Ausserdem gibt es heute für Künstler sowieso unzählige Mittel, um sich miteinander zu vernetzen. Geografische Standorte spielen für künstlerischen Austausch eine immer geringere Rolle. Ich selbst tausche mich ständig über das Internet mit anderen Menschen aus und informiere mich über diverse digitale Plattformen über die Rap-Szene.

Was genau hält dich denn im Wallis?
Oft begegnen mir Leute von ausserhalb, die das Wallis völlig anders betrachten, als es in der Tat ist. Klar gibt es Kantone, die mehr Output in Form von zeitgenössischer Musik liefern als das Wallis. Hier passiert vergleichsweise eher wenig, das stimmt. Trotzdem haben wir besonders in Sion, meinem Wohnort, eine grosse junge Gemeinde, die sich kulturell stark engagiert. Es gibt hier viele Leute, die sich für HipHop interessieren, die auch selber Musik produzieren und einen offenen Geist für neue Einflüsse haben.

In der Deutschschweiz hast du mit deinem Cypher-Part bei SRF Virus am Anfang des Jahres viel Aufmerksamkeit erregt. Was bedeutet dir die Tatsache, dass sich nun auch viele Leute auf der anderen Seite des Röstigrabens für deine Musik interessieren?
Das ist einfach wunderbar! Das macht mir unglaublich grosse Freude. Seit 2012 trage ich meine Musik mehr und mehr nach aussen. Ich habe Konzerte in der Romandie, Frankreich, Kanada und in Afrika veranstaltet und stets ein super Publikum angetroffen. Doch es hat mich immer etwas frustriert, dass ein Grossteil der HipHop-Community im Land, in dem ich wohne, noch nie etwas von mir gehört hat. Eigentlich sollte es doch selbstverständlich sein, dass jede Person in der Schweiz Zugang zu meiner Musik hat und ihn auch finden kann. Das war bisher nicht der Fall. Ich habe in der Einladung von SRF Virus sogleich eine riesige Chance für mich gesehen und habe mich sehr intensiv darauf vorbereitet. Super, dass sich der Aufwand gelohnt hat.

 

In den Liedern deiner vergangenen Werke hast du dich oft als «couteau suisse» bezeichnet, in deinem neusten Mixtape trittst du hingegen als «Kunta Kita» auf. Was steckt hinter diesen zwei Pseudonymen?
Die zwei Bezeichnungen stehen für unterschiedliche Dinge. «Couteau suisse» ist ein Übername, den mir die Leute aufgrund meiner vielfältigen künstlerischen Ausdrucksweise gegeben haben. Ich tanze seit meinem vierten Lebensjahr. Ich verfasse Geschichten und Gedichte, seit ich denken kann. Ich bin eine Rapperin, die gerne mal auf Freestyle-Contests auftritt und sich nebenbei noch als Schauspielerin versucht. Genau wie das Schweizer Taschenmesser habe ich eine Menge Tricks auf Lager. Mein musikalisches Alter-Ego hingegen heisst Kunta Kita. Sie ist schon lange Teil meines eigenen künstlerischen Universums, jetzt stelle ich sie offiziell in meinem neuen Mixtape vor. Das Bild, das ich von Kunta Kita vermitteln möchte, ist das einer Person, die sehr stark ist. Sie ist eine Kriegerin, die sich von niemandem Furcht einjagen lässt, sagt was sie denkt und sich von niemandem etwas vorschreiben lässt. Jemand, der sinnbildlich Feuer speien kann wie ein Drache.

Weshalb ist gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, um Kunta Kita der Öffentlichkeit zu offenbaren?
Die Entscheidung dazu ist dem natürlichen Wandel entsprungen, den ich als Künstlerin und als Person in der Zeit zwischen meinem ersten Album und dem neuen Mixtape durchlaufen habe. In dieser Zeit habe ich unter anderem gelernt, die bedrückenden Gefühle zu verarbeiten, von denen ich während der Produktion meines ersten Albums noch einige mit mir herumgetragen habe. In mir ist eine positive und kämpferische Einstellung gewachsen, die es mir möglich gemacht hat, mich von schwierigen Dingen zu distanzieren und nicht ewig darüber nachzugrübeln. Diese neu gewonnene Energie wollte ich unbedingt in Form von Kunta Kita mit anderen Menschen teilen.

Somit war es eine Art kriegerischer Kampfeswille, der dich zu der Arbeit an einem neuen Mixtape bewegt hat.
So könnte man es sagen. Die Kraft des Kampfes an sich hat mich zum Schreiben meiner Texte inspiriert. Ich bewundere jeden Menschen, der die Kraft hat, sich zu wehren und für seine Überzeugung zu kämpfen. Geschichten von Farbigen, die sich gegen Rassendiskriminierung auflehnen oder von Frauen, die sich für die Rechte ihres Geschlechts einsetzen, haben mich inspiriert. Indem ich von dieser Kraft erzähle, sie vielleicht sogar auf meine Zuhörer übertragen kann, fühle ich mich nützlich. Das gibt meiner Musik einen Sinn. Jeder soll wissen, dass es sich lohnt, sich selbst zu sein und dafür einzustehen.

Du hast vorhin die persönliche Entwicklung angesprochen, die du als Person und Künstlerin durchlebt hast. In deinem neuen Mixtape sind mir ausserordentlich viele Passagen aufgefallen, in welchen du in kritischer Manier vom System sprichst. Bedeutet das, dass sich deine Einstellung zur Gesellschaft ebenfalls geändert hat?
Ich bin überzeugt davon, dass nichts und niemand an einem Tag genau dasselbe oder derselbe ist wie am nächsten. Diese Überzeugung beruhigt mich und ist unter anderem der Grund, wieso ich so selbstsicher und zufrieden mit mir selber sein kann. Änderungen sind nichts Beängstigendes, sie gehören zum Lauf der Dinge dazu. Gewiss hat sich auch meine Sicht auf das System geändert, das unsere Gesellschaft im Griff hat. Ich habe bereits in der Vergangenheit in meinen Texten vom System und der Gesellschaft gesprochen. Doch ich war damals noch auf Konfrontation aus, wollte eine pessimistische Sichtweise mit den Leuten teilen und damit zwanghaft Veränderung bezwecken. Heute verstehe ich, dass es gewisse Regeln gibt, die ich nicht ändern kann. Heute hat meine Systemkritik eine ganz andere Form. Ich vermittle Kritik nicht mehr impulsiv und aus dem Affekt heraus, sondern denke über die jeweilige Entwicklung zuerst nach und lasse den Gedanken in mir reifen. Ich habe gelernt, dass ich mit dieser Vorgehensweise mir selbst und den Leuten, die mir zuhören, mehr helfen kann als mit überstürzter Kritik an Dingen, die ich noch nicht einmal ganz verstanden habe.

Bild: Jérémie Carron

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