Es ist das, worauf die Schweiz gewartet hat – oder auch nicht. Mia Madisson, ihres Zeichens Bachelor-Kandidatin, Ex-Exil-Cool-Kid und endlich auch D-Promi, veröffentlicht mit «SINNER» ihre erste Single und macht das, was sie so gut kann und so gerne macht: Provokation.

Die Reaktionen auf «SINNER» sind genauso heftig und zahlreich wie man sie erwartet hat. Das eigentlich ziemlich starke Musikvideo, realisiert durch AtlazFilms, präsentiert eine stolze 80%-Dislike-Quote auf YouTube und wird bombardiert mit äusserst konstruktiver Kritik wie «wääää…. ohrekrebs», «bin nur für ein dislike hier» oder «Gahn mal wieder Go schwänz lutsche». Wirkliche musikalische Kritik ist neben dem üblichen Oh-Gott-so-viel-Autotune-Hate nicht zu finden. Die Kommentarspalte zeigt lediglich, dass die selben Individuen, die sich bisher in den Kommentarspalten diverser Boulevardblätter herumtrieben, nun auch den Sprung auf YouTube geschafft haben.

Musikalisch ist «SINNER» nicht überragend, aber längst nicht so schlecht, wie die öffentliche Reaktion implizieren würde. Der harte, treibende Beat, produziert von Ikara, würde im Fall, dass sich jemand anders daran versuchen würde, direkt als Banger abgestempelt werden. Mia ist konstant ein wenig neben dem Beat, jedoch nicht so konstant, wie es beispielsweise Kodak Black zu machen pflegt, deshalb wohl auch kein Stilmittel. Generell wirken die Vocals ziemlich verkrampft und die Flowvariationen scheinen gesucht.

Aber was soll man auch anderes erwarten? Mia Madisson gehört zum raptechnischen Laientum der Schweiz und es wäre beeindruckend, wenn sich das bereits mit der ersten Single ändern würde. Ausserdem ist die Hook ziemlich gut und klingt irgendwie wie ein verzerrtes Mitte-2000er-Trash-EDM-Sample mit einem modernen Spin in die Trap-Sphäre. Was man ihr jedoch nicht absprechen kann, ist die Fähigkeit, ihre Person in die Öffentlichkeit zu rücken. Mia leistet mit «SINNER» gute PR-Arbeit, ihr öffentliches Auftreten ist ihr Kapital und dieser Artikel ist der Beweis dafür. Denn trotz einiger «Angry Reacts» auf Facebook und wahrscheinlich auch einigen bösen Kommentaren ist Mia Madisson das, womit der sensationsgeile Mensch, der sich äusserst gerne aufregt, beschallt werden will.

Der Schweizer HipHop-Landschaft fehlt es an polarisierenden Persönlichkeiten und es ist eine erfrischende Abwechslung, dass ein Diskurs gestartet durch jemanden wie Mia Madisson wird. Es wäre nur noch wünschenswert, dass der Diskurs auch ins Musikalische übergeht.