Vor zehn Jahren, ich war damals 13, habe ich von meinem Vater ein Bushido-Verbot ausgeprochen bekommen. Die Stimme eines Verbrechers dürfe nicht durch unser friedliches Familienheim schallen. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte eine für mich damals eigentlich harmlose Battle-Rap-Zeile: «und weil du eine Pussy bist Sido – geht keiner zweimal Gold, nur Bushido». Nie hätte ich gedacht, dass mich jener Konflikt zehn Jahre später noch immer begleitet. Der Grund ist wohl, dass Sido und Bushido in diesen letzten Jahren zusammengezählt noch 32 Goldplatten mehr abstaubten und auch hier in der Schweiz mit vielen weiteren Rappern die von mir gefeierte Kunst aus meinem Kinderzimmer in die Gehörgänge einer ganzen Generation transportierten. Deswegen ist dieser Konflikt nicht nur ein Vater-Sohn-Konflikt, sondern wird darüber hinaus zwischen Rap und der Gesellschaft ausgetragen.

Die Dynamik wiederholt sich: Jugendkulturen rebellieren und polarisieren – bis manche zu Popkulturen wachsen, und in der Mehrheitsgesellschaft generationenübergreifend akzeptiert, ja gar gefeiert werden. Doch so weit ist es mit dem HipHop noch nicht: Obwohl er seit bald zwanzig Jahren ein essentieller Teil der Musikindustrie, grosser Player im Showbusiness und Sprachrohr einer Generation ist, stösst er nach wie vor auf Empörung und Unverständnis. Die Debatten um Wirkung, Darstellung und Kunstfrei­heit von Rap werden hitziger geführt denn je.

Lucy in the Sky with Diamonds

Die Popkultur wurde mit den Beatles geboren. Wenige Menschen schieben John Lennon, Paul McCartney, Ringo Starr und George Harrison heute noch jugendgefährdende Absichten in jene Schuhe, mit denen sie einst über den berühmtesten Fussgängerstreifen der Welt gelaufen sind. Ihr Vermächtnis wird auf Händen getragen und in Schul­büchern gelehrt. Doch vor einigen Jahrzehnten haben sie angeeckt, schockiert und polarisiert. Politiker und Eltern kamen damit nicht klar: Plötzlich spielten die Hormone von Millionen Frauen verrückt. Und nein, jene Frauen tanzten noch nicht in Beatles-YouTube-Videos auf schwarzgetönten Range Rovers, hiessen die vier Pilzköpfe aber am Flughafen mit nackten, ausgestreckten Brüsten willkommen. Das Groupietum, das Elvis Presley heraufbeschworen hatte, nahm bei den Beatles ein neues Ausmass an – als Auflehnung gegen die Eltern und das weit verbreitete konservative Gedankengut.

Die Band formte mit ihrem unkonventionellen Auftreten den Mindset vieler junger Menschen. The Beatles verkörperten den Wandel einer Generation. Es ging sogar so weit, dass John Lennon öffentlich meinte, für die Jugend einflussreicher als Jesus zu sein. Der Papst hat John Lennon die Aussage erst vierzig Jahre später in der Vatikanzeitung «Osservatore Romano» auf fünf Seiten verziehen. Diese Vergebung hat den Aktivisten, Revoluzzer und Musiker wohl nie erreicht, seit seiner Ermordung 1980 darf er bis in die Ewigkeit mit Lucy im Himmel – getragen von sinnenerweiternden Substanzen – auf Harfen klimpern. Apropros Drogen: In dem wohl ersten Konzeptalbum der Musikgeschichte, «Sgt. Pepper Lonely Hearts Club Band», schlüpften die Beatles in die Rolle eines psychedelischen Kunstorchesters, wobei Lysergsäurediäthylamid, umgangssprachlich LSD, wohl entscheidend Inspiration lieferte. Steht der Songtitel «Lucy In The Sky With Diamonds» für LSD? Wird der Konsum damit glorifziert? Eine weitere Debatte war geboren.

State of Mind

Ich schreibe von Lucy im Himmel und der Lucy auf dem Fluhafen-Gate, weil die vorliegende LYRICS-Sonderausgabe beinahe identische Debatten aufgreift. Lucy ist noch immer hier. Heute ist es nicht nur eine Band, sondern ein ganzes Genre. Was die Beatles vor fünfzig Jahren repräsentierten, verkörpert heute HipHop: Den State Of Mind mehrer Generationen. HipHop ist die einflussreichste Popkultur, ein Kassenschlager der Unterhaltungsindustrie, das wachstumsstärkste Musikgenre und somit das Brot für Daniel Ek und Martin Lorentzon, die Gründer des Streaming-Dienstes Spotify. HipHop ist mittlerweile aber auch der Paparazzo für Promimagazine, der Schneider für die Fashion-Show in Las Vegas, der Soundtrack für die nächste Netflix-Serie, die Tanz-Choreographie an der Schulaufführung, das Banksy-Gemälde im Museum, die zweite Strophe auf der neuen Taylor-Swift-Single, die Herausforderung für Sprachforscher – und aufgrund dieser Omnipräsenz auch der Auslöser von Debatten.

So ist HipHop vielleicht auch der Grund, weshalb junge Menschen einer glitzernden Rolex nacheifern, Frauen als Statussymbole werten und pharmazeutischer Hustensaft Hirnrinden vieler Jugendlicher verklebt. Die Parallelen zu den Beatles sind einfach zu finden: Auch dem HipHop werden Sexismus, schlechter Einfluss auf die Jugend, Drogenverherrlichung und unsensibler Umgang mit Religionen, besonders mit dem Judentum, vorgeworfen.

Zehn nach Amerika

Bereits vor fünfzehn Jahren war HipHop in Amerika Mainstream und hat sich dort mit der Zeit als Marktführer im Musikbusiness etabliert. Auf der ganzen Welt singen Junge euphorisch zu 50 Cents «Candyshop», der Oralsex-Hymne schlechthin. Eine – Augenzwinker – metaphorische Meisterleistung. Aber sie ist – zumindest halbwegs – akzeptiert. Aus diesem Grund sind die HipHopper von damals heute erfolgreiche Geschäftsmänner der Unterhaltungsbranche. P. Diddy, Jay-Z, Dr. Dre und wie sie alle heissen haben HipHop zum Mainstream gemacht.

In Amerika hat man deshalb ein fortgeschritteneres Verständnis für dieses Genre. Auch dort diskutiert man über die Drogentoten und den Sexismus – doch die Herangehensweise beginnt auf einer anderen Ebene. Hierzulande ist man sich der Relevanz und der Bedeutung von Rap, der in verschiedenste Lebensbereiche eindringt, noch nicht wirklich bewusst. Statistisch gesehen hinkt HipHop in der Schweiz immer rund fünf bis zehn Jahren dem ameri­kanischen Vorbild hinterher. Genau deswegen werden hier Rapper in Tageszeitungen noch immer als «Gangster» betitelt und schnell ein ganzes Genre verteufelt. Gleichzeitig rutschen Rapper vermehrt in Extreme ab und bedienen sich absichtlich dem Anstössigen – der Erfolg gebe ihnen schliesslich recht. Wo die Grenzen der Kunstfreiheit liegen, bleibt dabei unklar.

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