Der Fall A$AP Rocky ist nur der neueste Vorfall in einer schier endlosen Geschichte von verblendetem Urteilsvermögen im HipHop-Kosmos.

Was waren das nur wieder für Tage: A$AP Rocky, der gemeinsam mit seinen 2-Meter-Bodyguards einen – zugegeben ziemlich mühsamen und aufdringlichen – schwedischen Teenager aufs Übelste verprügelt hat, gerät in Stockholm in Untersuchungshaft.

Schön, könnte man sich sagen, dass niemand über dem Gesetz steht. Manche US-Rapstars, so scheint es bisweilen, leben in einer völlig eigenen Welt, die nicht mehr viel mit dem Alltagsleben normaler Menschen zu tun hat. Sie konsumieren Drogen, die verboten sind, hantieren mit Waffen, die verboten sind, und jetten so oft durch die Welt, dass sie nicht mehr wissen, ob sie nun in Switzerland oder Sweden sind. Sie leben das High Life, fühlen sich unantastbar.

Nur dieses grössenwahnsinnige Selbstbild erklärt, wie A$AP auf die Idee kommen konnte, diesen Teenager, der ihn – halb Fan, halb Troll – eine gefühlte Ewigkeit verfolgt hat, mal so richtig zu vermöbeln. Nun hat ihn das «Real Life» eingeholt: Gewalt führt zu Strafverfolgung. Ob die Untersuchungshaft gerechtfertigt war oder nicht, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Jetzt ist er wieder draussen, alles in Butter.

So weit, so logisch. Doch was erstaunte, waren die Reaktionen aus Übersee, aus Deutschland, aus der Schweiz. «Free A$AP» wurde zum Schlachtruf, Donald Trump schaltete sich persönlich ein, Ami-Künstler boykottierten Schweden als Auftrittsort – man konnte meinen, A$AP Rocky wäre Nelson Mandela höchstpersönlich oder ein kritischer Dissident in einer autokratischen Diktatur.

Irgendwie verblendet: Menschen, die sich nicht mal trauen würden, am Kiosk einen Kaugummi zu klauen, verteidigen A$AP Rocky. Warum? Weil HipHop für sie ein Movie ist: das Gangster- und Bad-Boy-Image, egal ob in Songtexten oder, wie im Fall A$AP, im echten Leben, ist für sie grosses Kino, aber weit weg vom eigenen Alltag.

Man könnte meinen, für manche Menschen ist das Leben wie die Netflix-Serie «Stranger Things» und HipHop eine Art Paralleluniversum, in dem ganz selbstverständlich geprügelt und geshootet wird, in dem Frauen auf ihre Sexualität reduziert werden, in dem derjenige entscheidet, der Geld hat. Doch dem ist nicht so: HipHop ist «Real Life». HipHop findet im selben Universum statt. Rapper atmen dieselbe Luft wie wir, Rapper kochen auch mit Wasser – und Rapper leben genauso in einem Rechtsstaat wie wir.

Das Rocky-Beispiel ist bei Weitem nicht der einzige Fall, bei dem Wahrnehmung und Realität exorbitant auseinanderklaffen. Auch hier in der Schweiz muss sich die Szene etwa beim Fall Besko an die eigene Nase fassen. «Free Besko»? Der Typ hat Straftaten begangen, die nicht OK sind, er war und ist nicht Mutter Theresa.

Ein anderes, populäres Beispiel sind Bushido und der Polizeischutz. Klar ist der Furor insofern verständlich, als dass Bushido selbst jahrelang einen auf Staatsfeind und Gangsta gemacht hat und selbst vor Kontakten ins kriminelle Milieu nicht zurückgeschreckt ist. Aber ist es nicht auch irgendwie verständlich, dass man sich Polizeischutz holt, wenn die eigene Familie bedroht ist? Ich persönlich würde wohl dasselbe tun.

Doch es ist nicht alles schwarz und weiss: der Fall Loredana zeigt auch, dass die HipHop-Community nicht alles durchgehen lässt. Der ganze Betrugsskandal wird ihr auf keinen Fall zum Vorteil gereichen.

Das ist die richtige Richtung: Gangsterrap feiern, Texte mitrappen – aber nie vergessen, was Image und was Realität ist. Wacht auf, niemand steht über dem Gesetz – und das ist gut so.