Fast fünf Jahre nach «Stepp usem Reservat» wagt sich Stereo Luchs erneut aus seinem Bau und sprengt mit «LINCE» nicht nur sprachliche Grenzen. Die neue Platte bewegt sich in seinem ganz eigenen Genre zwischen Rap, Dancehall und Trap und begeistert so HipHop- und Reggae-Heads.  Der Friesenberger trifft den nackten Nerv unserer Ära und rundet sein Album mit «Ziitreis» ab, einer Ode an den Zahn der Zeit.

Verse 1:

D’Summer werded chürzer und Kater hebed länger ane.
D’ Jungs mached Nachwuchs, studiered Babyname,
Schiebed Chinderwage, andri ladet Tinder abe.
Ich mach mis Ding – hol es Guinness usem Inderlade;
D Stadt isch glich, nume d Hüser sind höcher worde,
Us Bsetzer-WGs wird Schöner Wohne.
Brochni Herze im Gepäck, d’Rucksäck grösser worde;
Erinnerige fülled d’Chiste ufem Estrichbode.

Pre-Hook:

Die erste Küss und Güffs sind scho chli länger her, scho chli länger her, ey
Aber d’Süessi gspeicheret für immer, s’cha der keine näh.

Hook:

Und ich weiss, s’git au keis Ding namens Ziitreis, oh gosh ey
Ich denke gern zrugg, würdi nöd welle, s isch no zfrüeh, zum nume no vo früener z’verzelle.
Und ich weiss, s’git au keis Ding namens Ziitreis, oh gosh ey
Ich denke gern zrugg, würdi nöd welle, s git da gnueg z’mache, zum dänn spöter verzelle.

Verse 2:

Trülle s Tape zrugg zude Spange am Zah,
Zu de Brief underem Bank ad Sandchaste-Love;
Zum Paffe nach de Klass, vier Franke es Pack.
Chum mitem 32er abe id Stadt, yeah.
D Wält isch eus, damals Standard-Programm,
Jetz leeri es Glas us, will paar sind scho gange vo da,
Ich bin no ume, gibe Danke für das.
Und wenni heichum mit de Sunne, denn werdeds halt es paar Dafalgan.

Pre-Hook/Hook

Bridge:

Und mir händ vieles gseh, aber s wartet no vieles meh,
S langt vilicht ned zum Millionär, aber immerno bis as Meer.

Pre-Hook/Hook

Outro:

Und ich weiss,
S git au keis Ding, nei nei.
Und ich weiss.

 

Anmerkungen:

D’Summer werded chürzer und Kater hebed länger ane:

Stereo Luchs eröffnet seine Hymne an den unaufhaltsamen Alterungsprozess mit der Feststellung, dass mit jedem Geburtstag das Jahr kürzer zu werden scheint und mit jedem Trinkgelage der morgendliche Gruss des Körpers in Form von Kopfschmerzen stärker wird.

D’Jungs mached Nachwuchs, studiered Babyname, schiebed Chinderwage, Andri ladet Tinder abe. Ich mach mis Ding – hol es Guinness usem Inderlade:

Die Friesenberger Mittdreissiger widmen sich der Familiengründung, die Parks wandeln in ihrer Bedeutung von Freundestreffpunkt mit Bier und Billigwein zur Flucht vom Wickeltisch und Spaziergangs-Gelegenheit. Wem die Nachwuchszeugung noch verwehrt blieb, der sucht die ewige Liebe (oder zumindest One-Night-Stands) im Nach-Rechts-Wischen. Stereo Luchs zeigt sich von Veränderungen unbeirrt, macht, was er immer gemacht hat und geht auf Pirsch in der Langstrasse, mit irischem Bier aus einem der 24-Stunden-Shops.

Us Bsetzer-WGs wird Schöner Wohne:

Kritik an der Gentrifizierung gewisser Stadtteile Zürichs, allen voran der Quartiere Wiedikon-Friesenberg und die Langstrasse. Durch den steigenden Trendstatus der Quartiere sind Mieten in die Höhe geschnellt, alte, teils besetzte Häuser werden renoviert, Gastronomieketten machen sich breit und vertreiben die Kultcafés, Imbissstände und Restaurants. Es gibt einen Zielgruppenwechsel, die Quartiere sollen neues, zahlungskräftigeres Klientel anlocken.

Die erste Küss und Güffs sind scho chli länger her, scho chli länger her, ey, aber d’Süessi gspeicheret für immer, s’cha der keine näh:

Vorab für alle Nicht-Zürcher: Güff – Joints. Und ob Hormon- oder THC-Rausch, alles was bleibt von der guten alten Zeit, sind Stereo Luchs’ Ode an die Vergänglichkeit und die Gefühle, die den Rausch vor dem inneren Auge im Loop laufen lassen.

Und ich weiss, s’git au keis Ding namens Ziitreis, ich denke gern zrugg, würdi ned welle, s isch no zfrüeh, zum nume no vo früener z’verzelle/ s git da gnueg zmache, zum dänn spöter verzelle:

Die Zeitreise als utopische Vorstellung muss vorerst noch in der Zukunft bleiben. Doch auch wenn Stereo Luchs irgendwie die Fähigkeit erlangen würde, in Dr.-Who-Manier im Raum-Zeit-Kontinuum herumzureisen, würde er sie nicht in Anspruch nehmen. Die Doppelfunktion von «zrugg» verbindet die Liebe für das Schwelgen in Nostalgie mit der Ablehnung des Zurückreisens. Denn es gibt zu viel zu tun, zu viel zu erleben, um sich bereits in die Vergangenheit zu wünschen. Das sind Probleme des Zukunfts-Luchs.

vier Franke es Pack:

Anti-Rauch-Kampagnen, sei das nun positiv oder negativ, haben den Preis von Tabakwaren massiv in die Höhe getrieben. Während 1993 der durchschnittliche Preis eines Zigarettenpäckchens noch 3.30 Franken war, beträgt er 2016 8.50 Franken (Quelle: Oberzolldirektion, Sektion Tabak- und Biersteuer).

Chum mitem 32er abe id Stadt:

Die Buslinie 32 durchfährt die Trendkreise 3, 4 und 5 und ist zum Identifikationssymbol der anliegenden Quartiere geworden. Heute markiert die Buslinie genau die Strecke, die am stärksten von der Gentrifizierung Zürichs betroffen ist. Stereo Luchs Fahrt in die Stadt ist bei einem Blick aus dem Fenster nicht mehr die Gleiche. Wo früher kuriose Clubs, zwielichtige Bars und Füdli-Kinos die Szenerie prägten, vermischen sie sich heute mit veganen Restaurants und überteuerten Kleiderläden.

Jetz leeri es Glas us, will paar sind scho gange vo da, ich bin no ume, gibe Danke für das:

Das Trankopfer oder die Libation ist ein alter Brauch, um Verstorbene zu ehren, indem man ein Glas Milch, Honig, Wein oder andere Flüssigkeiten, abhängig von Kultur und Religion, ausleert. Stereo Luchs erinnert mit Verszeile und Trankopfer an diejenigen, die zu früh gegangen sind und bedankt sich dafür, dass nicht andere ein Glas für ihn ausleeren, um ihm die Ehre zu erweisen.

Und wenni heichum mit de Sunne, denn werdeds halt es paar Dafalgan:

Um dem in er Eröffnungszeile bereits beschriebenen Kater nach durchzechter Nacht zu entfliehen, greift Stereo Luchs auf Paracetamol zurück. Wirksamkeit lässt sich nicht leugnen, doch um dennoch eine Alternative zu Medikamenten bieten zu können, empfehle ich als Wundermittel ein Glas des Einlegewassers von Essiggurken, Silberzwiebeln etc.

S langt vilicht ned zum Millionär aber immerno bis as Meer:

Ein Steak für 50 Franken und die halbherzigen Versuche eines Sandstrandes in Seebädern erinnern den Schweizer Normalbürger jeden Tag aufs Neue an zwei Probleme: Masslose Überteuerung und mangelnden Salzwasserzugang. Und wenn sich ersteres Problem nicht mit harter Arbeit oder Euro Millions lösen lässt, so beschränke man sich doch besser auf Letzteres, sitze in ein Auto und fahre in den Süden.