Eminem disste letztes Jahr fast ausnahmslos alle Rapper der frischen Generation und goss damit weiter Öl ins ewig lodernde Feuer «Old- vs. Newschool». Justin Bieber wirft ihm deshalb fehlendes musikalisches Verständnis vor. Was denkt aber ein vermeintlicher Oldschool-Head aus der Schweiz zu den Vorwürfen beiderseits? Wir haben Shape MC um Stellungnahme gebeten.

Letztes Jahr holte Eminem auf seinem Album «Kamikaze» zu einem Szenen-Rundumschlag aus. Es wurden ordentlich Namen genannt: Lil Pump, Lil Yachty, 21 Savage, und so weiter. Eminem gibt unmissverständlich zu verstehen, was er von Mumble-, Cloudrap, Trap und anderen Abkömmlingen der HipHop-Kultur hält. Hier einige der kontroversesten Zeilen aus seinem aktuellsten Projekt:

«Lil Pump, Lil Xan imitate Lil Wayne. I should aim at everybody in the game, pick a name»
– Eminem auf «The Ringer»

«Hatata batata, why don’t we make a bunch of fuckin’ songs about nothin’ and mumble! And fuck it, I’m goin’ for the jugular shit is a circus, you clowns that are comin’ up»
– Eminem gegen Mumble-Rapper auf «Lucky you» ft. Joyner Lucas

«Tyler create nothin’, I see why you called yourself a f***, bitch. It’s not just ’cause you lack attention. It’s because you worship D12’s balls, you’re sack-religious»
– Eminem gegen Tyler the Creator auf «Fall»

Bereits bei Release des Überraschungsalbums «Kamikaze» wurde Eminem von, vor allem jüngeren, Rap-Fans auf Social Media als alter, verbitterter Oldschooler dargestellt. Er komme einfach nicht auf den Erfolg heutiger Trap-Stars klar, lautete damals der Tenor. Jetzt, über acht Monate nach Veröffentlichung, meldet sich Justin Bieber in einer Insta-Story zu Wort. Auch er freut sich nicht über Ems Ansichten. So schreibt er: «I just like Ems flow but don’t like that he’s dissing new rappers. I like the new generation of rap. He just doesn’t understand it.» Justin Bieber, der sich mittlerweile durch Kollaborationen mit Young Thug, Travis Scott, Post Malone, Quavo oder Chance the Rapper auch als Teil der HipHop-Szene ansieht, spricht also Eminem das Verständnis für zeitgenössischen Styles ab.

Auch unter unseren Social Media-Posts beschweren sich immer wieder Rap-Heads über den Werteverfall der neuen Generation. Die Debatte «Old- vs. Newschool» ist auch hierzulande aktuell. Deshalb haben wir Shape, einen gestandenen MC, gebeten Stellung zu der Justin Bieber-Eminem-Beef-Geschichte und den altersbedingten Differenzen Stellung zu nehmen. Warum Shape in die CH-Rap-Hall of Fame gehört, haben wir bereits hier erörtert.
Scratches & Boom-bap-Sound: Shape verkörpert den Begriff «Oldschool»

Was denkst du als Oldschooler über den Rundumschlag von Eminem?

Ich habe nur am Rande mitbekommen, was Eminem da gesagt hat. Hat mich nicht so brennend interessiert. Es ging wohl in die Richtung, dass die Qualität der Newschooler nicht so tight ist. Ich würde mich aber selbst nicht als «Oldschooler» bezeichnen. Diesen Begriff definiere ich wohl anders als ihr.

Woher kommt der Hate aus der älteren Garde?

Trap ist halt sehr einfach gestrickt und oftmals gleichförmig. Wir sind aufgewachsen, als beispielsweise Biten sehr verpönt war. Heute sieht man das nicht mehr so eng. Das läuft meiner Generation etwas gegen den Strich. Heute hört sich vieles ähnlich an und die Reimstruktur ist oft identisch. Auch geht es heute mehr um den Vibe. Das eckt bei vielen aus meiner Generation an.

Blickt man in der Geschichte zurück, wurden Trends bzw. neue Stilrichtungen von den Eltern immer als Schund abgetan. Ist der Hate Eminems deshalb ein natürliches Phänomen?

Naja, Eminem ist für mich kein typischer Oldschooler. Er kommt ja schliesslich aus einer eher jüngeren Generation. 1975 bis 1982, als die Gründerväter von HipHop aktiv waren, würde ich als Oldschool-Generation bezeichnen. Deshalb steckt in der Frage bereits eine totale Fehlbezeichnung. Aber item, ich denke nicht, dass es das gleiche Phänomen ist, wie die alten Leute, welche damals ihre Kinder verflucht haben, weil sie am Woodstock-Festival teilgenommen haben. Grundlos würde sich Eminem sicherlich nicht beschweren. Er ist ein technisch versierter MC, der sich mit der Materie befasst: Wörter, Reimstrukturen und deren Komplexität, Flows. Ich denke, es geht ihm gegen den Strich, wenn er billigen Rap hört, der trotzdem millionenfach geklickt wird. Es ist also Frust, mehr der Anspruch, den er an Rap stellt.

Sind state-of-the-arts-Artists wirklich schlechter oder hat sich lediglich der Zugang zu Musik verschoben?

Das kann ich relativ schlecht beurteilen, da ich nicht den grössten Überblick über aktuelle Artists habe. Es ist aber so, dass Rap Mainstream geworden ist. Rap ist gerade das Ding. Früher wollte jeder Fussballer werden, heute ist Rapper der Traumberuf. Deshalb gibt es auch mehr Artists als früher. Pauschal würde ich aber nicht sagen, dass Rap heute schlechter ist. Schliesslich treten immer wieder neue, talentierte Künstler auf die Bildfläche und das in allen Genres – sei es Conscious-, Battle-Rap oder sonst etwas. Diese tragen auch den künstlerischen Anspruch in sich. Aaaber es gibt natürlich auch viel Bullshit, weil es eben so viele Newcomers gibt.

Viele der Newcomer argumentieren, dass die «Alten» lediglich verbittert seien. Wie klingt diese Anschuldigung in deinen Ohren?

Die Alten sind sicher schon ein bisschen verbittert. Vor 20 Jahren hatte ich in der Szene einen kleinen Hype. Klar ist es dann frustrierend, wenn man miterleben muss, wie Junge grössere Erfolge feiern. Vor allem, wenn du diese früher als deine Schüler betrachtet hast. Das wird aber in zwanzig Jahren genau das gleiche sein mit denen, die heute im Spotlight sind.
Grundsätzlich denke ich nicht, dass böses Blut herrscht. Die meisten sind den Newcomers gegenüber wohlwollend gesinnt, obwohl sie deren Film vielleicht nicht verstehen. HipHop sollte immer noch eine Kultur sein. Früher trafen sich die Generationen an Jams. Die Jungen lernten von den Alten, konnten sich aber auch beweisen. Das geht abhanden, wenn die Szene so gross wird. Trapper gehen eher an ein Frauenfeld, wo sie Party haben, aber die Kultur nicht zelebriert wird. Die «Oldschooler» treffen sich halt nach wie vor an Jams. So lebt sich HipHop auseinander, das ist schade.

Wie würdest du reagieren, wenn Justin Bieber dir vorwerfen würde, die neue Generation nicht zu verstehen?

Also wenn Justin Bieber mir irgendetwas vorwerfen würde, würde ich mich für die gute Promo bedanken (lacht).

Wer sind deine Favoriten aus der neuen Generation?

Vieles von heute ist Sache des Geschmacks. Auto-Tune gefällt mir beispielsweise nicht — aber jeder wie er möchte. Wenn ich jemanden nennen müsste, wäre es Logic. Ich weiss allerdings nicht, ob man diesen noch als Teil der neuen Generation sehen kann. Er vereint Elemente, die ihr wahrscheinlich als Oldschool betiteln würdet, mit moderner Musik. In der Schweiz sehe ich, vor allem lyrisch, Nativ weit vorne. Ein Top-MC, auch wenn er oft noch den Auto-Tune draufhaut. Es gibt in der Schweiz aber viele talentierte Leute.

Was möchtest du den Trap-Kids mit auf den Weg geben?

Macht euer Ding! Schaut, dass ihr die Drogen im Griff habt und nicht die Drogen euch. Das mussten wir vor 20 Jahren auch lernen (lacht). Und wenn ihr euch für Rap interessiert, werft doch auch mal einen Blick zurück in 40 Jahre HipHop. Wenn ein junger MC die ganze Historie von Rap in sich trägt und sie delivered, kann er mich catchen.

Als Abschlussworte lässt sich perfekt Shapes «Min Fründ» zitieren: «HipHop isch das, wo mir sälber drus mache. Mir chönned drus was schlächts oder was guets mache.»