Inmitten einer Rapszene, die sich oft mit Materialismus, Drogen und Sex profiliert, scheint es auf den ersten Blick paradox, gleichzeitig auch Familienmensch und liebender Vater zu sein. Es ist die alte Leier, heikle Inhalte und dessen Einfluss auf Kinder. Aber ein guter Vater kann auch ein guter Rapper sein und vice versa.

Es ist Vatertag. Heute verbringt nicht nur der Vater der schreienden Nachbarskinder besondere Zeit mit dem Nachwuchs, sondern auch dein Lieblingsrapper. Vaterschaft und Rapperdasein scheint von Grund auf kein extrem dynamisches Verhältnis zu sein, deshalb ist es wichtig, aufzuzeigen, dass auch die härtesten Lines von liebevollen Familienvätern stammen können. Wir haben mit XEN, EffE, Maurice Polo und Tommy Vercetti über die Rolle als Vater inmitten eines Rap-Alltags gesprochen.

Erfährst du eine Art Konflikt zwischen Vaterschaft und Rapperdasein? Beispielsweise zwischen der Kunstform, die du deinem Kind näherbringen willst, während du gleichzeitig aber gezwungen bist, Dinge zu erklären (Texte über Sexualität, Gewalt in irgendeiner Form etc.)

XEN: Ich spüre keinen Konflikt, mein Kleiner wird erst zwei Jahre alt. Jetzt versteht er es noch nicht wirklich, er hört zu, tanzt herum, aber er versteht inhaltlich noch nicht viel. Er erkennt einfach mich in den Videos und hat Freude. Aber ich habe ihm auch schon Keyboards gekauft, er ist auch schon ins Studio mitgekommen und wird auch in Zukunft sicherlich viel Zeit dort verbringen, ich würde ihn eigentlich gern auf diese Schiene leiten. Aber einen Konflikt habe ich nicht, er ist noch jung und ich will ihm auch Zeit lassen, bis er selbst auf mich zukommt. Ich will ihm nichts einflössen. Aber ich werde sicher für alles eine gute Erklärung finden. Momentan haben wir einfach beide Freude. Und es ist auch schön für mich zu sehen, dass er das kann, was ich nicht konnte, bereits jetzt im Studio zu sein.

EffE: Nein, ich sehe keinen Konflikt, ich kenne Rap auch aus der Sicht eines Rappers und kann meinen Kidz die Kunstform so umso besser näherbringen.

Tommy Vercetti: Ich denke, bei der Erziehung gibt es ein grundsätzliches Dilemma: lehrst du dein Kind, ein guter und reflektierter Mensch zu sein, der dann sein Leben lang nur mit Hindernissen kämpft, oder machst du es maximal überlebensfähig und damit selbst zu einem Arschloch. Ich habe das auf «Teil vom Syschtem 2» auf der Polarlos EP thematisiert. Ähnlich verhält es sich bei der Musik: Rap stellt vor allem auch soziale Normen in Frage – meine Rolle als Elternteil ist es aber zuerst mal, dem Kind solche Normen beizubringen. Natürlich ist das auch eine Altersfrage: ich empfinde diesen Konflikt praktisch nicht, weil mein Kind noch viel zu jung ist.

Maurice Polo: Nein, ich empfinde keinen Konflikt. Meine Kinder wissen genau um was es geht, wir reden viel innerhalb der Familie, Musik ist da ebenfalls ein grosses Thema. Meine Kinder können sehr gut zwischen Entertainment und Realität unterscheiden.

Setzen elterntypische Verhaltensweisen bereits ein, bspw. dass man dem Kind Inhalte, die „explicit-labeled“ sind, möglichst vorenthaltet? Und warum (nicht)?

XEN: Die ganzen expliziten Dinge versteht er sowieso noch nicht, aber ich merke schon einen Unterschied. Gerade auf dem neuen Album, ich habe das Gefühl, dass sich einiges verändert hat mit der Vaterschaft, die Lyrics sind anständiger geworden. Natürlich ist das nicht nur aufgrund von dem, man wird auch einfach älter im Kopf und reifer, wir sind ja auch bald 30. Man rappt nicht mehr sinnlos, man hat immer ein Thema. Und wenn man flucht, hat es einen Sinn dahinter. Aber die Zeit wird kommen, in der auch er meine alten Dinge hört und dann werde ich mit ihm darüber reden können. Wo ich mir mehr Gedanken mache, ist andere Musik. Vielen Jungen, beispielsweise in der Deutschrap-Szene, geht es nur um Cash. Sie rappen was sie wollen, alles ist ihnen scheissegal. Es ist viel Müll vorhanden im Mindset der jungen Rapper, gerade wenn man beispielsweise Loredana oder Mero anschaut, völlig sinnloser Rap ohne wertvollen Inhalt.

EffE: Ich glaube, den Kinder solche Musik zu verbieten wäre kontraproduktiv für ihre Entwicklung. Ich gebe ihnen Werte mit auf den Weg, erkläre, was gut und was schlecht ist und vertraue, dass wenn es mal soweit ist, sie ihre Grenzen kennen und sie auch erkennen, dass solche Texte bewusst überspitzt und provokativ sind.

Tommy Vercetti: Auch hier: meine Tochter ist sowieso noch zu jung, um irgendwelche Texte zu verstehen. Ich denke aber nicht, dass ich das tun werde. Erstens lernen die Kids die Fluchwörter sowieso auf dem Pausenhof, zweitens finde ich, dass explizite Lyrics zum Rap dazugehören. Ich werde vielleicht schon darauf achten, dass sie nicht zu früh mit Sachen konfrontiert wird, mit denen sie nicht umgehen kann – ich lasse sie ja auch nicht mit 8 einen Horrorfilm schauen. Aber eben, die Kontrolle darüber ist sowieso sehr gering.

Maurice Polo: Ebenfalls nein, ich habe ja zwei grosse Kinder (17 und 13) und 2 kleinere (8 und 5). Musik läuft bei uns jeden Tag im Haushalt, wir sind eine richtige HipHop– und Trap-Familie, wir haben keine Geheimnisse voreinander. Ich habe auch einen gewissen Slang und Jargon, mit welchem meine Kinder aufwachsen, also wenn sie ein «Fuck» oder «Bitch» hören in einem Song, ist das gewissermassen normal für sie. Was aber auch anzumerken ist, wir lernen unseren Kindern immer, sich anständig auszudrücken, die Sprache ist uns sehr wichtig und ein zentrales Thema. Ich gebe den Kindern immer weiter, dass man seinen Slang immer dem Umfeld anpassen muss und man intelligent agieren soll, immer zu wissen, wann was angebracht ist. Rap ist nur der Lifestyle, jeder grosse Rapper ist smart, das lernen wir ihnen. Be smart.

Gibt es in deinem Verhalten oder Auftreten einen Schalter, der zwischen Rapper und Vater wechselt?

XEN: Wenn ich nach Hause komme, versuche ich schon, nicht allzuviel mit meiner Frau über meinen Rapperalltag zu sprechen, damit man das einfach ein wenig trennen kann. Aber gleichzeitig ist es auch unmöglich richtig zu trennen, Musik ist meine Leidenschaft und ein Hobby, das zu einem festen Teil meines Lebens geworden ist. Es gehört zu mir, wenn wir zuhause sind, läuft Musik, machen wir Musik, ich beatboxe oder was auch immer. Musik ist dennoch allgegenwärtig, deshalb gibt es keinen richtigen Schalter. Es vermischt sich schon stark.

EffE: Ja, diesen Schalter gibt es auch, wenn ich arbeite, mit meiner Mutter bin oder sonst Dinge tue, die nichts mit Rap zu tun haben. Könnte ich von der Musik leben, müsste ich den Schalter nicht so oft betätigen, habe aber kein Problem damit. Ich passe mich einfach der Situation an, wie jeder andere auch.

Tommy Vercetti: Naja, ich wüsste jetzt gar nicht, ob ich mich überhaupt manchmal als Rapper verhalte. Klar, man hat verschiedene soziale Rollen, zwischen denen man täglich switcht, aber das geht ja allen so und ist völlig normal: ich spreche und verhalte mich mit meinen Eltern nicht gleich wie mit meinen Jungs.

XEN, wann kommt der obligatorische emotionsgeladene Track über den Nachwuchs?

XEN: Natürlich hat mein Sohn jetzt schon einen grossen Einfluss auf meinem Album. Vater zu sein, regt mich zum Nachdenken an, das ist ganz klar. Aber DEN Song für meinen Sohn habe ich noch nicht geschrieben – auch wenn das sicherlich kommen wird. Aber ich glaube, jeder Musiker, der Vater wird, weiss schon vor der Geburt, dass man diesen Song schreiben wird, als wohl den persönlich wichtigsten überhaupt.

Tommy, wirst du einen Track über deinen Nachwuchs machen? Oder bleibt das Privatsache?

Tommy Vercetti: Ich habe meist versucht, meine privaten Probleme oder Geschehnisse eher auf einer «allgemeinen» Ebene in meinen Songs zu verhandeln. «Brief a Misäuber» handelt klar von Beziehungsproblemen, die ich selbst erlebt habe, aber man kann daraus wenig auf tatsächliche Geschehnisse in meinem Privatleben schliessen. So gesehen hab ich meinen Nachwuchs schon thematisiert: auf der Polarlos EP handeln drei Songs teilweise davon.

In der Schweiz sind Rapper keine Superstars fernab von zuhause, sondern völlig normale Leute, die man auf der Strasse sieht. Ist es so schwieriger, sein Kind von der eigenen öffentlichen Persona abzuschirmen? Oder macht es das genau einfacher?

XEN: Wenn du Rapper bist oder generell einfach irgendetwas machst, mit dem du dich in der Öffentlichkeit positionierst, ist es automatisch so, dass dein Kind auch ein wenig miteinbezogen wird. Aber ich versuche schon, meinen Sohn nicht mit meinen Fans zu teilen. Klar gibt es ab und an eine Story oder so, aber ich will auch, dass die Leute mein Familienleben respektieren und mich nicht schreiend bedrängen mit Fotowunsch etc., wenn ich mit dem Wagen draussen bin. Und die allermeisten respektieren das auch, aber nunmal nicht alle. Deshalb ist es auch wichtig, das Kind ein wenig abzuschirmen, auch wenn das nie komplett funktionieren wird. Aber meine Fans sind für gewöhnlich sehr respektvoll mir gegenüber diesbezüglich, das schätze ich auch sehr.

EffE: Wie du erkannt hast, sind CH-Rapper keine Superstars, gerade deshalb kann man nicht von einem Abschirmen der Kinder sprechen. Ich gebe vielleicht über Social Media nicht so viel bekannt, wie es meine Freunde ohne Fame tun, dennoch teile ich gerne Bilder oder Ereignisse der Kinder mit meiner Community, weil ich sehr stolz auf sie bin.

Tommy Vercetti: Das scheint mir in der Schweiz recht harmlos, zumal der Schweizer Rap ja nicht gerade paparazzi-verfolgte A-Promis hervorbringt. Man sollte zum Schutz und Recht des Kindes dem Drang widerstehen, Fotos und Videos auf den sozialen Medien zu posten, aber das gilt eigentlich für alle Eltern.

Maurice Polo: Es ist easy. Ich geniesse es, die Kinder übrigens auch. Wenn wir als Familie unterwegs sind und Personen ein Autogramm oder Foto wollen, ist das cool für uns alle. Die Kinder macht das sehr stolz und weiter ist es für sie auch in der Schule etwas Besonderes. Ihre Freundinnen und Freunde beneiden sie, weil sie wissen, dass der Papi ein «berühmter» Rapper ist. Aber alles im Rahmen, es ist nicht so, dass sie täglich damit konfrontiert werden, bin ja schliesslich auch kein Stress oder Bligg. (lacht)

Gibt es jemanden, den du in der Funktion Vater/Rapper als dein Vorbild bezeichnen würdest oder von dem du abkupfern willst und wieso?

XEN: Ein konkretes Vorbild habe ich nicht, ich denke jeder macht seine Erfahrung selbst damit. Niemand wird als Vater oder Mutter geboren, das ist etwas, was jeder selbst lernen muss. Deshalb schaue ich auch niemandem genauestens auf die Finger oder so. Ich denke in Amerika ist das um einiges schlimmer, da wird ein regelrechter Kult um die Kinder gemacht. Aber hierzulande machen es eigentlich alle super, ich freue mich immer zu sehen, wenn andere Rapper auch Väter sind. Das ist immer der Beweis für mich, dass es immer klappen kann, Familie und Musik unter einen Hut zu bringen.

EffE: Ich interessiere mich nicht, wie andere Rapperväter das so machen und kann darum kein Vorbild nennen. Ich will für meine drei Kinder der beste Vater sein und ihnen eine sorgenlose Zukunft bieten. Dies sollte das Ziel eines jeden Vaters sein.

Tommy Vercetti: Da bin ich zu wenig informiert, aber ganz sicher nicht mein Vorbild ist der chauvinistische Schweizer Bundesrat, der einen Tag Vaterschaftsurlaub völlig in Ordnung findet, und damit seine Speichelleckerei beim Grosskapital auch im 21. Jahrhundert auf dem Rücken der Frauen und Familien austrägt. Deshalb: beteiligt Euch am Frauenstreik am 14. Juni, das geht uns alle an!

Maurice Polo: Nein, niemanden spezifisch. Ich respektiere ALLE Rapper, welche eine Grossfamilie haben, sich um die Kids kümmern, stolz sind und nebenbei dope Musik machen. Ein liebevoller Vater und erfolgreicher Unternehmer zu sein, ist das Realste, was ein Mann sein kann. Ich habe keinen Respekt vor diesen Wannabe-G’s, welche nur Scheiss lallen. Ein richtiger G ist, wer sich um seine Familie kümmert. Facts.