Nativs «Baobab» ist ein Projekt der Reflexion und des Nachdenkens über eigene Handlungen, eigene Denkweisen und den momentanen Status der Welt. Keine ignoranten Party-Tracks die zu blindem Abgehen animieren, kein konstantes Flowflexing, sondern intelligente Gedanken eines Menschen, der mehr als nur sich selbst im Kopf hat.

In «Parisienne Vert» wirft mich Nativ in seiner immer wiederkehrenden Thematik des Nachdenkens und der Reflexion in diese prinzipiellen Denkmuster zurück. Die Monotonie und durchdringende Tiefe in Nativs Stimme lässt «Parisienne Vert» mehr wie ein Konzept einer geführten Meditation scheinen, die Metaphern werden als Bilder greifbar, ohne dass ein persönlicher Bezug zur Rue de Morat nötig ist. Der Kreis um die Rue de Morat ist jede Nachbarschaft, Nativ auf dem Balkon jeder von uns und der Bootsy Collins Tune jeder je geschriebene Lieblingssong.

[Verse]

Sitze dusse ufem Balkon
Mängisch chumi mir so alt vor.
7 Nachrichte uf mim Cellphone
Aber ich ha no öppis vor, drum stelli d Wält stumm.
Hanes Rendez-vous mit mir sälber,
Willd Zit für mi, die nimmi mer viel z’sälte.
I bi i Clubs und gibe Gäld us woni nid ha,
Hitte Chicks ohni Grips nur, dassi gfiggt ha, aber nid hüt.
S Läbe isch e Boustell und i wott fertigwerde, bevori dr Tod gseh.
Früecher umd Hüser zoge wie dr Lothar,
Hüt bini introvertierter als mi Grandpa.
Aber isch okay,
I dänke gern nache,
Soviel Lehrtage,
Wos mängisch schwermache,
Dassi cha abschalte,
Aber das söll mis Schicksal si,
Zünde e Zigi ah und luege ufd Strass abe.

[Hook]

Es isch e ruhigi Nacht ume Kreis ade Rue de Morat.
Bi wach wennd Sunne schlaft, Chopfhörer i mine Ohre.
Lose Bootsy Collins, de glich Tune gäng wieder vo vore,
Ade Rue de Morat,
Ade Rue de Morat.

[Verse]

Gseh z Färnsehflimmere dürs Fänster im Block vis-à-vis,
S mues e Krimi si
Oder e Doku überd Technoszene in Rotterdam,
Was irgendwodüre ja chli z gliche isch.
I ha ke Zit uf mir, aber i bruch se grad nid,
Hüt bruchi nume mi,
Luege zum Mond und reflektiere chli.
All die schlächte Entscheidige verdiene mi,
will hüt weissi z Karma isch real.
Zeige allne woni liebe jede Tag, dassi sie liebe, füre Fall, dass üs z Schicksal morn wott trenne vonenand
Und mache mis Glück nümm abhängig vode Mönsche, willi gmerkt ha: D Schönheit, sie liegt überall, sie isch unändlich wienes All.

[Hook]

Es isch e ruhigi Nacht ume Kreis ade Rue de Morat.
Bi wach wennd Sunne schlaft, Chopfhörer i mine Ohre.
Lose Bootsy Collins, de glich Tune gäng wieder vo vore,
Ade Rue de Morat,
Ade Rue de Morat.

[Beatswitch / Verse]

Yeah. (x16)
Life,
Mängisch bini baff u dänke ayy.
S Läbe ische Journey wiene Hype.
I wott nur chli Layback mitre Wifey.
Aber immer wieder stressi mi mit Scheiss.
De Success macht eim so glücklech, d isch e Lie.
Ich cha irgendwie nüt afa mit de Likes.
Küsse se ufd Lippe sie seit: «Sike!»,
Will sie hockt nume druffe wegem Hype.
Ich cha nümme truste, ds isch damned.
Drum bini immer wieder gern allei.
Glück isch nid konstant, s isch wiene Jet.
Doch ich cha mi ned beklage, i bi blessed.
Denn das Läbe, es isch wiene Test (x3).
Denn das Läbe ische Säge, wennd drus lehrsch.

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Sitze dusse ufem Balkon, mängisch chumi mir so alt vor

Nativs selbstreflexiver Monolog startet mit einer Szene, in deren Beschreibung man sich denken könnte, dass «Parisienne Vert» tatsächlich im Hintergrund läuft: Ein Balkon über mässig bewegter Strasse, Zigarette statt Handy in der Hand und stundenlanges Versinken in den eigenen Gedankengängen, bis es dämmert, dass man ja doch noch ein wenig Zeit hat, um zu leben.

Hanes Rendez-vous mit mir sälber, willd Zit für mi, die nimmi mer viel z’sälte

Das einköpfige Tête-à-tête auf dem Balkon ist nicht nur minimale Existenzkrise aufgrund des eigenen Alters, sondern auch Nativs Gegenentwurf zum eigenen Sozialleben. Wer von Ort zu Ort eilt, von Person zu Person sprintet, dem bleibt nicht viel Zeit auszuruhen und sich auf das Selbst zu fokussieren.

Ich bi i Clubs und gibe Gäld us woni nid ha, hitte Chicks ohni Grips nur dassi gfiggt ha, aber nid hüt

Nativ reflektiert über einen anderen Nativ, welcher auf «Baobab» keinen wirklichen Zugang finden kann. Zu kritisch, zu relevant sind die Texte, als dass ein übermütiger Macho-Charakter im momentanen musikalischen Augenblick konstruktiv mitreden könnte. Hochmut kommt vor dem Fall, right?

S Läbe isch e Boustell und i wott fertigwerde, bevori dr Tod gseh

Nativ stellt mit dieser Metapher die Ausnahme auf, in welcher man sich über jahrzehntelange Bauarbeiten nicht nervt, sondern sich eher daran erfreut, solange sie vor dem eigenen Ableben fertiggestellt werden. Gegenfrage Nativ: Kann man überhaupt fertigwerden? Ich glaube nicht und wünsche mir einen Berliner Flughafen.

Früecher umd Hüser zoge wie dr Lothar, hüt bini introvertierter als mi Grandpa

Orkantief Lothar war 1999 für Schäden in Höhe von 1,78 Milliarden Franken verantwortlich. Während Nativ in jugendlicher Impulsivität Häuser noch symbolisch abgerissen hat, spielen Balkon und die Selbstreflexion heute wohl eine wichtigere Rolle in der Verwirklichung des S.O.S-Members.

All die schlächte Entscheidige verdiene mi, will hüt weissi s Karma isch real

Aus Fehlern sollte man lernen. Anscheinend hat Nativ das Karma-Konzept zu spüren bekommen und nimmt die eigenen schlechten Entscheidungen der Vergangenheit hin, um aus eigenen Fehlern schlussendlich etwas Positives zu schaffen.

Und mache mis Glück nümm abhängig vode Mönsche, willi gmerkt ha: D Schönheit, sie liegt überall, sie isch unändlich wienes All

Wer die eigene Antwort zur Frage des glückerfüllten Lebens noch nicht gefunden hat, muss für das keine Buchhandlung mehr aufsuchen, um Ratgeber diverser Kleinkapitalisten mit Leuchtmarker zu bombardieren. Die Schönheit und die Schönheit des Glücks findet sich anscheinend in ihrer Unendlichkeit und Allgegenwart.

De Success macht eim so glücklech, d isch e Lie. Ich cha irgendwie nüt afa mit de Likes

Nativ kritisiert ein Trugbild an der Gesellschaft, das vice versa funktioniert. Das Portrait des erfolgreichen Künstlers, der 24 Stunden am Tag, Sieben Tage in der Woche an Festivals spielt, Konzertgigs gibt und konstant musikalischen Output bringt, eicht ein Publikum zum blinden Hype eines Künstlers. Und weder die Likes generiert durch das trügerische Portrait, noch der tatsächliche Lifestyle seien irgendwie zufriedenstellend.