«Digital Politics» ist eine Rückbesinnung an Dawills sozialkritische Schiene und ein Leckerbissen für die Day-One-Fans, die laut Songtext verletzt seien. Dawill setzt mit seiner neusten Single einen reflexiven Akzent im Vibe von «Infinite Awareness» und erinnert uns in cleveren Lines daran, dass er nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch Einiges im Arsenal hat.

Dawill meldet sich nach «Moringa», einem mehrheitlich emotionsgeladenen, intimen Album, wieder zurück und fährt eine Schiene die altbekannt ist. Die Single «Digital Politics» ist sozialkritisches Auskotzen über die eigene Situation während vier Minuten, ohne dass Dawills Redefluss von einer Hook gestört wird. In einer Flut an Bars weckt Dawill sicherlich in einigen Fans Nostalgie an «Infinite Awareness». Wir haben diesen überlangen Verse genauer unter die Lupe genommen.

Es git e chlini Tour durch mini Gedankegäng.
Lang här sitdem i Dampf abgla ha. Weg dem: Lets get it.

[Verse]

Digitali Politik, Zyte hei sich gändret.
S Läbe isch e Bitch u iz isch sie schwanger.
Sit de Streaming-Plattforme isch hie aues angersch,
Mir wärde pimpt, wie detzmals d Indianer.
Aui Rapper rappe Beef, doch i bi Vegetarier, isse Apples und studiere neui Algo-Rhythme.
Musig us de Playlists si ihri Lieblingssongs u i bechume nur e Spot if I play along.
Das heisst Mikrowellehits, wenig Inhalt, wenni d Autotune-Refrains muess mache, wills de Kids gfallt.
I weiss – eigetlech müessti nid aber lowkey hani Angst, vorm wieder bitter u broke sii.

Ha s Potential zum platze, aber schwierig. S Game isch viu z chli u die Schwizer fühle mi nid.
Zu dräckig mit de Lyrics, zu real für chli Gimmicks u für ds sie mi mau spiele, müessti usgseh wie dr Mimiks.
Wisse Rapper, schwarze Rapper, leider no e Ungerschied.
Mittelschicht-Kid, i bi z rich füre Ungerschicht.
Innerlich e Star, doch im Bös chilli leider nid.
Träume vodr Wält, doch die Verses verstöh sie nid.

Sony adr Tür, sie wei Rächte für die Hits. Gibe eine, drü, när mau luege was passiert.
«Was passiert?», frage sie. Wieso wieso machi de Switch.
I muesses angersch handle, susch entwickli mi ja nid.
I bruche Range, i weiss, widersprüchlich wasi mache, tuet mer Leid.
Aber bruche Tribhus, i muess wachse Mann, du weisch.
Mini Vene si so wie Tentakle i dem Game,
I gah ersch uf, we mis Business lauft, du weisch.
I bi no dr glich, i wott ds du mi versteisch.
Twins hei Hunger, bruche Checks,
Depressione schliche, i ha Para wegem Stress.
Boue Strasse, dirty wie Asphalt und Asbest.
Lueg i maches immer mi Wäg, figge Haters u si Chef.
Day-One-Fans si verletzt,
Sege i rappe nurno über Fraue oder über Sex.
Tuet mer leid, aber i bruch keinerlei Respect,
Wiu i gseh us wiene Uni, alli Birds gebe Head.
Musig isch e Säge und e Falle,
Wiu die Komplimänte föi mer langsam afa schade.
Lebendigi Liche, i bi lebändig begrabe,
Unger Snakes, unger Woes, unger fake-ass Sache.
Wenni drüber nachedänke, machi keim e Gfaue.
Je witer dassi stige, je härter wirdi falle.
Mini Troumfrou wott mi nimau meh umarme,
will sie seit, ich ha kei Zit für sie. I bi nur am balle,
Sueche nachem Batze on the Road,
S Einzige was zahlt, sind die Gage uf de Shows.
Konkurrenzkampf wege Money mit de Bros,
Mach, ds mer üs verstrite, will sie bisse mini Flows.
Ha mi zrüggzoge wege Manipulation,
Troue niemerem meh, Mann, jetz bini alone.
Aui junge Rapper werde langsam mini Clones,
Alkohol Ego Baby, you know how it goes.

Demons um mi ume wei mi teste.
Doch i ha e Spicker, ha e Glock i mine Texte.
I bi ke Guevara, lueg i gibe nur mis Beste
U gibe der es Bispil, nur so chani di rette.

Weg dem hani ufghört, z preache,
I cha di nid ändere, du muesch di selber teache.
Du muesch für di da si, i bi nur e Spiegu,
Dass du gsehsch, es isch möglich. Baby, muesch der nur die Zit nä.
Und i nime mer die Zit für mi sälber.
Mini Fam, mini Ching, mini Ex, mini Brothers, mini Dreams, mini Sins, mini Visions, mini Taler (Taler???), mini Songs, mini Wrongs, aues Andri muessi striche.
Si si ned uf mire Liste, doch ihri Birds uf mire Liste, figg uf dini Zwifle Maaan.

 


Musig us de Playlists si ihri Lieblingssongs u i bechume nur e Spot if I play along.

Dawill kritisiert eine Konsumenten- und vor Allem Industriehaltung, die wohl in den Zeiten der Bravo-Hits-Compilations entstanden ist. Mit Streamingdiensten hat sich die Dynamik zwischen Hörer und Künstler verschoben. Durch strategisch konstruierte Playlists werden von Spotify & Co. gezielt Künstler gepusht und somit auch gezielt Künstler ausgelassen. Als Konsument ist es bequemer, genrespezifische Playlists zu hören. Auf dem Radar hat man somit allerdings nur, wer in diesen Playlists ist.

Ha s Potential zum platze, aber schwierig. S Game isch viu z chli u die Schwizer fühle mi nid.

Medienpräsenz und öffentliche Aufmerksamkeit fehlen dem Schweizer HipHop. Eines der gesellschaftlich beliebtesten und wichtigsten Genres wird in den grossen Events vorweggelassen. EffEs Birne auf der Stage war der grösste Aufschrei an den SMAs in Dingen CH-Rap und die Schweizer Vorzeigerapper sind mehr Pop-Musiker, die kritisiert werden, wenn sie eine raplastige, experimentelle Schiene fahren. Es ist nicht unbedingt das Game, das zu klein ist und auch nicht die Fans, die Dawill fehlen, sondern die breite Akzeptanz des Genres.

Innerlich e Star, doch im Bös chilli leider nid.

Spätestens der S.O.S-Auftritt am LYRICS Festival hat endgültig bewiesen, dass Dawill innerlich tatsächlich ein Star ist – wohl kein anderer Schweizer Musiker traut sich einen Stagedive in eine Crowd, die zuvor schon fünf Stunden lang Moshpits geöffnet hat. Für den Tourbus reicht es dennoch (noch) nicht.

I bruche Range, i weiss, widersprüchlich wasi mache, tuet mer Leid.

Dawills Independent-Schiene bringt absolute künstlerische Freiheit mit sich. Keine Bindung an Verträge, keine vorgeschriebene Marketingstrategie und niemand ausser Dawill, der über die Musik urteilen und etwas mit dem Urteil bewirken kann. Doch Independence ist ein hartes Geschäft. Ohne den Push eines Majorlabels ist es schwieriger, in die bereits erwähnten Playlists zu kommen, im Radio gespielt zu werden oder prominent platzierte Werbung für ein Album zu schalten. Die Independence lebt von der absoluten künstlerischen Freiheit, büsst allerdings an finanzieller Freiheit und somit an Range ein.

Twins hei Hunger, bruche Checks,
Depressione schliche, i ha Para wegem Stress.

Beabsichtigt oder nicht, der Begriff Para für Paranoia und für Geld ist cleveres Wortspiel nach einer Line, in der es um Geld geht. Auch hier spricht Dawill wieder ein Dilemma im Künstlerdasein an: Es ist brotloser als man denkt und auch Musiker müssen eine Familie ernähren. Und auch vor Depression und Stress ist man nicht geschützt, nur, weil man Fans und Streams hat.

Musig isch e Säge und e Falle,
Wiu die Komplimänte föi mer langsam afa schade.

Inmitten von Rampenlicht, Stagedives und alltaggewordenem Abriss kann man sich leicht verlieren. Mit dem Erfolg kommen die Starallüren und Komplimente erschweren die kritische Selbstreflexion. Und auch wenn sich Dawill hier ein wenig in die Mangel nimmt: Solange es noch für kritische Reflexion reicht, ist der Schaden noch nicht verheerend.

Sueche nachem Batze on the Road,
S Einzige was zahlt, sind die Gage uf de Shows.

Ein wiederkehrendes Motiv in «Digital Politics» ist die Beziehung zwischen dem Musikerleben und Geld und es scheint keine einfache Beziehung zu sein. Durch die Entwicklung der Streaming-Plattformen im letzten Jahrzehnt verändern sich die Einnahmequellen der Musiker. Es ist kein Zufall, dass Musiker heute mehr Shows spielen als noch vor zwanzig Jahren. Der Erlös aus physischen Albumverkäufen ist heute nur noch ein Bruchteil von dem, was er früher war, da Streaming die Norm geworden ist und physische Alben vor Allem sentimentalen Wert haben. Durch Streams reich zu werden, ist fast unmöglich und die beste Möglichkeit, die einem Musiker in der Schweiz noch bleibt, um Geld zu verdienen, sind Werbeverträge und Konzertauftritte.

I bi ke Guevara, lueg i gibe nur mis Beste.

Auch erfolgreiche Menschen sind letztendlich nur Menschen. S.O.S hat die Schweizer HipHop-Kultur revolutioniert und eine Strömung geschaffen, die heute aus der Szene nicht mehr wegzudenken ist. Dennoch ist Dawill kein Revolutionär, kein «Volksheld» und hat auch nicht wie Che Guevara, einen Personenkult um sich geschaffen. Der Berner ist lediglich ein Individuum, das das Beste aus sich herauszuholen versucht.

Weg dem hani ufghört, z preache,
I cha di nid ändere, du muesch di selber teache.

Infinite Awareness» war ein Album voller gesellschaftskritischer Gedankengänge, eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt, in der man lebt. Ein Versuch, sich selbst und in gewisser Art und Weise auch die Audienz zum Nachdenken zu zwingen. Das letztjährige Album «Moringa» jedoch hat sich von diesem Ideal entfernt. Auf «Moringa» ist Dawill keine gesellschaftskritische, preachende Stimme mehr, sondern ein Individuum, das sich auf die eigene Situation fokussiert – mit dem Zwischenmenschlichen als Mittelpunkt des Albums. Als HörerIn fühlt man nicht mehr in den eigenen Systemen und Denkweisen ertappt, sondern erhält Zugang zum Album durch eine Identifizierung mit dem, was Dawill fühlt und aussagt. Die Systeme, in denen man gefangen ist, muss man jedoch selbst erkennen und sich selbst helfen. Dawill kann uns die Infinite Awareness nicht aufzwingen.